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Veröffentlicht: 11.01.2015, 21:02 Uhr

Juden in Frankreich Fassungslos und schutzlos

Schockiert gedenken Frankreichs Juden der Opfer des Anschlags auf den jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“. Immer wieder kommt es im Land zu antisemitischen Übergriffen. Die französischen Juden haben Angst.

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© AFP Menschen legen Blumen nieder und gedenken der Opfer des Anschlags auf den jüdischen Supermarkt.

Es sollten Minuten der Stille und der Trauer werden, vor dem jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ an der Porte de Vincennes. Hunderte Kerzen brennen vor Blumensträußen und mit Trauerflor umrandeten Fotos der vier Opfer: Yohan Cohen, Yohav Hattab, Philippe Braham und Michel Saada. Sie alle starben, weil sie Juden waren, mitten in Paris, beim Einkauf kurz vor Schabbat. Manuel Valls erinnert am Tatort, gute 24 Stunden nach dem schrecklichen Verbrechen des islamistischen Terroristen Amedy Coulibaly, mit erstickter Stimme an diese aufrechten, unschuldigen Franzosen. Hinter ihm stehen Familienangehörige, Mitglieder der jüdischen Gemeinde, aber auch viele Anwohner und andere Schaulustige, die es immer noch nicht fassen können, was am Freitag in ihrem Viertel geschah.

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Plötzlich aber wird der Premierminister zornig, denn einer der Trauergäste hat ihn gefragt, ob es nicht doch besser sei, wenn die Juden Frankreich verließen und zu ihrer Sicherheit nach Israel auswanderten. „Wir brauchen die Juden“, ruft Valls. „Ohne den Judaismus ist die französische Republik nicht vorstellbar“, sagt er. Frankreich werde alles tun, um die jüdischen Mitbürger zu schützen. Es ist dem Premierminister und früheren Innenminister anzumerken, wie sehr es ihn verletzt, dass sich ein Großteil der französischen Juden in der eigenen Heimat nicht mehr sicher fühlt. Gerade hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die etwa halbe Million jüdischer Franzosen aufgefordert, nach Israel zu kommen. Es ist nicht das erste Mal, dass Netanjahu so redet, schon Jacques Chirac hatte der Ministerpräsident aufgebracht, als er die Juden nach antisemitischen Übergriffen aufforderte, das Land zu verlassen und nach Israel zu kommen. Doch erstmals stoßen die Worte auf ein breites Echo.

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Der Vorsitzende der Rates der jüdischen Organisationen „Crif“ (Conseil représentatif des institutions juifs de France), Roger Cukierman, sagt kurz vor einem Gespräch mit Präsident François Hollande am Sonntag, er respektiere alle, die sich nicht länger Vorurteilen, Anfeindungen und Gewalt aussetzen wollten und nach Israel auswanderten. Frankreich sei ein Land im Krieg, sagt Cukierman. Der Crif-Vorsitzende steht der israelischen Likud-Partei nahe, die Franzosen haben sich daran gewöhnt, dass er nicht befriedet und besänftigt, sondern stets ein dramatisches Bild von der Situation der Juden in Frankreich malt. Aber heute klingt Cukierman nicht mehr wie ein Scharfmacher, sondern wie einer, der schneller als die liberalen, gemäßigten Stimmen den Ernst der Lage erfasst hat. Die Regierung hat dem Antisemitismus den Kampf angesagt, schon seit Monaten. Aber sie hat den mörderischen Übergriff auf den jüdischen Supermarkt nicht verhindern können. „Wir fühlen uns schutzlos“, bekundete Cukierman.

Er wies darauf hin, dass unter dem Hashtag „Ich bin Kouachi“ (der Familienname der Terroristen-Brüder) in den vergangenen Stunden mehr als 18000 Twitternachrichten eingegangen sind – Nachrichten des Beifalls und der Zustimmung für die Mörder, die im Namen des Dschihad die Redaktion von „Charlie Hebdo“ angriffen. Die Regierung aber handele nicht, beklagt Cukierman.

Zahl der antisemitischen Übergriffe angestiegen

7000 Juden aus Frankreich sind 2014 nach Israel gezogen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Zugleich hat sich die Zahl antisemitischer Übergriffe in Frankreich im Vergleich zu 2013 mehr als verdoppelt. Zuletzt schreckte ein brutaler Überfall in dem Vorort Créteil bei Paris das Land auf. Drei Männer raubten ein jüdisches Paar in einer Wohnung aus und vergewaltigten die junge Frau. Die Einbrecher hatten das Paar gezielt ausgesucht, wie die Ermittler herausfanden – weil sie davon ausgingen, dass Juden viel Geld haben. Eine Mitte November veröffentliche Studie der Stiftung „Fondation pour l’innovation politique“ kam zu dem Schluss, dass insbesondere Franzosen islamischen Glaubens Vorteile gegen Juden hegen. In Frankreich leben etwa sechs Millionen Muslime.

Der Terrorist Amedy Coulibaly war nicht zufällig darauf gekommen, im jüdischen Gemischtwarenladen „Hyper Cacher“ an der Porte de Vincennes anzugreifen. Schon im September 2012 hatten islamistische Terroristen Brandbomben in einen jüdischen Supermarkt in Sarcelles geworfen. Wie durch ein Wunder wurde damals niemand getötet. Aber seit langem gelten den französischen Dschihadisten die Juden als Feind: weil sie vorgeblich hinter einer zionistischen Weltverschwörung stehen und weil sie sich vermeintlich besser in der französischen Gesellschaft zurechtfinden. Der gleiche blinde Hass auf „die Juden“ hatte den Attentäter Mohamed Merah im März 2013 geleitet, als er vor einer jüdischen Schule in Toulouse auf Kinder und ihre Eltern schoss.

Im Supermarkt „Hyper Cacher“ kam es zu heroischen Szenen

Im Supermarkt „Hyper Cacher“ kam es dabei zu heroischen Szenen. Yohan Cohen, ein 20 Jahre alter Supermarkt-Beschäftigter, versuchte zusammen mit dem 22 Jahre alten Yohav Hattab dem Terroristen die Waffe zu entreißen. Dieser schoss die beiden kaltblütig nieder. Hattab, der Sohn des Rabbiners der Synagoge La Goulette in Paris, war zum Einkaufen ins Geschäft gekommen. Er wollte, ebenso wie Cohen, eine Mutter mit ihrem Säugling schützen, die dank des Tumults in den Kühlraum des Supermarktes flüchten konnte. Vier Stunden lang hielten die Mutter, ihr Säugling sowie drei andere geflüchtete Supermarktkunden in ihrem kalten Versteck aus, wärmten einander und besonders das Baby, damit es nicht schrie und entdeckt wurde. Der Terrorist erschoss bei dem Handgemenge mit den Geiseln auch den 63 Jahre alten Michel Saada, der im Supermarkt nur ein Brot hatte kaufen wollen. Auch der 45 Jahre alte Familienvater Philippe Braham, der vier Kinder im Alter von einem bis 14 Jahren hinterlässt, fiel im Kugelhagel. Brahams Bruder Michel zweifelt daran, dass die Juden in Frankreich noch sicher leben können. „Auch wenn ich Frankreich unendlich dankbar bin, ich weiß nicht, ob meine Zukunft noch hier ist“, sagte Braham.

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