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Veröffentlicht: 17.12.2015, 22:23 Uhr

Britische Parallelwelt Der Koranhändler von Bury Park

Im britischen Luton ist eine Parallelgesellschaft entstanden. Muslime, vor allem Pakistaner, leben unter sich - und wenn die Falschen kommen, fliegen Eier. Unter der Oberfläche religiöser Sittsamkeit brodelt der Hass. Ein Besuch.

von , Luton
© Getty Gut betucht: Muslimische Frauen in der englischen Stadt Luton

Wer das Übel an der Wurzel bekämpfen wolle, schrieb der Kolumnist Rod Liddle kürzlich, sollte nicht den „Islamischen Staat“ in Syrien bombardieren, sondern Luton. Luton, eine Stadt so groß wie Mainz, liegt fünfzig Kilometer nördlich von London. Sie ist zur Chiffre geworden für den islamischen Extremismus im Königreich. In manchen Vierteln sind Parallelgesellschaften entstanden, die abgeschottet in ihrer Welt leben. Von hier ist in den vergangenen Jahren nicht viel Gutes ausgegangen. „Sie wollen nach Bury Park?“, fragt der Busfahrer ungläubig, während er die einsteigenden Schulkinder zählt. Er beschreibt den Weg, es sind nur ein paar Straßen von hier, dann sagt er: „Das ist ein sehr ethnisches Viertel. Wir nennen es auch Blackberry Park – Sie verstehen.“ Mehr als vierzig Kinder sitzen jetzt im Bus. Der Transport sieht aus, als startete er in Dhaka oder Lahore. Der Fahrer lacht: „Manchmal ist auch ein weißes Gesicht dabei, aber dann ist es ein polnisches.“

Jochen Buchsteiner Folgen:

Bury Park war einmal ein englisches Arbeiterviertel. Als die ersten Einwanderer in den sechziger Jahren kamen, arbeitete man bei Vauxhall, dem Autobauer, und im Viertel, erinnert sich ein alter Kaschmirer, gab es nur ein einziges asiatisches Restaurant. Inzwischen gibt es kein einziges englisches mehr. In den Straßen rechts und links der Dunstable Road ist überhaupt nichts mehr zu finden, was an das alte England erinnert. Weit und breit kein Pub. Kein Wettbüro. Nirgendwo ein Anzug im Schaufenster oder ein Kleid, das nicht bis zur Erde reichen würde. Stattdessen hängen Kaftane auf den Bügeln und Burkas, die bei „Zamzam“ um sechzig Prozent reduziert sind und gerade für zwölf Pfund zu haben sind. Die Fleischer werben damit, dass sie „halal“ sind, also nach muslimischer Art schlachten und kein Schweinefleisch verkaufen. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Heiligen Abend, aber nirgendwo ist in Bury Park ein Weihnachtsbaum zu sehen, nicht einmal ein Tannenzweig, kein Schmuck, keine Musik.

Von Bedrohung zunächst keine Spur

Einer der wenigen Berührungspunkte, die die Muslime hier noch mit Großbritannien haben, ist blond, trägt eine adrette Uniform und einen Hut mit kleinen Karos. Die Dame, nennen wir sie Susan, arbeitet für das Ordnungsamt, läuft täglich die Dunstable Road hinunter und schreibt Falschparker auf. Hier, in Bury Park, hat sie besonders viel zu tun, aber das, sagt sie, sei gar nicht ihr Problem. Was dann? Susan wird verlegen, denkt kurz nach und antwortet dann ausweichend: „Ach, wir sind ja immer zu zweit unterwegs.“ Schließlich bricht es doch aus ihr heraus. „Alleine würde ich den Job hier nicht machen, nie! Und schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit.“ Jim, ihr Schichtkollege, zieht sie weiter. Nur nicht schlecht über Luton sprechen, über die Stadt, die sie ernährt.

Infografik / Karte / Flüchtlinge rund um Syrien © dpa Vergrößern

Bury Park wirkt nicht bedrohlich, nicht an der Oberfläche. Wer die Männer im Shalvar Kamiz beobachtet, wie sie plaudernd zur Moschee schlendern und danach Tee bei „Ambala“ trinken, der fühlt sich in ein Dorf im Punjab versetzt. Nur dass es in Bury Park religiöser zugeht. Die Frauen betrachten den Schmuck des Juwelliers „Mirpur“ durch die Schlitze ihrer Burkas. Die Jungs, die am Nachmittag aus der Al-Hikmah-Schule stürmen, tragen blütenweiße Gewänder und Gebetskappen. Es geht sittsam zu in Bury Park. Hässliche Regungen wie Misstrauen und Hass, Missgunst und Gewalt nisten in den Ritzen des Anstands.

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