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Ukraine : Der Krieg verändert sie alle

Auf dem Weg ins Standesamt von Mariupol: „Nastja“ und „Docker“ heiraten. Bild: Yulia Serdyukova

Im Osten der Ukraine haben sich Freiwillige in den Kampf geworfen, weil die Armee dazu nicht in der Lage war. Von Russland werden sie als Nazis dargestellt. Aber das sind sie nicht. Ein Besuch im „Donbass“-Bataillon.

          Sie kommen die Düne hoch. Unten am Meer das Dorf, wo das Bataillon jetzt liegt, seit in die vorderen Positionen, an der Front bei Mariupol, die reguläre Marineinfanterie hineinrotiert ist. Melekyne – ein paar krumme Bauernhäuser mit Wein an den Giebeln, eine orthodoxe Kirche mit Goldkuppel und dann, endlos und leer am grauen Wasser, die Ferienanlagen der alten Stahlwerke. Jetzt sind sie ein Militärlager. Seit es diese Kampflinie gibt zwischen der Küste und dem Hinterland, seit die Gruben und Hütten des ostukrainischen Reviers von der Küste abgeschnitten sind, weil jetzt dort die Separatisten von Donezk und Luhansk das Sagen haben, seit die Steiger und Hauer nicht mehr mit Kind, Hund und Oma auf Sommerurlaub kommen, für einen Euro am Tag samt Borschtsch, Tee und Grütze, herrscht Stille an der Riviera des Asowschen Meeres.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.

          Wenn da nicht diese Karawane wäre. Gerade arbeitet sie sich hoch durch die Schlaglöcher der Düne: Hupen, Juchzen, offene Militärwagen vorne, schrottige Schigulis dahinter. Farbige Bänder an den Gewehren, Luftballons in Blau und Gelb, den Farben der Ukraine. Zwei vom Bataillon „Donbass“ haben sich gefunden. Die Braut neben dem Fahrer, fast noch ein Mädchen, hat heute nicht Flecktarn an wie sonst immer. Irgendwo hat sie ein echtes weißes Kleid aufgetrieben, der Bräutigam, die Brautjungfern, der ganze Hochzeitstross tragen Blumen zur Kampfmontur, in Knopflöchern und Klettverschlüssen. „Jakut“ von den Aufklärern (hier haben alle nur Kampfnamen) hatte noch am Abend, als von den Stellungen der Separatisten entfernte Gewehrsalven über das Meer prasselten, am Handy seine Fotos herumgezeigt – er, seine Kalaschnikow, im Hintergrund ein ausgebrannter Panzer. Jetzt sitzt er am Steuer neben der Braut, die Ballons zappeln im Fahrtwind, es geht nach Mariupol, zum Standesamt.

          Wenige Ehen halten

          Jahre ist es her, dass Natalia Moskowjetz auch zum Standesamt gefahren ist, eine Ewigkeit. Das war vor dem Krieg, jetzt haben sie drei kleine Jungs. Aber wie die Soldatenbraut von Melekyne hat auch sie ihren Mann bei „Donbass“ kennengelernt, und auch sie ist noch jung – 31, er ist 41. Leise spricht sie, eindringlich, ernst, und jetzt hat sie gerade die Zahl genannt, in der nüchtern und furchtbar alles zusammenfließt: achtzig Prozent. Achtzig Prozent der Frauen, deren Männer im vergangenen Jahr im ersten Impuls des Widerstands zu den ukrainischen Freiwilligenbataillonen gegangen sind, als Russland angriff und die Armee sich als demoralisierter Schrottpark erwies, sind mittlerweile alleine. Nicht, dass die Männer alle gefallen wären, bei „Donbass“, bei „Dnipro“ oder „Aidar“, in all den zusammengewürfelten Bürgerwehren, die damals aus dem Boden schossen, weil sonst niemand etwas tat. So hoch sind auch hier die Verluste nicht gewesen, trotz der russischen Feuerwalzen in Ilowajsk und Debalzewe im letzten Februar. Aber die Ehen halten das eben nicht aus.

