http://www.faz.net/-gq5-7r3f0

Donezk in der Ostukraine : Mit dem Rücken zum Krieg

Bergleute laufen Zivilstreife um für Sicherheit auf den Straßen von Donezk zu sorgen Bild: Alexander Tetschinski

In der Millionenmetropole Donezk flammen nach dem Ende der Waffenruhe die Kämpfe auf – doch Gewalt ist ohnehin alltäglich geworden. Und oft weiß man nicht, wer hier eigentlich gegen wen kämpft.

          Der da ist Boxer, der da hat gedient, die da sind Fußballer. Und alle sind sie Bergleute, wie Valerij Scheglow, nur eben jünger als er, und so haben sie eben auch keine Kugel ins Bein bekommen, damals in Afghanistan, als die Sowjetmacht das letzte Mal in den Krieg zog. Valerij schon, aber das ist lange her. Er ist längst wieder gesund, und jetzt gehen sie alle auf Patrouille draußen im Petrowskij-Distrikt vor den Toren von Donezk. Die Sonne sinkt, die drei Gipfelzacken über der gewaltigen Abraumhalde der Grube Tscheljuskinzjew strahlen im letzten Licht, und hier unten kommt der Abend. Die Männer haben Armbänder mit der Aufschrift „Wache“ umgelegt und gehen auf Tour – immer fünf oder sechs Bergleute und ein Polizist. Die Zeiten sind wild hier im Donbass, und alleine traut die Polizei sich nicht mehr auf die Straße, seit russisch inspirierte Separatisten die Gruben- und Hüttenmetropole Donezk samt einer Million Einwohnern unter ihre Kontrolle gebracht haben. So gehen sie eben zusammen in die Nacht.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist Montagabend. Zwölf Zugstunden weiter westlich, in der Hauptstadt Kiew hat Präsident Petro Poroschenko gerade den Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat einberufen. Der Waffenstillstand, den er vor zehn Tagen einseitig für das Donbass verkündet hat, ist in den vergangenen Tagen immer wieder gebrochen worden, noch in derselben Nacht wird er ihn für beendet erklären. Donezk steht wieder ein Tag der Kämpfe bevor. Nicht der erste, seit Poroschenkos Vorgänger, der autoritäre Präsident Viktor Janukowitsch, vor dem Ansturm der westlich orientierten Revolution am Kiewer Majdan nach Russland geflohen ist, und wahrscheinlich auch nicht der letzte.

          Eine Revolte ohne großen Rückhalt

          Dabei hat die Stadt sich an den Ausnahmezustand beinahe gewöhnt. Die wichtigsten öffentlichen Gebäude, der Gouverneurspalast, das Geheimdiensthauptquartier, Teile von Krankenhäusern und Universitäten, sind in der Hand prorussischer Separatisten. Zusammengewürfelte Rebellentrupps haben an allen Zufahrten Straßensperren errichtet, der Flughafen ist zerschossen. Tag und Nacht hört man Schüsse, und dann rätseln die Leute, wer hier wohl gegen wen kämpft: die Separatisten gegen Kiew, die Separatisten untereinander, oder nur irgendwelche Mafiabanden um ihre Reviere.

          Alleine traut sich die Polizei nicht mehr auf die Straßen von Donez:  Patrouille mit Unterstützung von Bergarbeitern. Bilderstrecke

          Zugleich klammert die Stadt sich an Normalität und Sommer. Mütter schieben Kinderwägen durch Alleen, am Stadtrand baden Kinder in Baggerseen. Das bisschen, was von öffentlicher Verwaltung noch übrig ist, tut, als sei nichts: Omas in Kittelschürzen pflegen die Beete, und aus Zisternenwagen werden die Straßen zur Kühlung mit Wasser bespritzt. Weil diese Revolte anders ist als der Majdan in Kiew, weil sie nie großen Rückhalt genoss, und auch die größten prorussischen Demonstrationen hier nie mehr als ein paar tausend Menschen mobilisierten, lebt Donezk gewissermaßen mit dem Rücken zum Krieg. Wenn es irgendwo knallt, gehen die Leute einfach nicht hin.

          „Wir sind nicht politisch“

          Dass Valerij und seine Freunde von der Grube trotzdem auf Patrouille gehen, liegt nicht daran, dass sie Feuer und Flamme wären für Russland oder für Kiew oder für sonst etwas. Sie halten die Augen offen, weil die Polizei in ihren Löchern verschwunden ist, seit es hier gefährlich geworden ist, und sich nur noch zeigt, wenn es gilt, dem einträglichen Geschäft des Strafzettelausteilens nachzugehen. Maxim Rowinskij, Sprecher der Stadtverwaltung sagt, Raubüberfälle, Autodiebstahl, Schießereien hätten ständig zugenommen, seit die Rebellen der „Volksrepublik Donezk“ die gesetzlichen Ordnungshüter von der Straße gescheucht hätten, und so habe Bürgermeister Alexander Lukjantschenko zusammen mit den Direktoren der sieben staatlichen Kohlegruben in Donezk eben diese Bürgerpatrouillen organisiert – immer ein paar Polizisten und fünf bis sechs Kumpel.

