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Leitkulturdebatte : Angriff auf „britische Werte“

Islamistische Vorstellungen durchdringen staatliche Schulen. Premierminister Cameron will das nicht mehr dulden. Jetzt hat auch Großbritannien eine Leitkulturdebatte.

          Jetzt hat auch Großbritannien eine Leitkulturdebatte. Premierminister Cameron fordert, in den Schulen „british values“ stärker zu vermitteln, und das Echo ist gewaltig. Was sind überhaupt britische Werte? Das ist die erste Frage. Welches Recht hat ein Land, das von immer mehr Einwohnern fremder Kulturen bevölkert wird, hergebrachte Werte für verbindlich zu erklären? Alles Recht!, heißt es auf der anderen Seite: Erst der Verzicht auf das selbstbewusste Vertreten von Traditionen habe die Friktionen in der britischen Einwanderungsgesellschaft heraufbeschworen.

          Vor der Europawahl konzentrierte sich die Diskussion der einwanderungsmüden Briten noch auf die Einwanderung aus Osteuropa. Sie ließ sich wunderbar „Brüssel“ in die Schuhe schieben, das mal wieder schädliche Entscheidungen fernab des Volkes getroffen habe. Mit der „Affäre Trojanisches Pferd“ ist nun das eigentliche - hausgemachte - Problem ins Bewusstsein zurückgekehrt. Es ist der Zuzug muslimischer Einwanderer aus den Commonwealth-Staaten, der die Briten sowohl quantitativ als auch in der Sache vor weitaus größere Herausforderungen stellt als die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU.

          In vielen Vierteln britischer Städte haben sich islamische Parallelgesellschaften entwickelt, in denen die Feindschaft gegenüber den Werten der neuen und oftmals gar nicht so neuen Heimat gedeiht. Mindestens sechs Schulen in Birmingham wurde nun offiziell bescheinigt, dass sie ihre Schüler „nicht ausreichend vor extremistischem Gedankengut schützen“. Welcher Euphemismus! Schulinspektoren bestätigten, dass (zumindest in einem Fall) ein Hassprediger eingeladen wurde, dass antichristliche Lieder einstudiert, Weihnachtstombolas und andere Traditionen als „unislamisch“ abgeschafft wurden.

          Die „Operation Trojanisches Pferd“, also das Durchdringen staatlicher Schulen mit islamischen Ideen, mag als Begriff eine Erfindung sein. Das ändert nichts daran, dass Eltern, Lehrer und Geistliche an Schulen mit hohem Anteil muslimischer Kinder systematisch versuchen, die Curricula zu untergraben. Immer mehr Schüler erleben das Klassenzimmer nicht mehr als Korrektiv zu einer religiös-konservativen Erziehung zu Hause. Muslime, die sich gegen eine Islamisierung ihrer Schule wenden, seien einem „Klima der Angst und Einschüchterung“ ausgesetzt, hielten die Inspektoren fest.

          Schon vor Jahren bekannten vierzig Prozent der im Königreich lebenden Muslime, sie würden lieber unter der Scharia leben. Fast genauso viele sind der Meinung, Konvertiten verdienten den Tod. Bei fast drei Millionen Muslimen, die meisten mit pakistanischem Hintergrund, ist das eine Minderheit von beunruhigender Größe.

          Warnung vor Hunderten Dschihadisten

          Der Mord an dem Soldaten Lee Rigby vor einem Jahr, verübt von zwei fanatischen Islamisten, war eine grausige Erinnerung daran, dass der Terroranschlag auf die Londoner U-Bahn kein Einzelfall bleiben muss. Zurzeit warnen die Behörden vor Hunderten Dschihadisten, die mit britischem Pass in die nahöstlichen Kriegsgebiete ziehen und vermutlich irgendwann zurückkehren werden. Jenseits der vergleichsweise kleinen Terror- und Gewaltszene lauern Gefahren, die langfristig den Alltag im Land verändern können. Fachleute beobachten, wie Islamisten die „Kontrolle über die Köpfe der nächsten Generation britischer Muslime“ zu gewinnen versuchen.

          Nach Jahren der Beschwichtigung scheint Cameron nun eine neue Gangart einlegen zu wollen. Die Kriminalisierung von Zwangsheiraten, die fortan mit bis zu sieben Jahren Haft geahndet werden, ist ein erster rechtlicher Schritt.

          Schwieriger verhält es sich mit Camerons Forderung, an Schulen „britische Werte kraftvoller zu lehren“. Sein Verweis auf die Magna Charta überzeugt nicht alle. Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat seien keine britischen Werte, sondern universale Errungenschaften, heißt es. Und der Bezug auf britische Offenheit und Toleranz wird gerade von deren Gegnern für eigene Zwecke uminterpretiert. Sie nennen die verstärkte Kontrolle muslimisch dominierter Schulen „islamophob“ und „rassistisch“.

          „Balkanisierte Zukunft“?

          Das Hohelied auf „Diversity“, die neue kulturelle Vielfalt im Königreich, hat Blüten getrieben, deren Duft nicht schnell verfliegen wird. Als ein Minister vor einigen Jahren die Sorge von Ärzten in Bradford wiedergab, dass die hohe Anzahl pakistanischer Verwandtschaftsehen die Missbildungsrate in der Stadt signifikant erhöht, wurde er politisch einen Kopf kürzer gemacht. Zugleich durfte die radikale Islamorganisation Hizb ut-Tahrir eigene Schulen gründen. Die mehr als 150 islamischen „Glaubensschulen“, die inzwischen öffentlich unterstützt werden, dienen nun manch staatlicher Schule als Vorbild.

          Der Ton wird schärfer, aber auch ratloser. Melanie Phillips, die Autorin von „Londonistan“, sagt dem Land eine „balkanisierte Zukunft“ voraus, lege man den „Sumpf“ nicht trocken. Aber mit welchen Gerätschaften? Seit „Britishness“ nichts mehr mit christlichem Glauben zu tun habe, sondern mit „abstrakten Ideen wie Toleranz und Vielfalt“, habe man einer „entschlossenen und unbeirrbaren Ideologie“ nicht viel entgegenzusetzen, schreibt die Zeitschrift „Spectator“.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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          Quelle: F.A.Z.

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