http://www.faz.net/-gq5-7mjy1

Proteste in der Ukraine : Janukowitsch stimmt Waffenstillstand zu

  • Aktualisiert am

Betend: Ein Regierungsgegener auf dem Maidan in Kiew Bild: AP

Die Zeichen standen abermals auf Eskalation: Soldaten wurden nach Kiew verlegt, der Armeechef ausgetauscht. Dann hat sich der ukrainische Präsident Janukowitsch doch auf einen Waffenstillstand eingelassen. Tausende verharren auf dem Unabhängigkeitsplatz (Livestream).

          Nach blutigen Straßenschlachten in Kiew hat der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch nach Oppositionsangaben einen Waffenstillstand zugesagt. Das teilten die Regierungsgegner Arseni Jazenjuk und Vitali Klitschko nach einem Treffen mit dem Staatschef an diesem Mittwochabend mit. Vor dem eilig anberaumten Gespräch hatten sich beide Seiten noch unversöhnlich gezeigt. Die Führung warf ihren Gegnern Nähe zu Terroristen vor, Klitschko kritisierte Janukowitsch als „blutigen Diktator“.

          Die Sicherheitsdienste in der Ukraine hatten am Nachmittag einen landesweiten „Anti-Terror“-Einsatz angekündigt. Der Nationale Sicherheitsdienst sowie das Zentrum für Terrorabwehr hätten die Entscheidung für diesen Einsatz getroffen, heißt es in einer Erklärung des Vorsitzenden der Sicherheitsdienste, Oleksander Jakimenko.

          Zahlreiche Verwaltungsgebäude seien in den Stunden zuvor gestürmt worden. Dabei seien Waffen und Munitionsdepots „von extremistischen Gruppen“ geplündert worden, begründen die Behörden den Schritt. „Die extremistischen und radikalen Gruppen bedrohen durch ihre Handlungen das Leben von Millionen Ukrainern“, heißt es weiter.

          Nach der Ankündigung des Einsatzes mit umfassenden Vollmachten für die Streitkräfte hat der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch den Armeechef des Landes entlassen. In einer kurzen Erklärung teilte der Staatschef am Abend mit, er habe Wolodimir Samana durch Juri Iliin ersetzt. Eine Begründung wurde nicht angegeben. Auch das Militär hätte am „Anti-Terror-Einsatz“ teilnehmen und Schusswaffen einsetzen können.

          Tausende Demonstranten harren weiter aus

          Etwa 5000 Menschen hatten auf dem Unabhängigkeitsplatz, dem Majdan, im Zentrum Kiews verharrt. Unablässig spritzte die Polizei mit starken Wasserwerfern in die Menge, die sich mit behelfsmäßigen Schilden zu schützen versucht. Feuerwerkskörper und Brandsätze flogen regelmäßig auf die Reihen der schwer bewaffneten Sicherheitskräfte. Von einer Bühne aus forderten Redner die Regierungsgegner zum Durchhalten auf.

          Auch am Mittwochabend stehen die Demonstranten auf dem Majdan hinter brennenden Barrikaden Bilderstrecke

          Immer wieder erklang die Nationalhymne. Pastorale Choräle hallten über den strategisch wichtigen Majdan. Unablässig waberten Gerüchte über einen baldigen Sturm des Platzes durch das Internet. Frauen und Kinder waren auf den Straßen in Kiews Zentrum kaum zu sehen. An vielen Ecken wachten Verkehrspolizisten mit automatischen Waffen.

          Der Rest der Innenstadt wirkte wie ausgestorben, Geschäfte blieben nach einem Aufruf der Behörden zu einem Ruhetag ebenso geschlossen wie Schulen und Kindergärten. Auch die U-Bahn stand still.

          Beobachter rechneten mit noch mehr Toten

          Bisher sind nach offiziellen Angaben allein in Kiew 26 Menschen bei den Ausschreitungen ums Leben gekommen - Demonstranten wie Polizisten, darunter auch Schussopfer. Doch Beobachter befürchten noch mehr Tote. Zudem sind offenbar mehr als 1000 Demonstranten sowie 300 Sicherheitskräfte verletzt, viele schwer, viele mit Schusswunden. Gerüchte machen die Runde. Gibt es Scharfschützen? Emissäre womöglich aus Russland in ukrainischen Uniformen? Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation.

          Das riesige Gewerkschaftshaus direkt am Majdan ist rußgeschwärzt, Rauch zieht aus zersplitterten Fenstern. In dem Gebäude mit der charakteristischen Uhr auf dem Dach sollen Stockwerke im Feuer eingebrochen sein, die Rettungskräfte mussten sich zurückziehen. Hier hatten die radikalen Demonstranten ihr Hauptquartier.

          Weitere Themen

          Vereint in Schmerz und Wut Video-Seite öffnen

          Ukraine : Vereint in Schmerz und Wut

          In einer Kneipe in Mariupol treffen sich Studenten, die vor dem Krieg in der Ostukraine geflohen sind. Was denken sie über ihr Land, Russland und die EU?

          Topmeldungen

          Streit um UN-Migrationspakt : Wie man erst recht im Bockshorn landet

          Jens Spahn will auf dem Hamburger CDU-Parteitag über den UN-Migrationspakt abstimmen. Auch wenn manche das als seinen letzten Strohhalm im Rennen um den Parteivorsitz deuten – der Grundkonflikt ist nicht neu. Er wurde nur lange nicht ausgetragen. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.