          Im Einsatz für Mütter, Frauen und ihre Männer: Natalia Moskowjetz
          Im Einsatz für Mütter, Frauen und ihre Männer: Natalia Moskowjetz : Bild: Yulia Serdyukova

          Das Land, das die Männer und Frauen von „Donbass“ eigentlich schützen wollten, ist ohnehin verloren. Natalia Moskowjetz und ihr Mann stammen aus Donezk, wie so viele im Bataillon – aus der ukrainischen Gruben- und Stahlmetropole, die heute die „Hauptstadt“ einer russischen Marionettenführung ist. Weil aber ihr Mann sich zumindest am Anfang der Moskauer Landnahme noch traute, gegen die prorussischen Interventionskräfte zu demonstrieren, weil er sich mit anderen zusammenschloss, um die gar nicht so wenigen, die auch hier, im russophonen Osten, für eine „europäische“ Ukraine auf die Straße gingen, gegen die Schläger der Separatisten zu schützen, und weil er sich dann, als die Staatsmacht zusammenbrach, Waffen beschaffte und aus dem Nichts das Freiwilligenbataillon „Donbass“ schmiedete – aus all diesen Gründen ist ihr Leben nicht mehr, was es war.

          Donezk hat sie mit den Kindern schon im Frühjahr 2014 verlassen müssen. Familien, die den prorussischen „Aufstand“ nicht unterstützten, kamen damals unter Druck, und wenn die Männer sich wehrten, kam es vor, dass ihre Frauen entführt wurden. Als dann Natalias Mann sich Gewehrattrappen besorgte, als er damit zusammen mit seinen Freunden die Posten der Separatisten überfiel, um an echte Gewehre zu kommen, als es die ersten Toten gab und aus einem unorganisierten, nirgendwo registrierten Haufen zorniger Männer und Frauen das Bataillon entstand, hat Natalia mit den Kindern die Koffer gepackt. Während „Donbass“ durch seine verlustreichen Einsätze bald zum berühmtesten ukrainischen Freiwilligenverband wurde, ist sie zum Flüchtling im eigenen Land geworden – wie 1,4 Millionen andere Ukrainer auch. Heute lebt sie in Kiew und führt die Organisation „Mütter und Frauen der Kämpfer in der antiterroristischen Operation“.

          Natalia Moskowjetz hat rote Haare und grüne Augen unter einem starken Lidstrich. Sie achtet auf sich. Ihr ist es nicht so gegangen wie so vielen anderen Frauen vom Bataillon. Ihre Ehe hat überlebt, auch wenn es nicht leicht war. Drei Monate hatte sie Konstantin, ihren Mann, nicht gesehen, nachdem er zum ersten Mal in den Kampf gezogen war. Als er dann wiederkam, lebend zwar, aber verwundet durch einen Granatsplitter und traumatisiert, war er nicht mehr der, den sie gekannt hatte. „Die Männer sind sehr verändert, wenn sie wiederkommen“, sagt sie traurig und trocken. „Im Krieg ist für sie jeder Monat wie ein Jahr. Ihre Kameraden werden das Wichtigste von der Welt. Dass sie eine Familie hatten, Kinder, Frauen, daran können sie sich kaum erinnern. Und wenn einer dann erst wieder da ist, wenn er verletzt war, wenn er Freunde hat sterben sehen, und dann sagt die Frau ,Könntest du den Müll wegbringen?‘ oder ,Wo sind deine Socken?‘, dann versteht er nicht.“

          Für immer ein anderer

          Am schlimmsten aber ist es, wenn sie „Grads“ erlebt haben. „Grad“ heißt „Hagel“, und der Name ist kein Zufall: Wenn einer dieser Raketenwerfer, Nachfolger der Stalinorgel aus dem Zweiten Weltkrieg, binnen Sekunden seine vierzig Abschussrohre leerfeuert, hagelt im Zielgebiet Höllenfeuer vom Himmel. „Nur die wenigsten verkraften das“, sagt Natalia – und wenn einer dann aus so einem Angriff überhaupt lebend herauskommt, ist er danach gebrochen oder für immer ein anderer. Ein „akuter, zorniger Gerechtigkeitssinn“ tritt auf, jähe Reizbarkeit. „Die Grenzen des sozialen Verhaltens“, die in Friedenszeiten für diese Männer galten, seien aufgehoben. „Das Meer ist seicht für sie“, sagt Natalia. Warum soll etwas nicht erlaubt sein für einen, der „Grads“ überlebt hat? Warum soll überhaupt noch etwas gelten? Und wie kann eine Ehe halten, mit so einem Mann?

