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Präsidentenwahl in Polen : Desaster aus heiterem Himmel

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski mit seiner Frau Anna (rechts) während einer Wahlkampfveranstaltung in Krakau - für ihn könnte es knapp werden. Bild: Imago

Polen steht vor einem Beben: Der Kandidat der erfolgsverwöhnten Bürgerplattform hängt angeschlagen in den Seilen. Besonders groß war sein Einbruch in Danzig. Was ist hier geschehen?

          Es steht noch da. Das schwere Gittertor, vor dem die Kameras standen, als hier für ein paar Wochen der Mittelpunkt der Erde war, ist verschlossen wie eh und je. Das Pförtnerhaus, eine Betonschachtel des Spätsozialismus, steht daneben, als sei nichts gewesen. Die mächtigen Lettern „Stocznia Gdanska“, Danziger Werft, prangen hoch und grau über der Einfahrt. Im August 1980, als hier auf dem Werftgelände mit den Streiks der Gewerkschaft „Solidarnosc“ das Ende des sowjetischen Imperiums begann, kannte jeder, der Fernsehen sah, diesen Platz. Schmutzige, übermüdete, aber vor Glück über ihren eigenen Mut strahlende Arbeiter winkten durch die Gitterstäbe vom besetzten Gelände, der Rest der Stadt, Mütter, Frauen, Studenten, drängte sich begeistert draußen, bepackt mit Brot, Wurst, Suppe für die Männer drinnen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.

          Heute ist vieles anders. Polen ist seit 26 Jahren unabhängig, und am Sonntag wird die Nation zum sechsten Mal seit dem Sturz der Diktatur ihren Präsidenten wählen. Der Amtsinhaber Bronislaw Komorowski von der liberal-zentristischen Bürgerplattform stellt sich im zweiten Wahlgang Andrzej Duda von der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ des früheren Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski.

          Die Überraschungswahl

          Das Rennen ist offen. Der Herausforderer, angetreten vor einem halben Jahr als hoffnungsloser Außenseiter, hat unerwartet den ersten Wahlgang gewonnen. Komorowski, der amtierende Präsident, eben noch sicher gebettet auf einem Polster positiver Umfragen, ist am 10. Mai überraschend eingebrochen. Seither ist offen, ob am Sonntag für ihn und seine „Bürgerplattform“, die unter dem gewesenen Ministerpräsidenten Donald Tusk und seiner Nachfolgerin Ewa Kopacz seit 2007 das Land dominiert, das Ende beginnt.

          Herausforderer Andrzej Duda - hier mit seiner Frau Anna und Tochter Kinga auf einer Wahlkampfshow in Polens Hauptstadt Warschau - überraschte im ersten Wahlgang.
          Herausforderer Andrzej Duda - hier mit seiner Frau Anna und Tochter Kinga auf einer Wahlkampfshow in Polens Hauptstadt Warschau - überraschte im ersten Wahlgang. : Bild: Reuters

          Wie in ganz Polen ist auch am Danziger Werfttor nichts mehr wie damals. Das Tor ist noch da, aber die Werft ist weg. Wo früher Hallen standen, zieht windige Brache sich zur toten Weichsel. Grau die Schafgarbe vom alten Jahr, grün der Klee vom neuen, braun die Ruinen. Nur von weit hinten, vom Ufer, weht der Ton einer Betonmischmaschine herüber. Da ziehen sie einen dieser neuen Wohnkomplexe hoch, Stahl, Luxus, Terrassen. Die Plakate zeigen glückliche Menschen auf Uferpromenaden.

          Links von der Werkseinfahrt dann der Triumph der Gegenwart: Roheisen, Stahlträger, Glas – ein Gebirge futuristischer Industrieästhetik, Kulturtempel und klimatisierte Wellnesslounge zugleich: Das „Europejskie Centrum Solidarnosci“ (ECS), eröffnet 2014 mit europäischer Hilfe als Museum des antikommunistischen Widerstands, komplett mit Bibliothek und Bildungszentrum.

          Das alte Tor der Solidarnosc und die hypermoderne Architekturmaschine: das hätte eigentlich ein Schlüsselbild für Polens Erfolg sein können. Das Land ist ja eigentlich aufgestiegen, seit 2007 die „Bürgerplattform“ hier die Regierung führt. Die Wirtschaft ist trotz Krise unentwegt gewachsen, die Monatseinkommen im Unternehmenssektor sind seit 2007 von 710 auf 944 Euro (2013) gestiegen. Donald Tusk hat es zum Chef des Europäischen Rates gebracht, Einwanderungsprobleme wie anderswo in Europa sind in Polen noch fast unbekannt.

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