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Ukraine : Die Jakobiner der Revolution

Es fehlt den Kämpfern, nach ihrer Meinung, noch viel mehr. Sitsch sagt, seine 20 Männer und Frauen hätten zusammen gerade sieben Kalaschnikows. Dazu kommen ein Mosin-Karabiner aus dem Zweiten Weltkrieg und – der Stolz der Einheit – ein wassergekühltes Maxim-Maschinengewehr einer Modellreihe, die in der russischen Armee sogar schon zur Zarenzeit gängig war.

Munition ist genug da

Slawko, der Mann am Drücker, sagt, sie hätten es „aus dem Museum“. Dann drückt er kurz den Abzug, eine Salve scheppert ins Leere. Munition ist genug da. Woher, bleibt offen. Aber sie könnte, genau wie die Kanone, die eingegraben nebenan liegt, von der Armee kommen. Vielleicht war sie Tauschgut gegen Speck oder saure Gurken.

Im Unterstand ist es dunkel geworden. Die Generatoren sind abgeschaltet, man spart Benzin, so brennen nur Kerzen. Folgt man Russlands Präsident Wladimir Putin, sind diese Kämpfer allesamt antisemitische Faschisten, gedungene Söldner jenes „Putsches“, der vorigen Winter die friedliche Ukraine in ein blutrünstiges Gewaltregime verwandelt haben soll. Was ist dran an den Vorwürfen?

Als der „Rechte Sektor“ als Speerspitze der proeuropäischen Revolution auf dem „Majdan“ entstand, gehörten zu den Gründern tatsächlich einige mehr als zweifelhafte Gruppen. Organisationen wie die „Patrioten der Ukraine“, die „Sozial-Nationale Versammlung“ (SNA) oder „Weißer Hammer“ passten ins Bild europäischer Neonazis. Führungsleute der SNA wie etwa Oleh Odnoroschenko haben dieser Zeitung gegenüber im Sommer klare Bekenntnisse zum Rassendenken und zum Führerprinzip abgelegt.

Seither aber hat der „Rechte Sektor“ sich verändert. Sein Führer Dmytro Jarosch hat sich nicht nur klar von jedem Antisemitismus distanziert, er arbeitet auch offen mit dem jüdischen Oligarchen Ihor Kolomojskij zusammen, einem Sponsor der ukrainischen Freiwilligenbataillone.

Unlängst hat er dessen „patriotische Position“ gelobt. Zugleich haben sich einige rechtsradikale Gestalten aus der Anfangszeit des „Rechten Sektors“ in anderen Gruppierungen neu konzentriert. Die Führung der SNA oder der „Patrioten der Ukraine“ etwa kämpft heute beim Bataillon „Asow“. Beim „Rechten Sektor“ dagegen ist nach Ansicht von Wissenschaftlern wie Andreas Umland oder Anton Shechowstow das rechtsextreme Element auf einen „Rand“ zusammengeschmolzen.

„Zum Frühstück essen wir russische Babys“

Jaroschs Programm bei der Präsidentenwahl vom Mai enthielt zwar einige Extravaganzen (etwa die Forderung nach Atomwaffen für die Ukraine), aber keinen Hinweis auf Rassismus und Führerkult. Dafür finden sich hier Bekenntnisse zu Menschenrechten und Menschenwürde, zu Parlamentarismus und Europa. Auf der Facebook-Seite des Freiwilligenkorps DUK heißt es, jeder sei willkommen – unabhängig von seiner politischen, religiösen oder nationalen Zugehörigkeit.

Tatsächlich ist der Zug des Kommandanten Sitsch weit entfernt von jeder ethnischen oder gar „rassischen“ Einheitlichkeit. Russisch und Ukrainisch werden wild durcheinandergesprochen, Sitsch selbst ist halber Russe. „Antisemiten?!“ – „Ja“, lacht er grimmig im Kerzenlicht, „und zum Frühstück essen wir russische Babys.“

„Ukrainer“, das sei für ihn jeder, der für die Unabhängigkeit des Landes kämpfe, ob er nun Russisch spreche, Ukrainisch oder Hebräisch. Sitsch zeigt in die Runde seiner Kämpfer: Da ist „Julija“, blond und blass, eine russischsprechende, kettenrauchende Mutter zweier Kinder aus dem ostukrainischen Luhansk. Um die Kinder kümmern sich Oma und Ehemann, solange sie an der Front ist.

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