http://www.faz.net/-gq5-7tape

Kämpfe in der Ostukraine : Putin lobt „Landsturm Neurusslands“

Prorussische Separatisten an einem zerstörten Kriegerdenkmal auf dem Hügel von Savur-Mogila, östlich der Stadt Donezk in der Ostukraine Bild: REUTERS

Der russische Präsident zeigt sich erfreut über die „ernsthaften Erfolge“ der Separatisten im Osten der Ukraine. Seine Wortwahl verrät, welche Ziele hinter Moskaus immer weniger verdeckter Militäroperation stecken könnten. 

          In der Nacht zum Freitag - um 1:10 Moskauer Zeit - erschien auf der Website des Kreml eine Erklärung. Sie gibt einen Hinweis darauf, welche Ziele Russlands Präsident Wladimir Putin mit seiner mittlerweile immer weniger verdeckten Militäroperation in der Ostukraine verfolgen könnte. Das wichtigste daran ist die Überschrift: „Russlands Präsident Wladimir Putin wendet sich an den Landsturm Neurusslands“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Noworossija - diesen Begriff hat Putin selbst im Frühjahr gebraucht, um Ansprüche auf ehemals russisch oder sowjetisch beherrschte Gebiete zu erheben. Diesen Begriff haben sich die Separatisten in der Ostukraine zu eigen gemacht, im Verein mit den russischen Nationalisten.

          Er tauchte dann auch in Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti auf, wenn sie vom Geschehen in der Ostukraine erzählte. Nun hat Putin die Separatisten als Teil eines eigenen quasistaatlichen Gebildes bezeichnet, den Landsturm - auch die Übersetzung Bürgerwehr ist zulässig - Neurusslands. Er lobte die „ernsthaften Erfolge“ der Separatisten gegen die „Gewaltoperation Kiews“, die eine „tödliche Gefahr für die Bevölkerung des Donbass“ darstelle und zu „enormen Opfern unter der friedlichen Zivilbevölkerung“ geführt habe.

          „Appell“, steht über der Erklärung Putins, denn er forderte die Einrichtung eines „humanitären Korridors“ für diejenigen ukrainischen Soldaten, die als Ergebnis der - in den russischen Staatsmedien als „Gegenoffensive“ des Landsturms verkauften - Angriffswelle umzingelt seien. Dass es solche Truppenteile gibt, ist keine Erfindung Putins. Der Korridor solle „unsinnige Opfer“ vermeiden, so Putin. Die Soldaten sollten abziehen und sich mit ihren Familien „wiedervereinigen“ können, „zurückkommen zu Müttern, Frauen und Kindern“.

          Außerdem teilte Putin mit, Russland sei „bereit“, der Bevölkerung des Donbass „humanitäre Hilfe“ zu leisten. Zudem rief Putin die Regierung der Ukraine auf, unverzügliche ihre Militäroperation einzustellen und sich mit „den Vertretern des Donbass an den Verhandlungstisch zu setzen“. Die Erklärung ist zwar an die Separatisten adressiert, richtet sich aber auch an die nationalistischen Kreise im Land.

          Sie haben Putin in den vergangenen Monaten immer wieder Verrat an den Separatisten und am Projekt Neurussland vorgeworfen - und zwar immer dann, wenn die ukrainische Armee Erfolge im Kampf gegen den Aufstand meldete. Seit dem Frühjahr wird über die Einrichtung eines Landkorridors von Südrussland durch die Ostukraine bis an die moldauische Grenze unter Einbeziehung des nicht anerkannten Gebiets Transnistrien spekuliert. Dieses hätte aus Sicht der neoimperialen Geostrategen des Kreml den Vorteil, dass eine Landbrücke zur im März annektierten Krim entstünde, die bislang nur auf dem See- und dem Luftweg zu erreichen ist.

          Putin ist offenbar gewillt, mit seiner immer umfassenderen Unterstützung der Separatisten nicht nur eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage Russlands zu riskieren. Bislang scheut er aber davor zurück, der Bevölkerung die Wahrheit über den Militäreinsatz in der Ukraine zu sagen. Dazu kam bislang von ihm selbst nur die dürre Aussage aus Minsk vom Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, die zehn in der Ukraine festgenommenen Fallschirmjäger hätten sich wohl tatsächlich, wie vom Verteidigungsministerium zuvor behauptet, auf ukrainisches Gebiet „verlaufen“. Die Berichte von Ehefrauen von Soldaten, die keinen Kontakt zu ihren Männern haben, mehren sich - wenn auch nicht in den Staatsmedien. Berichtet wird etwa, wie Soldaten, die in ein „Manöver“ geschickt wurden, die Telefone abgenommen wurden.

          Die 76. Division der Luftlandetruppen aus Pskow hat Putin am 18. August mit einem Orden ausgezeichnet, der für militärische Verdienste vergeben wird. Sie war im Frühjahr schon auf der Krim im Einsatz. Damals lief es ohne Verluste für die Einheit ab. Anders die Operation in der Ostukraine: Mittlerweile wird von vier Toten berichtet, Dutzende weitere Soldaten sind vermisst. Die Ehefrau eines der Vermissten erhielt einen Anruf von einem Unbekannten, in dem ihr aufgetragen wurde, allen zu sagen, bei den Männern sei „alles gut“. Nichts deutet darauf hin, dass Putin in seinem unerklärten Krieg, der womöglich für das Projekt Neurussland geführt wird, auch nur der eigenen Bevölkerung erklären würde, wofür ihre Soldaten sterben.

          Weitere Themen

          Applaus für Merkel nach Konter gegen Weidel Video-Seite öffnen

          Affäre um AfD-Parteispenden : Applaus für Merkel nach Konter gegen Weidel

          Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt im Bundestag die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel auflaufen. Weidel hatte ihre Redezeit während der Haushaltsdebatte vor allem dazu genutzt, die ihr vorgeworfene Spendenaffäre zu relativieren und andere Parteien für ihre eigenen Spendenaffären zu attackieren.

          Trump warnt Truthähne vor Demokraten Video-Seite öffnen

          Nach Begnadigung : Trump warnt Truthähne vor Demokraten

          Die im Rahmen der Thanksgiving-Amnestie freigesprochenen Tiere Peas und Carrots würden vielleicht dennoch durch die Demokraten vorgeladen werden, sagte der amerikanische Präsident.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.