http://www.faz.net/-gq5-8cav4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.01.2016, 08:18 Uhr

Übergriffe in Schweden Im Schutz der Menge

Auch in Schweden ist es zu sexuellen Übergriffen auf Mädchen gekommen. Auf einem Festival wurden 200 junge Männer des Geländes verwiesen. Warum schwieg die Polizei zu diesen Vorfällen?

von
© AP Polizeichef Dan Eliasson: Wegen Vorwürfen der Vertuschung fordern die Schwedendemokraten nun seinen Rücktritt.

Bis das Ausmaß der sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln bekannt wurde, hat es Tage gedauert. Ein Skandal, der zuständige Polizeipräsident hat seinen Posten räumen müssen.

Matthias Wyssuwa Folgen:

Kein Vergleich zu Schweden. Denn im Königreich entfaltet sich gerade ein Skandal, der das Vertrauen in die Polizei zu erschüttern droht: Auf einem Festival für Jugendliche hat es zahlreiche sexuelle Übergriffe und Verdächtige mit ausländischem Hintergrund gegeben – doch bekannt wurde davon viele Monate lang nichts. Das erregt die Schweden. Nicht nur, weil sie so lange nichts davon erfahren haben. Sondern vor allem wegen der Frage: Warum eigentlich?

Sexuelle Übergriffe auf Festival in Stockholm

Dass die Übergriffe jetzt enthüllt wurden, ist der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ zu verdanken. Ihre Berichte zeichnen ein düsteres Bild. Im Fokus steht „We are Stockholm“, ein Festival für Jugendliche mitten in der schwedischen Hauptstadt. Im vergangenen Jahr kamen rund 170.000 Besucher. „Dagens Nyheter“ beruft sich auf Polizeiberichte und zitiert Polizisten, die bei dem Festival dabei waren. Demnach kam es bereits 2014 neben vielen Diebstählen auch zu sexuellen Übergriffen auf Mädchen. In einem Fall drang ein Täter mit den Fingern in ein Mädchen ein.

Mehr zum Thema

Im August 2015 dann wurde die Situation nicht besser, im Gegenteil – wieder wurden zahlreiche Mädchen sexuell bedrängt, obwohl bereits vor dem Festival vor jungen Männern gewarnt worden war, die sich an Mädchen im Schutz der Menge „reiben“ würden. Den Polizeiberichten zufolge wurden etwa 50 junge Flüchtlinge vor allem aus Afghanistan als Verdächtige ausgemacht, einige wurden wegen sexueller Belästigung festgenommen. Insgesamt verwies die Polizei während der fünf Tage des Festivals mehr als 200 junge Männer des Geländes. Die betroffenen Mädchen fuhr sie zu ihren Eltern nach Hause.

Ein Polizist wird mit dem Satz zitiert, die jüngsten Opfer seien nicht älter als elf oder zwölf Jahre alt gewesen. Nie hätte er seiner eigenen Tochter erlaubt, auf das Festival zu gehen. Die Lage war offenbar so dramatisch, dass sogar erwogen worden war, das Publikum nach Geschlecht zu trennen. Dazu kam es nicht. 2014 und 2015 gab es insgesamt 38 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe, darunter zwei Vergewaltigungen. Das offizielle Fazit der Polizei lautete 2015: „Es gab relativ wenige Delikte in Anbetracht der vielen Konzertbesucher.“

Ein „demokratisches Problem“ für das ganze Land

Dieses Fazit bringt die Polizeiführung in Bedrängnis. Sogar Ministerpräsident Stefan Löfven äußerte sich verärgert. Es sei nicht hinnehmbar, dass junge Frauen nicht auf ein Festival gehen könnten, ohne sexuell belästigt oder angegriffen zu werden, äußerte er. Dass die Polizei nicht sofort über die Vorfälle informiert hat, bezeichnete er als „demokratisches Problem“ für das ganze Land. Es sollte nie versucht werden, etwas zu verbergen. Ein Sprecher der Polizei sagte im Schwedischen Rundfunk, die Polizei hätte natürlich über die Vorfälle berichten sollen. Warum es nicht dazu gekommen sei, könne er sich nicht erklären.

