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OSZE-Beobachter in Luhansk : Über die Hühnerleiter in den Besatzerstaat

Sie zählen die Schüsse und vermessen die Einschläge: Alexander Hug mit weiteren OSZE-Beobachtern Bild: Yulia Serdyukova

Bei ihren Erkundungen in der „Volksrepublik Luhansk“ lassen sich die Beobachter der OSZE weder von Klageweibern noch von Geschossen aus der Ruhe bringen. Gefährlich bleibt ihr Job jedoch.

          Ich rede mit Ihnen“, sagt Alexander Hug. „Ich gehe nicht weg.“ Die Stimmen der Frauen schwellen an: die erste, tiefere, die ein wenig zittert, die zweite, mittlere, und vor allem die dritte, hohe mit der schnellen Taktzahl, die an den Singsang der Armen vor ukrainischen Kirchen erinnert. Alexander Hug hebt die Hände, die Geste der Beschwichtigung. Er ist der stellvertretende Chef der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine, 700 Frauen und Männer, deren gepanzerte Geländewagen die Kraterpisten der von prorussischen Separatisten besetzten Industrieregion Donbass durchpflügen, um aus diesem Irrgarten von Blut, Schrott und Lüge wenigstens ein Minimum an Fakten zu destillieren.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gerade hat Hug die Brücke bei Stanizja Luhanska passiert, vom Regierungsterritorium ins besetzte Gebiet – oder besser: er ist mit seinem Trupp über das gekraxelt, was nach zwei Jahren Krieg am äußersten Ende der Ukraine von der Brücke übrig ist. Ein Teil ist in den Nördlichen Donez gestürzt, der hier kühl und schnell dem Asowschen Meer zufließt. Nur zu Fuß geht es noch hinüber, und auch das nur über zwei vernagelte Hühnerleitern – buchstäblich der einzige Zugang vom Regierungsgebiet in den Besatzerstaat „Volksrepublik Luhansk“. Wer nicht klettern will, muss eine Tagereise Umweg fahren – entweder durch die benachbarte „Volksrepublik Donezk“ oder östlich durch Russland.

          Großer Mann, helle Augen, bedächtige Gesten

          Immer noch das Crescendo der Stimmen. Immer noch wiegt Hug die Hand. Auf der Luhansker Seite ist er zuerst vom Grenzposten der „Separas“ empfangen worden, wie die Ukrainer die Besatzer nennen: Maschinengewehr, Gulaschkanone, Muttergottes in Goldrahmen, dazu per Graffito die Aufforderung an Barack Obama, es sich doch selbst zu besorgen. Kaum durch die Sperren, ist Hug dann einem dieser Frauenpulks in die Arme gelaufen, den „zornigen Müttern“, welche die Separatisten immer nach vorne stellen. Mit diesen „Babuschkas“ ist nicht zu spaßen; weil ein echter Kerl nicht auf Frauen schießt, haben sie zu Beginn dieses Krieges die damals völlig desorientierten ukrainischen Soldaten manchmal unter keifendem „schäm dich, Rotzlöffel“ heimschicken können wie Schuljungen. Die Panzer gingen dann an die prorussische „Volkswehr“.

          Jetzt haben sie also Hug in der Mangel. Er ist ein großer Mann, helle Augen, bedächtige Gesten. Mit dem Diensthelm der OSZE-Patrouillen steht er in der Menschentraube, die sich im Geschrei schnell gebildet hat (Babuschkas, Bewaffnete, Passanten), wie eine Fichte unter Latschenkiefern. Als Schweizer Diplomat mit Erfahrung aus Bosnien, dem Kosovo und Palästina hat er einiges gesehen, aber hier muss selbst er kämpfen.

          Den Anfang hatten russische Journalisten gemacht, der Erste Kanal und „Russland 24“. Es hagelte böse Fragen: Warum denn die ach so neutrale OSZE immer so „passiv“ sei, wenn die Ukrainer schlafende Dörfer bombardierten? Wieso seine Beobachter dauernd „unter Alkohol“ in den friedlichen Gaststätten des friedlichen Luhansk randalierten? Und was er zu der Kiewer Forderung sage, an die Stelle seiner zivilen Beobachter eine bewaffnete internationale Truppe zur Sicherung künftiger Kommunalwahlen zu stellen? Hug versucht es mit Ruhe. Ja, Angriffe auf Zivilisten gebe es wirklich, aber eben „von beiden Seiten“. Nein, zu einer bewaffneten Mission sage er nichts, das sei Sache der OSZE-Mitgliedstaaten. Und was die „betrunkenen Beobachter“ betreffe, so bitte er um Fakten, hier gebe es „null Toleranz“.