          Und überhaupt, was waren das für Männer bei den Freiwilligenbataillonen der Ukraine? Die Bürgerwehren, die sich 2014 bildeten, als das Land vor dem Zusammenbruch stand, und die dann halfen, die Russen zu stoppen, sind ins Gerede gekommen. Eine Zeitlang drohten einzelne unter den mehreren Dutzend Einheiten, die damals spontan und ungeordnet entstanden, zu „Privatarmeen“ milliardenschwerer Oligarchen zu werden. Heute ist zwar der allergrößte Teil der Bataillone in die reguläre Armee und Nationalgarde integriert, aber dennoch haben noch vor einiger Zeit manche Einheiten mehr Räuberbanden als Bürgerwehren geglichen. Einige sind deshalb aufgelöst worden. Eine Gruppe, das „Ukrainische Freiwilligenkorps“ des „Rechten Sektors“, erkennt die Befehlsgewalt Kiews bis heute nicht an. Eine andere, das Regiment „Asow“, ist von Rechtsextremisten gegründet worden. Bis heute duldet es Nazi-Tätowierungen und trägt das Feldzeichen der SS-Division „Das Reich“.

          Männer mit schweren Kriegstraumata

          Die meisten Einheiten neben diesen Ausnahmen sind zwar nie durch Rassismus oder Plünderei aufgefallen, aber viele sind dennoch anders als normale Militäreinheiten. Viele sind von Teilnehmern der proeuropäischen Kiewer Revolution von 2014 gegründet worden und tragen den rebellischen Grundimpuls des Majdan bis heute in sich. Ihre militante Radikalität, ihr akuter Unabhängigkeitssinn und ihr Misstrauen gegen jede Obrigkeit macht es schwer, diese Männer und Frauen formaler Disziplin zu unterwerfen – für das militärische Kommando ebenso wie für ihre Ehepartner zu Hause. So ist es auch kein Zufall gewesen, dass am 31. August, als in Kiew eine zornige Menge wegen eines angeblich geplanten „Verrats“ an Russland das Parlament attackierte und mehrere Polizisten tötete, offenbar auch Soldaten eines Freiwilligenbataillons unter den Angreifern waren – einige von ihnen offenbar Männer mit schweren Kriegstraumata.

          Im Quartier des Bataillons „Donbass“, in der aufgelassenen Ferienkolonie unter der Düne von Melekyne, ist von all dem auf den ersten Blick nichts zu spüren. Am Tor ein paar schlafende Hunde, ein Posten döst im T-Shirt unter einem Schirm, jetzt schiebt er gemächlich das Gitter auf. Noch im Sommer haben sie ganz vorne gestanden – am umkämpften Schyrokyne östlich vor Mariupol, jener Stadt, die das Asowsche Meer beherrscht und damit die begehrte Landverbindung von Russland zur Krim. Bis vor ein paar Wochen haben sie dort Monat für Monat Kameraden verloren. Jetzt aber hat die Marineinfanterie sie abgelöst. Kiew hat begonnen, die Freiwilligen aus der vorderen Linie abzuziehen und sie durch die neuerdings deutlich verstärkten Einheiten der Armee zu ersetzen. Seither steht „Donbass“, mittlerweile legalisiert und eingegliedert in die Nationalgarde, in der zweiten Linie, kontrolliert Ausweise und Wagenladungen im Hinterland. Polizeidienst, Routine, Langeweile.

          Auf den Stuben der verödeten Ferienanlage (grob gemauerte Blocks, Großküchen zwischen Pappeln am flachen Meer) das gemächliche Chaos der Etappe. Socken, Gewehrmagazine, Melonen, Tassen. Dösende Männer auf verbeulten Sofas, verschwitzte Matrosentrikots in der Hitze des Spätsommers, Tattoos auf Oberarmen und Brustmuskeln. „Tar“ ist da, ein Möbelhändler aus Poltawa, der während des Majdan von 2014 Hilfsgüter für die Revolution nach Kiew geschafft hat. „Hummer“ ist da, der seinen Kriegsnamen vom legendären amerikanischen Kampfwagen „Humvee“ geliehen hat, und „Jakut“, ein Amateurboxer und gewaltiger Anekdotenerzähler, der bei der Hochzeit am Steuer saß. In Saporischja am Dnjepr hatte er vor dem Krieg, noch zur Zeit des gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, zwei Schönheitssalons. Als dann die Polizei kam und ihm mit Knast drohte, falls er nicht 5000 Griwna rausrücke, bar auf die Kralle, ballte er nur die Fäuste. „Jakut“ ist in den äußeren Vierteln aufgewachsen, zwischen den Blocks; da musste man sich behaupten können, von klein auf. Als dann der „Majdan“ Janukowitsch und seinen korrupten Clan vertrieb und als nur Wochen später in Donezk mit russischer Hilfe der Aufstand ausbrach, der den Wandel stoppen sollte, wusste er, wo er hingehörte.