In der „Dagens Nyheter“ äußert ein Polizist, der bei dem Festival Dienst hatte, zumindest einen Verdacht: „Das ist ein wunder Punkt“, sagte er und: „Manchmal wagen wir es wohl nicht zu sagen, wie die Dinge wirklich sind, weil wir glauben, das könnte den Schwedendemokraten in die Hände spielen.“ Die Rechtspopulisten sitzen seit 2010 im Parlament. Seit die Flüchtlingskrise die politische Agenda im Land bestimmt, sind sie in den Umfragen auf mehr als 20 Prozent Zustimmung gestiegen.

Der Polizeichef Dan Eliasson wies solche Spekulationen am Montag entschieden zurück. Auf politische Umstände nehme man keine Rücksicht. Untersuchungen sollen nun klären, warum dann nichts mitgeteilt wurde. Man müsse der Sache auf den Grund gehen, sagte er. Die Schwedendemokraten fordern seinen Rücktritt. Am Montagabend wurde dann die erste Anzeige erhoben – gegen einen 15 Jahre alten Jungen. Er soll bei dem Festival im vergangenen Jahr ein 14 Jahre altes Mädchen sexuell belästigst und ein anderes geschlagen haben. Der Junge bestreitet das. Über seine Herkunft wurde zunächst nichts bekannt.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Befreiter Zwölfjähriger Hat Düsseldorfer weitere Jungen missbraucht?

Ein Spezialeinsatzkommando befreit einen verschwundenen Jungen aus der Düsseldorfer Wohnung eines mutmaßlichen Pädophilen. Nun haben die Ermittler einen schlimmen Verdacht: Er könnte nicht das einzige Opfer gewesen sein. Mehr

28.06.2016, 11:51 Uhr | Gesellschaft
Ólafur Elíasson Künstler-Kochbuch The Kitchen

Im Berliner Studio von Ólafur Elíasson wird täglich gekocht, teilweise mit Zutaten aus eigener Ernte. Sie wachsen durch Sonnenlicht, wir essen praktisch Licht, sagt er. Licht steht auch in seiner Kunst im Mittelpunkt. Mehr

12.06.2016, 17:39 Uhr | Stil
Sicherheit im Nahverkehr Die eigenen Grenzen verteidigen

Nachts allein unterwegs zu sein, kann gefährlich werden. Viele Frauen sind schon einmal auf der Straße oder in der Bahn belästigt worden. Darauf richtig zu reagieren fällt schwer. Mehr Von Theresa Weiß

29.06.2016, 14:38 Uhr | Rhein-Main
Amerika Attentat auf Trump vereitelt

Bei einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Las Vegas wurde am Samstag ein junger Brite festgenommen. Nun hat der Mann bei der Polizei ausgesagt, dass er den wahrscheinlichen Präsidentschaftsbewerber der Republikaner töten wollte. Einem Zeitungsbericht zufolge leidet der Mann an einer Form von Autismus. Mehr

21.06.2016, 15:39 Uhr | Politik
EM im Fechten Das Degen-Model und der Papst in Polen

Degenfechterin Monika Sozanska erlebt die EM in Polen auch als Reise in die Vergangenheit. Der Verband sucht seine Zukunft – und greift auf einen alten Hoffnungsträger zurück. Mehr Von Achim Dreis

22.06.2016, 11:42 Uhr | Sport

Eine Luftnummer

Von Daniel Deckers

In Rheinland-Pfalz hat die Regierung aus der Posse um den Nürburgring nicht allzu viel gelernt. Das Fiasko am chronisch defizitären Flughafen Hahn könnte nun jemanden in arge Bedrängnis bringen. Mehr 5 61