http://www.faz.net/-gq5-788lv

Margaret Thatcher und die Briten : Wie einst nur Churchill

Margaret Thatcher (1925 - 2013) Bild: Barbara Klemm

Bei aller Kritik an ihrer Politik wird vor allem Margaret Thatchers unbedingtes Eintreten für ihre Ansichten gewürdigt. Zuletzt kletterte ihr Ansehen in der britischen Gesellschaft auf fast Churchillsche Höhen.

          Das Land habe „eine große Britin“ verloren, twitterte David Cameron am Montag aus Spanien. Später bezeichnete der britische Regierungschef, den so viele als Gegenentwurf zur „Eisernen Lady“ ansehen, Margaret Thatcher sogar als „größte britische Premierministerin in Friedenszeiten“. In den vergangenen Jahren kletterte das Ansehen Frau Thatchers in weiten Teilen der britischen Gesellschaft auf fast Churchillsche Höhen. Bei aller Kritik an ihrer Politik, die bis heute anhält, wird weithin das Entschiedene an ihr gewürdigt, das unbedingte Eintreten für ihre Ansichten.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Erst vor zwei Wochen hatte das „Churchill Archive Centre“ in Cambridge Briefe und Vermerke freigegeben, die Frau Thatchers Wirken während der Falkland-Krise in den achtziger Jahren dokumentierten. Bedrängt von Beratern und Parteifreunden, keinen Krieg zu riskieren, hatte sie sich für den Waffengang entschieden - um nach dem Sieg über die argentinischen Streitkräfte festzuhalten, dass sie nie auch nur der geringste Zweifel beschlichen habe. In Zeiten, in denen politische Ziele allzu oft Umfrage-Stimmungen angepasst werden, erschien Frau Thatcher in den vergangenen Jahren wie eine Gestalt aus einer anderen Ära.

          Das Königshaus kondolierte neutral

          Schon ihre Nach-Nachfolger aus der Labour Party, Tony Blair und Gordon Brown, veränderten die Tonlage gegenüber der wohl umstrittensten Regierungschefin Großbritanniens. Als Gordon Brown die Lady in Downing Street 10 empfing, wurde gespottet, er wolle so ein bisschen Glanz auf seine graue Amtszeit lenken. Auch Cameron, der zweite Tory-Hausherr seit Frau Thatcher, führte die alte Dame noch einmal die Stufen zum Amtssitz in London hoch. Da war sie schon so von Krankheit gezeichnet, dass ihr selbst das Winken Mühe abverlangte. Zuletzt trat sie gar nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Das Bild, das sich die Briten von der berühmten Politikrentnerin machen mussten, stammt von Meryl Streep, die vor zwei Jahren in dem Film „The Iron Lady“ Frau Thatcher in ihrem Kampf gegen die Alzheimer-Krankheit porträtierte.

          Erst vor wenigen Wochen war Frau Thatcher aus dem Krankenhaus entlassen worden. Sie kehrte aber offenbar nicht mehr nach Hause zurück, wo sie viele Stufen erwarteten, sondern ließ sich angeblich in einem Londoner Hotel pflegen. Aus der Mitteilung ihres Sprechers, Lord Bell, geht nicht hervor, wo sie die letzten Stunden verbracht hat. Nach einem Gehirnschlag sei sie am Montagmorgen friedlich gestorben, hieß es nur. Gleich danach brach ein Gewitter an Stellungnahmen und Nachrufen los, innerhalb und außerhalb ihres Lagers, in Großbritannien und in der Welt.

          Margaret Thatcher (1925-2013) Bilderstrecke

          Das Königshaus kondolierte neutral. „Die Königin hat mit Traurigkeit vom Tod der Baroness Thatcher erfahren“, hieß es in einer Mitteilung aus dem Buckingham Palace. „Ihre Majestät wird ein privates Beileidsschreiben an die Familie richten.“ Umso politischer äußerte sich die Opposition. Die Labour Party stimme vielem nicht zu, was Frau Thatcher getan habe, sagte deren Chef Ed Miliband. „Aber wir können widersprechen und trotzdem ihre politischen Leistungen und ihre persönliche Stärke würdigen.“ Margaret Thatcher sei Großbritanniens erste Frau im Premierministeramt gewesen, habe die Grundlagen britischer Politik verändert und sei eine überragende Figur auf der Weltbühne gewesen, so Miliband.

          Beisetzung mit militärischen Ehren

          Auch die Liberaldemokraten, die mit den Konservativen trotz großer Differenzen koalieren, kalibrierten ihre Worte: „Wenn Politik dadurch definiert wird, dass man Ansichten hat, an ihnen festhält und sie durchsetzt, war sie zweifellos der größte Premierminister unserer Zeit“, sagte der frühere Libdem-Chef Paddy Ashdown. Sozialminister Ian Duncan Smith, selbst einmal kurzzeitig Tory-Leader, sagte, er sei wegen Margaret Thatcher in die Politik gegangen, und Außenminister William Hague stellte fest, dass Frau Thatcher „unser Land für immer verändert“ habe.

          Gewundene Worte kamen aus Brüssel, wo Frau Thatcher bei vielen mit dem Satz „I want my money back“ in Erinnerung geblieben ist. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso würdigte die Verstorbene im Namen der Mitgliedstaaten für ihr europäisches Engagement, insbesondere bei der Ost-Erweiterung und der Einführung des Binnenmarktes. Frau Thatcher werde „sowohl für ihre Beiträge als auch für ihre Reserviertheit“ in Erinnerung bleiben, sagte Barroso.

          Margaret Thatcher, 13.10.1925 - 8.4.2013

          Frau Thatcher soll - die Zustimmung des Königshauses vorausgesetzt - mit militärischen Ehren beigesetzt werden, teilte Downing Street am Montag mit. Als Ort der Trauerfeier wurde St. Pauls Cathedral genannt, Londons größte Kirche. Von einem Staatsbegräbnis war keine Rede - was der konservative „Daily Telegraph“ als „richtige Entscheidung“ bezeichne. Diese - seltene - Auszeichnung stehe nur den wenigen Menschen zu, die die „Nation als Ganzes repräsentiert“ hätten.

          Topmeldungen

          Michelle Obama auf Lesetour an ihrer ehemaligen High School für ihr Buch „Becoming“

          Michelle Obamas Buch : „Das werde ich ihm niemals verzeihen“

          Heute erscheint das Buch „Becoming“, in dem Michelle Obama von ihrer Ehe und ihrer Zeit als First Lady erzählt. Es geht um Schmerz und Ehekrisen – aber auch um Präsident Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.