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Wahlen in Österreich : Das System funktioniert nicht mehr

Österreich, Österreich: Die FPÖ lässt es sich gut gehen (hier in Linz). Bild: dpa

Die FPÖ hat viele Gesichter. Sie lächeln in die Milieus von SPÖ und ÖVP hinein. Die wissen noch immer nicht, wie ihnen geschieht. Dass Norbert Hofer am Sonntag österreichischer Bundespräsident werden kann, ist ein Schock für die Parteien – für die Wähler nicht.

          Er habe schon früher FPÖ gewählt, sagt der weißhaarige Friseur, Maitre in einem Salon auf der Simmeringer Hauptstraße. Den Jörg Haider, den einstigen FPÖ-Matadoren. Und auch Heinz-Christian Strache, der jetzt die rechte Partei anführt. Einmal in Fahrt gekommen, redet der Mann sich in Rage, während er seinem Handwerk nachgeht. Als das Gespräch auf die Migranten kommt, kann es schon mal an den Schläfen ziepen. „Jetzt kommen die ganzen Syrer, Afghanen, alle.“ Sie bekämen Geld vom Sozialamt, eine Wohnung, Essen, ein Ticket für den öffentlichen Verkehr. „Und ich?“ Simmering ist der 11. Wiener Gemeindebezirk. Es ist eine jener klassischen SPÖ-Hochburgen, die lange Zeit geradezu idealtypisch für das „rote Wien“ waren: Industrie, qualifizierte Jobs, günstige Sozialwohnungen. Der „Gemeindebau“ steht für die alte Symbiose: Die rote Stadtregierung sorgt für ihre Leute, und ihre Leute sorgen dafür, dass die Stadtregierung rot ist. Simmering steht aber auch für den Wandel, der inzwischen Einzug gehalten hat. Seit der Kommunalwahl im vergangenen Jahr hat es nicht mehr einen roten Bezirksvorsteher, sondern einen „blauen“ – einen von der FPÖ.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Und auch jetzt, in der zweiten Runde der österreichischen Bundespräsidentenwahl, setzt die FPÖ auf die Stimmen aus den Wiener Flächenbezirken, als seien es die Stimmen ihrer Stammwähler. Norbert Hofer, der Kandidat der „Freiheitlichen“, hat im ersten Wahlgang Ende April 35 Prozent der Stimmen erhalten und geht dank seines großen Vorsprungs als Favorit in die Stichwahl. Gegen ihn steht Alexander Van der Bellen, lange Jahre als Partei- und Fraktionsvorsitzender Aushängeschild der Grünen, der mit 21 Prozent in die Stichwahl gekommen ist.

          Entschieden ist damit noch nichts. Die Meinungsforschungsinstitute, die vor dem ersten Wahlgang teils weit danebenlagen, beziehungsweise ihre Auftraggeber halten sich bemerkenswert zurück. Doch ist von einem „Kopf-an-Kopf-Rennen“ die Rede. Für beide kommt es darauf an, ihre Wähler aus dem ersten Wahlgang zu halten und die Wähler der ausgeschiedenen Kandidaten zu gewinnen: Rudolf Hundstorfer und Andreas Khol von den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP, die zusammen von rund 950.000 Wählern die Stimme erhalten hatten, nicht zu vergessen die knapp 100.000 Wähler des lustigen Bauunternehmers Richard Lugner, und vor allem die 810.000 Wähler der parteilosen Irmgard Griss. Dass Griss sich eine Woche vor der Stichwahl nach langem Zögern als Van-der-Bellen-Wählerin geoutet hat, war ein Schlag für die FPÖ, der mit bissigen Kommentaren gegen die frühere Höchstrichterin beantwortet wurde.

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          Im Amtszimmer des Bezirksvorstehers hängt an der Wand das Wappenschild von Simmering, ein Einhorn, ein großes S auf blauem Grund und zwei Fische. Davor sitzen Katharina Krammer, Bezirksvorsteher-Stellvertreterin, FPÖ, eine adrett gekleidete blonde Frau in den Dreißigern, und Sonja Bauernhofer, beruflich schon Pensionistin mit raspelkurz geschnittenem Haar, Fraktionsvorsitzende der FPÖ im Bezirksrat. Oder, wie auf der Visitenkarte Bauernhofers steht: „Klubobmann“. Denn vom Gendern hält Frau Bauernhofer gar nichts. Bezirksvorsteher Johann Stadler, der im vergangenen Jahr den Bezirk mit knapper Mehrheit „abgenommen“ hat, ist ein umtriebiger Mann, der in Simmering geboren wurde, hier sein Geschäft hatte und alle und jeden im „Grätzel“ (Viertel) kennt. Ausgerechnet jetzt hat er aber die Grippe, und die beiden FPÖ-Frauen vertreten ihn, wenn Medien anfragen.

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