          Selbst unter Beschuss noch Gangsterrap hören

          Ganz ist er damit nicht durchgekommen. Noch während er antwortete, hatten sich diese Frauenstimmen erhoben, zuerst die tiefe, dann die mittlere, schließlich die hohe, drohend klagende. Manchmal klangen sie solo über den Fluss, manchmal als Duett, manchmal im dreistimmigen Furioso. Hug sprach zugleich weiter – leise, unbeirrt, aber je unbeirrter er sprach, desto wütender schwollen die Stimmen.

          Die Beobachter überqueren die „Kontaktlinie“ zwischen dem von der Regierung und dem von den Separatisten kontrollierten Gebiet.

          Die OSZE hat schon Schlimmeres erlebt. Wenn ihre gepanzerten Jeeps in den Staubfahnen der Steppe ausfahren, um Gefechte zu beobachten, Granattrichter zu vermessen, die Leichenhäuser nach Opfern abzusuchen, geraten sie immer wieder unter Feuer. Danach kann man sehen, was für eine Spur eine Kalaschnikow hinterlässt, wenn das Geschoss zwischen Außenblech und Panzerung seinen Weg sucht, bis es steckenbleibt: ein kleiner welliger Kanal unter der Haut, wie Venen bei alten Leuten. Wenn dann dieser böse Pfiff über die Helme saust, immer kurz vor dem Mündungsknall, werfen sie sich hin, wo immer sie stehen, zusammen mit Soldaten, mit Passanten, notfalls auch mit diesen Verrückten von den Milizen, die selbst unter Beschuss noch Gangsterrap hören. Dann kann man sehen, wie sich die Lippen der OSZE-Leute lautlos bewegen. Sie sind Beobachter, und ein Beobachter muss vor Schüssen zwar Deckung suchen, aber vor allem muss er sie zählen – die Richtung verzeichnen, Abschuss von Einschlag unterscheiden. Dafür hat der Beobachter sein Ohr geübt, dafür ist er da. Wenn er dann nicht gerade unter Feuer steht, also meistens, fährt er durch das zerschossene Niemandsland, bringt Wasser, Medikamente, manchmal einen Priester zu den paar Alten, die bei ihren Hühnern in ihren Hütten geblieben sind, weil es sonst keinen Platz für sie gibt.

          In Ausbrüchen des „Volkszorns“ entführt

          Hug ist überall gewesen. Er war an den Knochenmühlen dieses Krieges, am Donezker Flughafen, im verbissen umkämpften Schirokine und an der Abschussstelle des Passagierflugzeuges MH17, wo betrunkene Separatisten seine Leute beschimpft hatten. Später, als Gerichtsmediziner kamen, um nach einem kurzen Gebet die in einem Kühlzug aufgehäuften Müllsäcke mit den Opfern zu untersuchen, stand er unbewegt im Totengeruch, kein Muskel zuckte.

          Die OSZE hat viele Feinde. Liest man ihre Tagesberichte, entsteht ein immer gleiches Bild: Beide Seiten brechen den Waffenstillstand. Beide Seiten aber ärgert diese Darstellung, also beschuldigen beide die Mission, dem Feind zu helfen. Eine weitere Konfliktquelle ist, dass die OSZE aus ihren Beobachtungen oft nur sehr vorsichtig Schlüsse zieht – viel vorsichtiger jedenfalls, als das manchen recht wäre. Wird zum Beispiel eine Ortschaft im prorussischen Machtbereich von Granaten getroffen, weisen Hugs Leute keineswegs automatisch die Schuld den Ukrainern zu. Über „Selbstbeschuss“, also absichtliches Provokationsfeuer auf das eigene Territorium, ist immer wieder berichtet worden. Die OSZE ist deshalb nicht bereit, aus Treffern auf der einen Seite gleich auf die Schuld der anderen zu schließen. Wenn sie dann nicht klar sagt, was aus Sicht der Getroffenen so klar zu sein scheint wie der Himmel im Mai, wird ihr vorgeworfen, was die drei Frauen Alexander Hug gerade am Plankensteg von Stanizja Luhanska entgegenschreien: Faulheit, Feigheit, Parteilichkeit.

