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Kampagne gegen Homosexuelle Russlands altes neues Feindbild

Am Rande des G-20-Gipfels in Sankt Petersburg will sich der amerikanische Präsident Barack Obama mit homosexuellen Aktivisten treffen. Sie sind in Russland Opfer einer Kampagne von Kirche und Regierung.

© AP Vergrößern Küssen gegen die Staatsmacht: Aktivisten protestieren vor der Duma gegen ein Gesetz, das Homosexuelle diskriminiert

An dem Tag, an dem sie faule Eier warfen, Brennnesseln und mit Kot gefüllte Kondome, hat sich Anna hilflos gefühlt wie selten. Das war im Juni. Vor dem Parlamentsgebäude standen zwei Dutzend junge Leute, lesbische und schwule Aktivisten. Einige Mädchen haben sich geküsst. Ein paar Fotografen waren gekommen - und Männer mit hasserfüllten Gesichtern, die ihre stinkende Munition schleuderten, schlugen, traten. Die Polizisten haben sich weggedreht. Anna hat die Szene aus sicherer Distanz beobachtet und war wütend, weil man sie vor die Wahl gestellt hatte, sich entweder mit den anderen erniedrigen zu lassen, oder sich schäbig zu fühlen, weil sie es nicht getan hat.

Eigentlich hält Anna, die selbst eine Frau liebt, nichts von öffentlichen Küssen und radikalen Aktionen: „Weil sie nichts nützen.“ Es gebe doch nicht einmal ein Gericht in Russland, vor dem man, wenn man verletzt werde, sein Recht erstreiten könnte. Im Gegenteil: Die Rechte von Homosexuellen werden in Russland immer weiter eingeschränkt. Ein neuer Gesetzentwurf sieht vor, Schwulen und Lesben das Erziehungsrecht für ihre leiblichen oder adoptierten Kinder zu entziehen. Auf diese Weise solle die Psyche der Kinder vor Schaden bewahrt werden, sagte der Abgeordnete Alexej Schurawljow von der Kremlpartei Geeintes Russland am Donnerstag der Zeitung „Kommersant“.

Geldstrafen und Ausweisung

Im Juni, als Anna vor der Duma stand, verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das „Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Orientierungen unter Minderjährigen“ verbietet. Wer in der Öffentlichkeit über Homosexualität spricht, sie abbildet oder zur Schau stellt, kann nun zu einer Geldstrafe verurteilt werden. Das gilt auch für Ausländer, die ausgewiesen werden können. So soll verhindert werden, dass sich die gleichgeschlechtliche Liebe unter Kindern und Jugendlichen „ausbreitet“. Aus Protest gegen die Diskriminierung hat der amerikanische Präsident Barack Obama angekündigt, sich während des G-20-Gipfels am Freitag in Sankt Petersburg mit Aktivisten der Homosexuellenbewegung neben anderen gesellschaftlichen Gruppen zu treffen.

Schon bei seinem Besuch in Stockholm am Mittwoch sprach der Präsident das Thema demonstrativ an. Anna, eine junge Frau Anfang zwanzig, Psychologiestudentin, sitzt an diesem Spätsommernachmittag in der kleinen Wohnung, in der sie mit ihrer Freundin Mascha lebt. Seit Präsident Putin das Gesetz in Kraft setzte, hat Anna Angst, auf die Straße zu gehen. Es kommt ihr so vor, als achteten die Leute jetzt mehr auf zwei kurzhaarige Mädchen in Jeans und Turnschuhen, selbst wenn sie sich nicht anfassen. Manchmal sprechen die beiden in der U-Bahn Englisch miteinander, damit die anderen Fahrgäste sie für Touristen halten.

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