          Explosive Temperamente

          Die Kämpfe des Bataillons „Donbass“ hat er seit Mitte 2014 alle mitgemacht. Mit seinem Vater dagegen hat er gebrochen. Der Alte war noch in Russland geboren, ein alter Sturkopf, die Träume und Parolen der Sowjetunion wollten ihm nicht aus dem Kopf. Bei solchen Charakteren konnte das nicht lange gutgehen. „Jakut“ jedenfalls kann auf die Minute den Augenblick nennen, als er dem Alten auf Nimmerwiedersehen die Tür zuschlug: 17. Juli 2014, sechzehn Uhr fünfundvierzig.

          Was treibt diese Männer? Was hat sie von ihren Frauen fortgetrieben, manchmal für Monate, manchmal für immer? Warum sind sie so schwer zu nehmen, für den Staat, für ihre Familien? Eines wird schnell klar in diesem Etappenlager hinter der Front: Es gibt explosive Temperamente hier. Die Angst, die Grads, die ständigen Verluste an Leben und Gesundheit, das alles hat Spuren hinterlassen. Dennoch deutet nichts hier darauf hin, dass man in diesen Bataillonsquartieren, so wie die russische Propaganda es haben will, unter Neonazis und Faschisten geraten sein könnte.

          Das Bataillon „Donbass“ wäre schon von seiner ethnischen Zusammensetzung her völlig ungeeignet für einen rassistischen Kampfverband. Seine Kämpfer stammen größtenteils aus der Ostukraine, einem Gebiet, in dessen Gruben und Hütten während der Stalinschen Zwangsindustrialisierung alle Ethnien, alle Haut- und Augenfarben der alten Sowjetunion zusammengeschmiedet wurden. Ukrainisch und Russisch werden wild durcheinander gesprochen. Von ethnisch-völkischen oder gar rassistischen Symbolen, von Hakenkreuzen oder SS-Runen ist nichts zu sehen. An den Stubenwänden dominiert das ukrainische Blau-Gelb und der Dreizack des Staatswappens, die Tattoos an den Bizepsen künden von Rockbands und ewiger Treue, aber nicht von Rassenhass und Ariertum. Die rot-schwarze Fahne der ukrainischen Rechten ist nirgends zu sehen, und die Kämpfer begrüßen sich morgens zur Frühstücksgrütze eher mit einem gepfefferten russischen Gossenspruch als mit der schwülstigen Nationalparole „Ruhm der Ukraine“.

          „Wir haben eine andere Weltanschauung“

          Über die rechtsextremen Tendenzen bei anderen Einheiten, etwa beim Nachbarregiment „Asow“, wollen die Männer hier nicht viel sagen. Kameraden im Kampf kritisiert man nicht, und auch Semen Sementschenko, der Gründer des Bataillons „Donbass“ (sein bürgerlicher Name ist Konstantin Grischin, und mittlerweile sitzt er für die radikal-prowestliche Fraktion „Selbsthilfe“ im Kiewer Parlament), hält sich lieber bedeckt. Die von „Asow“ seien gute Kämpfer, sagt er, und Männern, mit denen man im Unterstand Schulter an Schulter stehe, solle man nicht in den Rücken fallen. „Aber wir haben eine andere Weltanschauung“, fügt er hinzu – „und wenn die in einer Stellung ein Hakenkreuz hingeschmiert haben, dann wischen wir es weg“.

          Die Männer und Frauen auf den Stuben sehen das ähnlich. „Nazismus ist nichts für uns“, sagt „Hummer“, und „Tar“ sekundiert: „Wir haben hier keine Heidenkrieger, keine Sekten, keine Faschisten.“ Nicht Nationalismus verbindet diese Männer, sondern die sehr konkrete, sehr schmerzliche Erfahrungswelt des ukrainischen Mittelstands aus den Jahren der ungebändigten Oligarchenherrschaft vor dem Majdan – die Erfahrung der Ohnmacht, der Groll auf die Gier der kleptokratischen Elite. „Wir sind hier fast alle mal kleine Unternehmer gewesen“, sagt „Jakut“. „Jeder von uns weiß, was es heißt, wenn so ein Gangster-Bürokrat dein Geschäft zerdrücken will.“ Deshalb vor allem haben sie die Revolution unterstützt, und deshalb verteidigen sie jetzt die Ukraine vor dem, was einer von ihnen, ein bärtiger Kämpfer mit dem Kampfnamen „Strike“ abends im Stabsquartier die „Konterrevolution“ aus Russland nennt.

