http://www.faz.net/-gq5-7pczh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.05.2014, 07:52 Uhr

Krise in der Ukraine „Im Kreml lacht man über Sanktionen“

Ein früherer Berater Putins warnt davor, dessen Absichten zu unterschätzen. Der Präsident wolle den Westen spalten, sagt Andrei Illarionow. Auf die Wirkung von Sanktionen sollten sich Amerika und Europa nicht verlassen.

von , Pressburg
© dpa Sanktionen „ein Witz“: der russische Präsident Wladimir Putin am 9. Mai auf der Krim

Andrei Illarionow, Putins wirtschaftspolitischer Berater von 2000 bis 2005, bezweifelt die Wirksamkeit von Sanktionen gegen Russland. Auf der Globsec-Sicherheitskonferenz in der slowakischen Hauptstadt Preßburg (Bratislava) sagte Illarionow, im Kreml lache man nur darüber: „Die halten das für einen Witz, niemand nimmt das ernst. Die Sanktionen sind auch nicht effektiv, die treffen nur einige Leute auf der dritten oder vierten Ebene. Bezogen auf die Ziele des Kremls aber sind sie völlig ungeeignet.“

Karl-Peter Schwarz Folgen:

Wenn über Sanktionen gesprochen werde, stelle sich die Frage, was damit erreicht werden solle. Einen Bären könne man zwar stechen, aber seine Reaktion würde vermutlich nicht die erhoffte sein. Wenn das Ziel darin bestehe, die territoriale Integrität der Ukraine wieder herzustellen und den Rückzug der russischen Truppen zu erreichen, seien Sanktionen kein geeignetes Mittel.

„Es geht um viel mehr“

Illarionow warnte davor, Putins Absichten zu unterschätzen. Es gehe nicht um eine Krise in der Ukraine, sondern um „einen russisch-ukrainischen Krieg“, der wiederum nur ein Kapitel eines viel größeren Konfliktes sei. Putins Strategie bestehe darin, „den Westen in einen kontinentalen und einen angelsächsischen Teil zu spalten – Russland und Kontinentaleuropa auf der einen Seite, die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die sogenannten Frontstaaten (die drei baltischen Länder und Polen) auf der anderen Seite.“ Diese Strategie habe sich bewährt.

Illarionow hatte die russische Regierung Anfang der neunziger Jahre wirtschaftspolitisch beraten, war aber aus Protest gegen ihre reformfeindliche Haltung 1994 zurückgetreten. 2000 holte ihn Putin als seinen ökonomischen Chefberater in den Kreml und ernannte ihn zu seinem persönlichen Beauftragten in der G-8-Gruppe. 2005 legte Illarionov sein Amt zurück. Er leitet das Moskauer Institut für Ökonomische Analyse und  gehört dem Cato Institute an, einem marktwirtschaftlich orientierten Think Tank in Washington.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gipfel in Sankt Petersburg Putin fordert normale Wirtschaftsbeziehungen

Deutsche Industriekonzerne hoffen nach dem Petersburger Wirtschaftsforum auf neues russisches Interesse an Spitzentechnologie. Wenn da nicht die Sanktionen wären. Mehr Von Benjamin Triebe, Sankt Petersburg

17.06.2016, 15:39 Uhr | Wirtschaft
Russland Putin will gegen Olympia-Sperre in Rio vorgehen

Russland will die sich wegen Dopingvergehen abzeichnende Sperre seiner Athleten bei den Olympischen Spielen in Rio nicht hinnehmen. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg, er suche bereits nach einer Lösung. Mehr

19.06.2016, 17:37 Uhr | Sport
Wirtschaftskonferenz Juncker balanciert durch Petersburg

Zum ersten Mal seit Beginn der Ukraine-Krise ist EU-Kommissionspräsident Juncker nach Russland gereist. Europäische Unternehmen hoffen auf bessere Beziehungen. Mehr Von Benjamin Triebe, Sankt Petersburg

16.06.2016, 19:12 Uhr | Wirtschaft
Vorwahlen in Amerika Endspurt bei den Demokraten

Nach den Vorwahlen ist vor der Präsidentschaftswahl: Das Duell Trump gegen Clinton dürfte Amerika weiter spalten. FAZ.NET-Reporter Simon Riesche berichtet aus Los Angeles. Mehr

08.06.2016, 09:29 Uhr | Politik
Präsident Putin Amerika ist die letzte verbliebene Supermacht

Russlands Präsident geht auf Schmusekurs mit Amerika und der Europäischen Union. In St. Petersburg sind ungewohnt konziliante Töne von Wladimir Putin zu hören. Mehr

17.06.2016, 20:37 Uhr | Politik

So nicht!

Von Lorenz Hemicker

Die Regierung Erdogan besteht auf einem Besuchsverbot für deutsche Politiker bei der Bundeswehr in Incirlik. Ein beispielloser Schritt unter Nato-Partnern. Die Verteidigungsministerin kontert - mit der richtigen Antwort. Mehr 43 110