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Veröffentlicht: 11.02.2015, 12:15 Uhr

Verhandeln mit Putin Niemals Angst zeigen!

Viele westliche Politiker wissen zu wenig über die robuste Verhandlungstaktik der russischen Seite. Mehr Kenntnis und Verständnis der Eigentümlichkeiten russischer Verhandlungsführung wäre hilfreich. Auch beim Friedensgipfel in Minsk. Ein Gastbeitrag.

von Wolf Poulet
© Picture-Alliance Zwei Offiziere der sowjetischen Armee auf dem Kasernengelände in Berlin-Karlshorst, die wenig später geräumt wurde, undatierte Aufnahme von 1990.

Der russische Oberst und ich standen Anfang der neunziger Jahre auf einer Anhöhe westlich der Stadt Grodno, an der Westgrenze der gerade  aufgelösten Sowjetunion zu Polen. Zusammen mit einem Team junger Offiziere und Feldwebel der Bundeswehr führte ich eine Kontrollinspektion nach dem KSE-Vertrag (Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa) durch.

Unsere Aufgabe war es, gemeldete schwere Waffensysteme wie Panzer, Geschütze, Flugzeuge usw. zu zählen und zu begutachten – dies geschah natürlich auf Gegenseitigkeit,  die Russen führten solche Inspektionen auch bei uns durch.

Während wir also gemeinsam nach Polen hinüberschauten, schlug er mir plötzlich auf die Schulter und sagte: „Weißt Du was – wenn die Polen uns ärgern, dann teilen wir sie uns wieder!“ Mein erstes Gefühl ist am besten mit Blutsturz beschrieben, um Himmels Willen, was sagt er da.

Ich schaue mich um, ob irgend jemand mithören kann, aber wir sind allein auf weiter Flur, und nach einer Schrecksekunde wechsele ich das Thema. Unnötig zu sagen, dass ein deutscher Offizier einen solchen Gedanken noch nicht einmal träumen würde.

Später versuche ich zu analysieren, warum er das gesagt hatte. Bis heute glaube ich nicht, dass er es wirklich ernst meinte: Er wollte mir einfach nur etwas Nettes sagen, sozusagen die Gleichheit zwischen uns bestätigen und mir damit seine professionelle Sympathie bezeugen.

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Ein Beispiel zur Verhandlungstaktik auf der unteren staatlichen Ebene, im Verlauf einer  Kontrollinspektion: Der russische Oberst und ich sitzen, gemeinsam mit meiner ost-deutschen Dolmetscherin, im Militärbezirk Nischni-Nowgorod in einem Tankhäuschen  der  gerade  kontrollierten Kaserne.

Plötzlich und unvermittelt äussert er sich in aggressiver Tonart und mit lauter Stimme wie folgt: „Die Nato ist eine verbrecherische Organisation, die so schnell wie möglich abgeschafft werden muss. Sie ist eine echte Gefahr für den Frieden, versucht ständig mit subversiven Methoden, das Zusammenleben der Völker zu verderben. Es wird höchste Zeit, etwas dagen zu unternehmen, und Russland wird sich dabei beteiligen, um dieser kriegstreibenden Organisation die Zähne zu ziehen.“

Nach der Übersetzung antworte ich direkt in gleicher Lautstärke und Diktion: „Das geht doch völlig an der Realität vorbei. Die Nato ist natürlich das stärkste Militärbündnis  der Welt, aber völlig defensiv auf Friedenserhaltung ausgerichtet. Wir Europäer brauchen sie und werden nicht auf sie verzichten, da kannst Du sicher sein. Für Euch ist sie doch keine Gefahr, solange  ihr  keine agressiven Absichten habt. Ihr werdet sie nicht neutralisieren können!“

Meine Dolmetscherin hat in Leningrad russisch studiert, und wohl noch nie miterlebt, dass ein russischer Offizier in dieser Tonlage angesprochen wird. Sie holt hörbar tief Luft, und ich trage ihr auf, wörtlich zu übersetzen. Danach sagt mein russischer Oberst in ruhigem Ton: „Kann man auch so sehen - lass uns draussen noch ein bisschen frische Luft schnappen.“

Drohgebärden eines russischen Ministers

Ein Beispiel aus der Politik: Zusammen mit einigen Abgeordneten der FDP-Bundestagsfraktion nehme ich Mitte der neunziger Jahre in Moskau an einem Gespräch mit dem stellvertretenden russischen Aussenminister teil. Er sitzt  erhöht und allein vor uns  auf einer Art Empore.

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