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Kritische Lage in Kiew : Dann nehmen sie Anlauf und werfen

Bild: F.A.Z., Olenksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov

In Kiew brennen die Barrikaden. Eine Hausfrau mischt Molotow-Cocktails für Bankangestellte und Studenten. Die Wut auf die Regierung treibt sie an.

          Eine schwarze Wand, Rauch in quellenden, schnell wachsenden Türmen, dicht, zuckend, warm wie Samt. Die Männer werfen und werfen. Alles schluckt diese Wand: die hoch fliegenden Steine des Kiewer Pflasters, die scharf geradeaus pfeifenden Kugeln der Zwillen, die Feuerwerkskörper. Brandflaschen fliegen mit feurig gewölbter Spur auf die zuckenden Schwaden zu, dann hat die Wand sie verschluckt.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Wand ist unten glutrot. Autoreifen brennen heiß, schnell und mit diesem dicken, pechschwarzen Qualm. Im flackernden Licht tragen beladene Männer immer neue aus der Nacht herbei, rollen sie ins Feuer. Weiß Gott wo einer auf die Schnelle so viele Reifen herkriegt. Jetzt liegen sie jedenfalls quer über der Gruschewski-Straße, und sie brennen gut.

          Die verstopfte Ader

          Die Gruschewski-Straße in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist ein schöner Boulevard mit alten Häusern, hinter dem Majdan gleich rechts, am Nationalmuseum vorbei und dann den Berg hinauf zum Parlament und zum Marijinskj-Park hoch über dem Fluss. Eigentlich ist sie eine der zentralen Adern der Stadt. Seit einer Woche aber, seit die friedliche Revolution des Majdan zu Ende ging und die Gewalt begann, ist die Ader verstopft. Ein halbes Dutzend überfrorener Buswracks, dunkelgrau metallische Trophäen der ersten Kampfnacht, liegt ausgebrannt und starrend quer über der Fahrbahn. Unmittelbar vor den Wracks, aber gleichsam an der Frontlinie zwischen Opposition und Regime, steigt die Rauchwand hoch. Dahinter, dem Majdan zu, nehmen sie Anlauf mit ihren Feuergeschossen, meist junge Kerle, oft aber auch gestandene Männer, Familienväter. Kaum losgeschleudert, verschwindet die Brandspur im Qualm. Wo die Molotowcocktails aufschlagen werden, weiß keiner. Man weiß nur, dass drüben, jenseits des Rauchs, der Feind steht, die Sondermiliz Berkut, wahrscheinlich keine zehn Schritt entfernt, Schild an Schild dicht gepackt, die schwarzen Helme eingezogen im Hagel der Geschosse, zusammengekauert, auf Befehle wartend.

          Viktoria hat ihren Platz ein wenig abseits. Während die Männer werfen, während weiter hinten die anderen Frauen mit ihren Knüppeln auf den Feuertonnen der Wachposten den ewig gleichen Rhythmus dieser Revolution schlagen, einen monotonen, blechern aufpeitschenden Zweivierteltakt, hat sie sich außerhalb der Schusslinie ihr Plätzchen gesucht, in Deckung hinter den prachtvollen Säulen am Eingang des Dynamo-Stadions. Hier kommen die Gummigeschosse und die Gasgranaten nicht durch, die manchmal sporadisch, manchmal aber auch als dichter Hagel durch die Schwärze herüberkommen, das einzige Lebenszeichen der Miliz auf der anderen Seite.

          An der Frontlinie zwischen Opposition und Regime: Die Gruschewski-Straße

          Viktoria ist eine Frau mitten im Leben, Typ arbeitende Mutter, Innenarchitektin, der Lidstrich frisch nachgezogen, ein Lammfelljäckchen mit Kapuze gegen die Kälte. Jede der Frauen hier an den Barrikaden hat ihre Aufgabe. Die älteren halten die Feuer in Gang, die Nacht hindurch, damit den Kämpfern nicht die Füße erfrieren, die Jüngeren hacken die Pflastersteine klein, damit sie besser fliegen, und Viktoria hat die Cocktailküche übernommen. Rechts der Kanister, links die Flaschen, und dazwischen reißt sie gerade sorgfältig ein Unterhemd in schmale Streifen – Material für den Stoffverschluss im Flaschenhals, für die kleine Benzinfahne, welche die Männer gleich anzünden werden. Viktoria, anpackend, sorgsam, ganz Hausfrau, reißt, zwirbelt, stopft – Flasche nach Flasche, die Männer stehen Schlange, und bevor sie dann Anlauf nehmen, um sie in die Rauchwand zu schleudern, sagen sie zueinander: Verzeih, hast du Feuer? Sie hat sich einen Helm geschnappt, von den Beständen der Revolution drüben am Majdan, dem verrammelten Hauptlager der Revolution, ein paar hundert Meter die Gruschewski hinab. Er ist orange, aus Plastik, mit einem lustigen Stofftier obenauf – ein letzter Gruß jener Zeit, als diese Revolution gegen das Regime des Präsidenten Viktor Janukowitsch noch eine Party sein wollte, ein allabendliches fröhliches Fest mitten in der Stadt. Das war, als es noch keine Toten gab.

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