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Albanien : Das Land, in dem der Hanf blüht

Kein Gemüsemarkt: Marihuana-Pflanzen in der Drogenhochburg Lazarete nach einer Polizeirazzia im Jahr 2014 Bild: Getty

In Albanien gedeiht das organisierte Verbrechen. Die Politik tut nichts, sie ist sogar darin verwickelt. Doch auch die Justiz macht oft gemeinsame Sache mit den Rauschgiftbanden.

          Es ist ein heißer und trockener Sommer in Albanien. Das Kraut wächst prächtig. Die Polizei ist damit beschäftigt, auf den Bergen Marihuanafelder zu orten. Eigenen Angaben zufolge gelang es ihr in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, 216.000 Stauden zu zerstören, vergangenes Jahr waren es 530.177 gewesen. Marihuana zählt zu den einträglichsten Exportartikeln des Landes. Seit Spezialeinheiten der Polizei im Sommer 2014 Großangriffe gegen die Drogenhochburgen in Lazarete, unweit der südalbanischen Stadt Gjirokastra, und im Dukagjin-Gebiet nahe der montenegrinischen Grenze unternahmen, haben sich die Bauern umgestellt. Den harzigen Hanf bauen sie nicht mehr großflächig an, sondern auf kleinen, schwer zu entdeckenden Feldern in den Gebirgsregionen. Für ein Kilogramm getrocknete Blätter, Stengel und Blüten bekommen sie 300 Euro. In Italien, wohin ein großer Teil der Ernte exportiert wird, kostet das Kilo rund 5000 Euro.

          Karl-Peter Schwarz

          Korrespondent für die Tschechische Republik, die Slowakei, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien mit Sitz in Wien.

          Polizisten, die den Banden auf die Spur kommen, riskieren ihr Leben. Im Juni wurde in Lazarete ein Polizeioffizier erschossen, der den Wagen eines Drogenbosses angehalten hatte. Produktion und Schmuggel sind so einträglich, dass die Kriminellen über genügend Geld verfügen, um Polizisten, Staatsanwälte und Richter zu bestechen. Einige von denen, die in die kriminellen Machenschaften verstrickt sind, sitzen sogar als Abgeordnete im albanischen Parlament.

          Die amerikanische Kriminalsoziologin Jana Arsovska führt in einer gerade erschienenen Studie („Decoding Albanian Organized Crime“, University of California Press, 2015) die Verbindungen des organisierten Verbrechens mit den albanischen Parteien auf die frühen neunziger Jahre zurück. Gewalt und Korruption, betrügerische Privatisierungen, Schutzgelderpressungen und andere Verbrechen hätten den Übergang von einem totalitären Regime zur Demokratie begleitet.

          Der Höhepunkt der Zusammenarbeit zwischen Politik und Verbrechen sei 1997 erreicht worden, als politisch geduldete betrügerische Investmentfonds Pyramidenspiele mit Zinsversprechen von zehn bis 25 Prozent veranstalteten. Rund zwei Drittel der Albaner beteiligten sich und verloren ihre Ersparnisse. Der Kollaps des kriminellen Systems war der Anlass zu einem Aufstand, der von ehemaligen Kommunisten geschürt wurde und zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung führte. Die Depots der Armee wurden geplündert, mehr als eine halbe Million Handfeuerwaffen und 1,6 Millionen Handgranaten und Sprengfallen landeten auf dem schwarzen Markt in Ost- und Südosteuropa.

          Neue Bürgermeister, ehemalige Drogenhändler

          Das organisierte Verbrechen gedeiht am besten in der Grauzone der Vetternwirtschaft. Ein Angehöriger eines Clans, der in die Politik geht, kann auf die Wählerstimmen aus seinem Dorf oder seiner Stadt zählen, ganz unabhängig von seiner politischen Zugehörigkeit. Als Gegenleistung bedient er seine Klientel. Das organisierte Verbrechen sucht die Nähe zur Macht, politische oder ideologische Vorurteile sind ihm fremd. Bis zu den Parlamentswahlen 2013 waren die konservative Demokratische Partei (DP) und ihre Partner an der Macht, jetzt sind es die Sozialisten und ihre „Allianz für ein europäisches Albanien“.

          Wie früher der Ministerpräsident und demokratische Parteivorsitzende Sali Berisha verspricht auch der sozialistische Ministerpräsident und Parteivorsitzende Edi Rama, Korruption und organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Geändert hat sich bisher nichts. Noch nie seien die Verbindungen zwischen Regierung und Verbrechen so eng gewesen wie jetzt, behauptet der neue DP-Vorsitzende Lulzim Basha. Nicht weniger als 19 Abgeordnete der Linkskoalition entstammten der Unterwelt oder stünden mit ihr in Verbindung, meint er. Zu den Lokalwahlen, die im Juni stattfanden, schlug Rama die ausdrücklichen Warnungen des amerikanischen Botschafters und einiger Botschafter der EU-Mitgliedstaaten in den Wind und setzte Kandidaten auf die Listen, die unter dem Verdacht stehen, Verbrechen begangen zu haben. Die Demokratische Partei zog einen ihrer Kandidaten, der wegen Drogenhandels verurteilt wurde, zurück. Die Sozialisten zogen ihrerseits keine Konsequenzen. In Kruja und in Kavaja, zwei kleinen Städten in Mittelalbanien, wurden sozialistische Kandidaten als Bürgermeister gewählt, die schon einmal wegen Drogenhandels verhaftet worden waren.

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