          Im Fahrzeugkonvoi durch den Osten der Ukraine

          Das hat Folgen: OSZE-Beobachter sind immer wieder bedroht, festgenommen oder mit gezogener Waffe bäuchlings auf den Boden gezwungen worden. Immer wieder gab es in den besetzten Gebieten Ausbrüche sogenannten „Volkszorns“, einmal wurden acht Mitarbeiter über Wochen von Separatisten entführt. Hug sagt zwar, dass an 85 bis 90 Prozent dieser Fälle die prorussischen Kämpfer schuld seien, aber es gibt auch Übergriffe der Ukrainer.

          Falsche Flaggen als gängige Tricks in diesem Krieg

          Kompletten Schutz gibt es nicht. Erst vergangenen Freitag etwa schien wirklich alles Menschenmögliche getan. Hug hatte mit beiden Seiten, einem russischen General und einem ukrainischen, eine kurze Waffenruhe vereinbart, in der die Separatisten drei Tote bergen sollten. Als dann die Meldung kam, einer von ihnen sei trotzdem von Schüssen getroffen worden, eilte Hug mit dem russischen General zum Schauplatz – nur um dort selbst von jenem fatalen Pfeifen über dem Helm in den Graben gezwungen zu werden.

          Alexander Hug am Absturzort des Malaysia-Airlines-Fluges 17

          Niemand wurde verletzt, aber der Bericht der Mission danach war ein Musterbeispiel für diese kühle Zurückhaltung, mit welcher die OSZE beide Seiten so irritiert: Obwohl prorussische Kämpfer (und dazu Hugs Mannschaft) das Ziel des Angriffs waren, fehlte jede Schuldzuweisung. „Die Mission konnte die Herkunft des Feuers nicht ermitteln“, hieß es nur. Selbst aus der Beobachtung, dass nach dem Vorfall über einem Gefechtsstand in Sichtweite die rotschwarze Fahne des ukrainisch-nationalistischen „Rechten Sektors“ gehisst wurde (der ultimativen Hassfigur der russischen Propaganda), zog der „Spot Report“ keine Folgerungen. Jeder hier weiß: Falsche Flaggen sind gängige Tricks in diesem Krieg der Verkleidung.

          „Diese Brücke gehört Ihnen, fordern Sie sie zurück.“

          Ein anderer Trick sind die wütenden Frauen, und Hug hat an der Brücke seine ganze Erfahrung einsetzen müssen, um ihre Attacke zu meistern. Alles haben die drei Stimmen, untermalt von bedrohlichem Murren der wachsenden Menge, ihm entgegengeschleudert: die Bomben der Ukrainer, die „betrunkenen Beobachter“ und natürlich den ukrainischen Wachposten am anderen Ende der Brücke, diese Blutsauger, welche Frauen, Kinder, Großmütter aus der Luhansker „Republik“ auch dann noch quälten, wenn sie zu Fuß und schwer beladen den Weg über die Hühnerleiter eigentlich schon geschafft hätten. Hug hat dem furiosen Crescendo gelauscht, er hat die Bewaffneten gemustert, und irgendwann hat er die Hand gehoben. Stille. „Was ist Ihr Name?“ Er blickt die Frau an, deren Stimme tief war und leicht gezittert hatte. Die Frau wechselt die Farbe, dann antwortet sie leise: „Jelena“. „Gut, Jelena“, sagt Hug. „Ich bin Alexander.“ Weiter Stille, und als dann die mit dem hohen Ton sich wieder fängt und neu starten will, sagt die mittlere: „Sei doch still, Frau.“

          Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier zusammen mit Alexander Hug

          Es ist dann noch vieles gesagt und gerufen worden. Das Terzett ist wieder angesprungen, aber Hug hat gewartet, und wenn es dann doch mal eine Pause gab, hat er sie genutzt. „Sie haben ein Recht darauf, wütend zu sein“, hat er dann gesagt, oder: „Diese Brücke gehört Ihnen, fordern Sie sie zurück.“ Und zuletzt hat er diese zwei Sätze ins Getöse hineingestellt, die alles zusammenfassen: „Ich rede mit Ihnen“, und: „Ich gehe nicht weg“. Da hatte die mit der schnellen Taktzahl allerdings schon wieder losgelegt, und Gott allein weiß, wer das gehört hat.

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