          Wenn sie dann auf Streife gehen, unter den Haldengipfeln an der Grube „Tscheljuskinzjew“ oder anderswo in der Stadt, dann gilt eine klare Sprachregelung. Die Jungs sind kräftige Kerle, Bergleute, Fußballer, Familienväter, und die Älteren haben im Afghanistankrieg vielleicht eine Schramme abbekommen, wie Valerij, aber eines sind sie sicher nicht: fanatisierte Polit-Aktivisten. Sie streifen durch die Grünanlage am Grubengelände, es ist Abend, Karussellpferdchen drehen sich im Laternenlicht. Sie haben abgemacht, hier nach dem Rechten zu schauen, aber sie haben auch abgemacht, zur Politik kein Sterbenswörtchen zu sagen. Die „Volksrepublik Donezk“? Heimkehr nach Russland, wie es die Rebellen wollen? Fort von Kiew? – „Wir sind nicht politisch“, sagen sie wie einstudiert, und sechs starke Männer schütteln im Takt den Kopf. Erlaubt sind alle andere Fragen: Über den Typen, den sie hops genommen haben, als er Eisenbahnschienen klaute, über die betrunken Kerle, denen es auch nicht geholfen habe, dass sie sich als Kämpfer der „Volksrepublik“ ausgegeben hätten. Da habe man eben einfach bei der Rebellenführung angerufen: „Kommt und holt eure Kerle, wir brauchen sie hier nicht mehr.“ Das alles erzählen Valerijs Jungs mit einer Begeisterung, dass es eine Freude ist – und nur wenn es „um Politik geht“, werden sie stumm wie Viertklässler vor der Mathearbeit.

          Ein Leben für die Sowjetunion

          Seit alles drunter und drüber geht, hier im Donbass, sagen sie lieber gar nichts, bevor sie das Verkehrte sagen. Wer soll hier auch wissen, was richtig ist und was falsch? Hier war immer klar, wer das Sagen hatte. Präsident Janukowitsch, der aus der Region stammt, und dessen Herrschaft gerade noch so stabil schien wie die Halden des Donbass, ist über Nacht aus dem Land geflohen, seine „Partei der Regionen“ hat sich in porösen Abraum verwandelt. Rinat Achmetow, der Oligarch hinter Janukowitsch, der reichste Mann der Ukraine und König der Hüttenkönige, hat die Region verlassen, seit Separatistenkämpfer im Mai seine Privatresidenz angegriffen haben, um „Steuern einzutreiben“. Die großen Vaterfiguren des Donbass sind fort, und da hält man besser den Mund, wenn es um Politik geht. Man sieht im Park nach dem Rechten, und man wechselt die Straßenseite, wenn es kracht. Das gilt dann für Valerij und seine Freunde genauso wie für die Beamten der Miliz. Am Dienstag, als die Rebellen mitten im Zentrum von Donezk das Hauptquartier der Polizei stürmten, und dabei mindestens einen Beamten erschossen, haben die übrigen Polizisten der Stadt nicht etwa alles getan, ihren bedrängten Kameraden zu Hilfe zu kommen, sondern sie haben sich in Hörweite des Dramas den Mühen der Verkehrsregelung hingegeben.

          Später am Abend, als die anderen Jungs nicht mehr da waren, hat Valerij dann doch ein wenig ausgepackt. Ein Leben für die Sowjetunion, zuerst in der Kriegshölle von Afghanistan, dann unten in der Grube – und dann soll es das große Land, für welches er all diese Opfer brachte, einfach nicht mehr geben? „Schwer war das“, sagt er lakonisch. Schwer zu akzeptieren, schwer hinzunehmen. Er spricht Russisch, wie alle hier, er hat Verwandte in Russland, in Moskau, in Kursk, in Orjol. Also zurück zu Russland, wie die Separatisten es sagen? Valerij schweigt. Vielleicht denkt er an seine zwei Kinder und zwei Enkel, vielleicht auch nur seine Granatsplitter im Rücken, auch sie eine Erinnerung an Afghanistan, an den letzten Krieg der Sowjetunion. „Die sollen uns in Ruhe lassen“, sagt er dann in die Dunkelheit. „Der Krieg hier, das ist nicht unser Krieg“.

          Weitere Themen

          Der Dollar als Waffe

          Amerikas Iran-Sanktionen : Der Dollar als Waffe

          Mittels Sanktionen die eigenen Interessen im Ausland durchsetzen: Was unter der Obama-Regierung zum Machtinstrument gefeilt wurde, nutzt die Trump-Administration schamlos als Allzweckwaffe. Wer den Dollar kontrolliert, kontrolliert den Welthandel.

          Applaus für Merkel nach Konter gegen Weidel Video-Seite öffnen

          Affäre um AfD-Parteispenden : Applaus für Merkel nach Konter gegen Weidel

          Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt im Bundestag die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel auflaufen. Weidel hatte ihre Redezeit während der Haushaltsdebatte vor allem dazu genutzt, die ihr vorgeworfene Spendenaffäre zu relativieren und andere Parteien für ihre eigenen Spendenaffären zu attackieren.

          Trump warnt Truthähne vor Demokraten Video-Seite öffnen

          Nach Begnadigung : Trump warnt Truthähne vor Demokraten

          Die im Rahmen der Thanksgiving-Amnestie freigesprochenen Tiere Peas und Carrots würden vielleicht dennoch durch die Demokraten vorgeladen werden, sagte der amerikanische Präsident.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.