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Boris Johnson : Der Mann, der mehr für sich will

Bild: Bloomberg

Plötzlich wirbt auch Londons Bürgermeister offensiv für den „Brexit“. Dass Boris Johnson bald ganz Großbritannien regieren möchte, bezweifelt mittlerweile niemand mehr. Sein Plan ist mutig – birgt aber auch große Gefahren.

          Er sei nie ein „natural outer“ gewesen, sagte Boris Johnson vor einigen Wochen. Natural Outer, das sind Leute, bei denen die EU schon in Jugendjahren Übelkeit verursacht hat, und von denen gibt es eine ganze Menge in der Konservativen Partei. Johnson war aber auch nie ein ausgewiesener Freund der Europäischen Union, obwohl er viele Jahre in Brüssel gelebt hat, erst als Schüler, später als Korrespondent.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Boris Johnson, der so scharfzüngig und polemisch Position beziehen kann, äußerte sich in der Europafrage bislang immer ausbalanciert. Auch deshalb stand das politische London Kopf, als er am Sonntag ankündigte, von nun an gegen den Premierminister zu argumentieren und für einen Austritt Britanniens aus der EU zu werben.

          Wochenlang hatten die Zeitungen spekuliert, auf wessen Seite Johnson sich schlagen würde. Selbst die Buchmacher nahmen Wetten an; sie standen äußerst knapp. Beide Lager, das „In“- wie das „Out“-Camp, schickten Emissäre, wenn nicht gleich die Anführer persönlich an die Tür klopften, um dem Umworbenen ein Angebot zu machen. Als Johnson in der vergangenen Woche mal wieder nach dem Termin seiner Entscheidung gefragt wurde, versuchte er seine eigene Bedeutung zu ironisieren: Man dürfe davon ausgehen, dass er sein Verdikt in Form eines „ohrenbetäubenden Eklats“ verkünde, sagte er.

          Maniertes Stottern

          Was hat es nur auf sich mit diesem Mann, der meistens aussieht, als sei er gerade aus dem Bett gekommen, und der formal betrachtet nicht mehr als ein scheidender Bürgermeister und ein Hinterbänkler im Unterhaus ist? Um eine Ahnung zu bekommen, welche Rolle Boris Johnson im Vereinigten Königreich spielt, bietet sich eine Rückblende in den Sommer 2012 an, als London die Olympischen Spiele austrug.

          Bürgermeister Johnson glitt, nahe des Olympiafeldes, in einer PR-Aktion an einem Stahlseil durch den Victoria-Park, als ihn ein technischer Defekt in der Mitte der Tour zum Halten brachte. Da hing er nun, sieben Meter über der Erde, mit einem Schutzhelm, baumelnden Beinen und einem britischen Fähnchen in der Hand. Unzählige Fotos und Videos entstanden. Für jeden Politiker wäre dies der mediale Albtraum gewesen. Nicht für Johnson. Er scherzte über seine missliche, ziemlich unelegante Position, und die Aufnahmen, die bald im Netz zirkulierten, trieben seine Beliebtheitswerte nur noch weiter nach oben.

          Eigentlich müsste Johnson im breiten Volk verhasst sein. Nur wenige, selbst in der elitären Führungsriege der Konservativen Partei, haben einen derart reinrassig piekfeinen Lebenslauf aufzubieten: Privatschule in Eton, Studien des klassischen Altertums in Oxford, Autor und dann Chefredakteur der unterhaltsamen, aber leicht hochnäsigen Zeitschrift „Spectator“.

          Johnson würzt seine Reden mit lateinischen und griechischen Zitaten oder, wenn sie ihm gerade nicht einfallen, mit Analogien aus der Zeit. Sein Queen´s English ist so lupenrein, dass es auf Gegner der britischen Klassengesellschaft fast anstößig wirkt. Er garniert seinen Akzent mit dem „Oxford Stutter“, einem manierierten Stottern, das sich manche Studenten in den heiligen Hallen der Universität antrainieren.

          In Oxford war Johnson Mitglied im berüchtigten Bullingdon-Club, einem klandestinen Männerbund, in dem Studenten in maßgeschneiderten Fracks Saufgelage veranstalten und dabei die künftigen Führungspositionen im Königreich unter sich aufteilen. Mit am Bullingdon-Tisch saßen damals George Osborne, heute Schatzkanzler mit Sitz in Downing Street 11, und David Cameron, seit bald sechs Jahren Hausherr in Downing Street 10.

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