          Die Bürgerliche Revolution

          Und genau deshalb ist „Strike“, der früher in Kiew mit Metallwaren gehandelt hat, auch bei aller soldatischen Disziplin der Ansicht, dass das Bataillon nicht zögern sollte, „die Revolution fortzuführen“, falls es sich zeigen sollte, dass Petro Poroschenko, der Milliardär im Kiewer Präsidentenpalast, wieder die alten Pfade der Oligarchen einschlagen sollte. Es gibt Radikalität unter diesen Männern, es gibt Unduldsamkeit, angelegt im Überlebenskampf des Kleinunternehmers im Dschungel der Korruption vor der Revolution, gehärtet im Hagel der Raketenwerfer. In den Kategorien der sowjetischen Geschichtsdeutung hätte man ihren Kampf wohl als „bürgerliche Revolution“ beschrieben, samt Militanz, Radikalität, Jakobinismus – aber Rassismus oder antirussischen Hass findet man hier nicht.

          Später am Abend hat ein älterer Kämpfer, den sie respektvoll mit Namen und Vatersnamen Michail Jurijewitsch nennen, sogar noch ein Foto aus seiner Jugend in Russland hervorgeholt – das Bild eines Kriegsschiffs der sowjetischen Pazifikflotte, seines Schiffs, auf dem er damals als junger Mann vor der sibirischen Küste diente. Voll nostalgischem Stolz hat er es herumgezeigt. Sie sind keine Russenhasser hier, sie sind auch keine Rassisten. „Nazis“, sagt „Hummer“ abschätzig, „das werden nur die, die sonst nichts geworden sind.“

          Und trotzdem sind die Männer, die jetzt von der Front zurückkommen, auch nicht mehr ganz einfach nur wie andere auch. Natalia Moskowjetz weiß, was es heißt, einen Kämpfer von „Donbass“ zum Mann zu haben. Früher, sagt sie, waren sie sich nah, „die Kinder waren sein Ein und Alles“. Als er dann wiederkam, verwundet und verhärtet, erkannte sie ihn kaum wieder. Alle waren sie so: kurz angebunden, abwesend, unleidlich. Natalia hat sich deshalb mit ein paar Freundinnen zusammengetan und den Verein der „Frauen und Mütter“ gegründet. Sie beraten sich gegenseitig, sie fahren mit ihren Männern ins Grüne. Manchmal nehmen sie auch Psychologen mit, aber nur heimlich, ohne es an die große Glocke zu hängen. Dass ein Kämpfer von „Donbass“ seelisch verletzt sein könnte, dass auch echte Kerle posttraumatische Belastungsstörungen haben können, ist in der ukrainischen Gesellschaft mit ihren archaischen Geschlechterrollen noch nicht angekommen. „Wir machen das undercover“, sagt Natalia. Sonst würden die ja nie mit ihnen ins Grüne kommen, ihre Helden von der Front.

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          Sie selbst hat es geschafft. Als ihr Mann wiederkam, nach der Schlacht von Ilowajsk im letzten Sommer, war er ein anderer Mensch. Nichts interessierte ihn, nur das Bataillon, das Bataillon, das Bataillon. Seine alten Freunde – passé; die Kinder – kaum einen Blick wert, außer wenn er nach kurzem Urlaub wieder in den Kampf ging. Dann verabschiedete er sich jedes Mal so schmerzlich von ihnen, als sei es für immer. Wie hat sie das alles bewältigt, mit diesem Mann? „Ich habe irgendwann aufgehört zu drängen“, sagt sie ernst und ruhig. „Ich habe gesehen, dass andere Frauen ihre Männer ganz verloren haben – dass sie tot waren oder gefangen.“ Ihrer war ja immerhin noch da, und so hat sie versucht, ihn zu verstehen und ihm zugleich verständlich zu machen, dass sie eben nicht nur Soldatenfrau ist, sondern ein Mensch mit eigenen Interessen. „So habe ich seinen Respekt gewonnen.“ Er aber habe verstanden. Vor kurzem, da hätten sie sogar einen richtigen Wochenendausflug gemacht, einen ganzen langen Tag mit den Kindern.

          An der Düne über Melekyne ist der Hochzeitskonvoi auf die Hauptstraße eingebogen, Richtung Mariupol, wo nachts manchmal noch die Gewehrsalven über das Wasser knattern und wo über dem Standesamt immer noch das Blau-Gelb der Ukraine weht. Wie heißt die Braut? „Nastja!!“, schreit „Jakut“ vom Steuer herüber, während im Fahrtwind die Luftballons rattern. Und der Bräutigam? „Docker“, brüllen sie zurück, alle im Chor. Das muss genügen. Sie haben ja nur Kampfnamen, hier draußen beim Bataillon.

          Quelle: F.A.Z.

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