Home
http://www.faz.net/-gq5-77vfx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Merkels polnische Wurzeln Großvaters Krieg

Polen mutmaßt über Angela Merkels Vorfahren. Ihr Großvater Ludwig Kazmierczak war offenbar ein waschechter Pole - und hat als Soldat der Haller-Armee möglicherweise die Waffen gegen Deutschland erhoben.

© Gazeta In der Uniform der Haller-Armee: Ludwig Kazmierczak und seine Frau Margarethe

Wäre Angela Merkel nicht deutsche Bundeskanzlerin, sondern zum Beispiel polnische Ministerpräsidentin wie ihr Freund Donald Tusk, hätte sie jetzt eine Großvateraffäre am Hals. Frau Merkel nämlich, so schreibt zumindest die „Gazeta Wyborcza“, Polens größte seriöse Zeitung, hat nicht nur einen polnischen Großvater gehabt - sie hatte, um das Maß voll zu machen, einen polnischen Großvater, der im Ersten Weltkrieg in den Reihen des Feindes gegen das Vaterland kämpfte.

Konrad Schuller Folgen:

Die Ingredienzien der Affäre sind folgende: Schon seit Tagen ist die polnische Presse voll freudiger Erregung über die Entdeckung, dass Frau Merkel offenbar polnische Wurzeln hat. Ihr Großvater, Ludwig Kazmierczak, der sich 1930 in Kasner umbenannte, wurde 1896 in Posen (polnisch Poznan) geboren, das damals zum Deutschen Reich gehörte, und wie viele Posener war er offenbar ein waschechter Pole.

Das wirklich Brisante an diesem Großvater aber hat die „Gazeta Wyborcza“ erst am Freitag offengelegt: In den Alben eines Kanzlerincousins zweiten Grades aus dem in Posen verbliebenen Zweig der Familie hat sich jetzt ein Foto gefunden, das Großvater Kazmierczak in der Uniform der sogenannten Haller-Armee zeigt.

Großvaterschicksale der Kanzlerin

Diese Armee aber hat es in sich für einen Kanzleringroßvater: Sie wurde im Ersten Weltkrieg unter französischem Kommando aus deutschen Kriegsgefangenen polnischer Herkunft gebildet, und zumindest einige ihrer Einheiten haben 1918 in der Champagne gegen Kaiser und Vaterland gekämpft. Fachleute wie der polnische Historiker Wolodzimierz Boriodziej bestätigen dieser Zeitung nun, dass es damit nicht ausgeschlossen sei, dass auch Großvater Kazmierczak die Waffen gegen Deutschland erhoben haben könnte.

Die Großvaterschicksale der Kanzlerin sind allerdings nur ein leises historisches Echo jener Affäre, die Donald Tusk bei seinem ersten Anlauf zur Macht, während der Präsidentenwahl von 2005, politisch das Genick gebrochen hat. Damals enthüllten polnische Medien, der Kandidat habe einen Großvater beim Feind gehabt - den kaschubischen Eisenbahner Jozef Tusk aus Danzig, der 1944, als Polen unter dem Terror der deutschen Besatzung litt, zur deutschen Wehrmacht eingezogen wurde und damit offenbar die Waffen gegen das Vaterland wendete. 

Die damals von nationalkonservativem Furor aufgeheizte Öffentlichkeit schrie empört auf. Tusk, der in den Umfragen lange geführt hatte, verlor nach dieser „Großvateraffäre“ die Wahl gegen den Nationalkonservativen Lech Kaczynski, und es half auch nichts, dass, wie sich bald zeigte, Jozef Tusk seinerzeit nicht lange bei der Wehrmacht geblieben war. 

Mehr zum Thema

Bei Kriegsende stand er jedenfalls (nach Desertion oder Gefangennahme, genaueres ist nicht bekannt) bei den polnischen Truppen unter alliiertem Kommando im Westen. Wollte Angela Merkel also nicht abermals deutsche Kanzlerin im Jahr 2013 werden, sondern polnische Präsidentin im Jahr 2005, könnte sie bei solchen Großvaterverhältnissen gleich den Wahlkampf abblasen.

Da aber seither alles leichter geworden ist in Europa, könnte sie trotz allem noch eine Chance haben.   Und falls sie doch noch über ihre Großvateraffäre stürzen sollte, gäbe es einen kleinen Trost: Sie ist die beliebteste ausländische Politikerin der Polen. Sie ist so beliebt, dass der pensionierte Buchhalter Zygmunt Rychlicki aus der Kosmonautensiedlung in Posen, ihr Cousin zweiten Grades, sowie seine Gattin Denise, aus deren Album jenes inkriminierende Großvaterfoto stammt, sie zu sich zum Essen eingeladen haben.

Das Bundespresseamt antwortete auf die Frage dieser Zeitung, wie die Kanzlerin zu ihrem Großvater stehe und wann sie in die Kosmonautensiedlung fahren wolle, mit dem Hinweis, zu Frau Merkels Privatangelegenheiten nehme man nicht Stellung.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Krawalle in Heidenau Unions-Integrationsbeauftragte verteidigt Merkels Schweigen

Prominente Politiker von SPD und den Grünen fordern von Bundeskanzlerin klare Aussagen zu den Ausschreitungen vor Asylbewerberunterkünften. Auch Angela Merkel solle dafür ins sächsische Heidenau reisen. Die Integrationsbeauftragte der Union nimmt sie in Schutz. Mehr

24.08.2015, 10:46 Uhr | Politik
Mailand Merkel besucht Expo

Angela Merkel besuchte die Expo in Mailand. Der italienische Premierminister Matteo Renzi persönlich führte die Kanzlerin durch die Austellungshallen. Mehr

18.08.2015, 12:50 Uhr | Politik
Polnischer Präsident Duda lobt Merkels Politik gegen Moskau

Der neue polnische Präsident Duda fordert von der Nato, auf die russische Bedrohung durch mehr Infrastruktur und militärische Präsenz in Osteuropa zu reagieren. Die deutsche Politik lobte er vor seinem Antrittsbesuch in Berlin. Mehr Von Konrad Schuller, Warschau

26.08.2015, 21:09 Uhr | Politik
Finanzkrise Schäuble soll in der Griechenland-Krise weiter verhandeln

Im Bundestag gibt es eine deutliche Mehrheit für weitere Kreditverhandlungen, aber unter anderem auch 60 Neinstimmen aus der Unionsfraktion. In der Sondersitzung hatte Kanzlerin Angela Merkel von einer letzten Chance für Griechenland gesprochen. Mehr

18.07.2015, 10:32 Uhr | Politik
Was Sie heute erwartet Merkel fordert einheitliche Asylstandards in der EU

Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert angesichts des starken Zuzugs von Flüchtlingen eine einheitliche Linie in der europäischen Asylpolitik. Mehr

17.08.2015, 06:55 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 22.03.2013, 16:39 Uhr

Es gibt keine Zauberformel

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Empörung über die jüngsten Tragödien ist verständlich und richtig. Aber angesichts der großen Völkerwanderung dieser Tage trägt sie nicht weit. Denn in Wahrheit gelangt man in der Flüchtlingskrise von einem Dilemma zum nächsten. Mehr 1 208