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Großbritannien und der Terror Bumm bumm bumm, sagte Naseer

 ·  Im Prozess gegen eine islamistische Terrorzelle aus Birmingham belegen Abhörprotokolle, wie eng die Zusammenarbeit mit Al Qaida war. An mehreren Plätzen sollten Bomben in Rucksäcken gezündet werden.

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© REUTERS Get a haircut, get a life: Das ist Irfan Naseer, hier auf einem Foto der Birminghamer Polizei

Sparkhill am Rande Birminghams wird auch „Little Kashmir“ genannt. Von dort - und anderen Stadtteilen mit Einwandern aus Pakistan und Bangladesh - stammen die Männer der Terrorzelle, die am Donnerstag wegen eines versuchten Terroranschlags schuldig gesprochen wurden. Ihr Anführer, Irfan Naseer, wurde in Sparkhill geboren, studierte Chemie an der Aston-Universität, fand aber nicht ins Arbeitsleben. Bekannte beschrieben den übergewichtigen Mann mit dem Prophetenbart als intelligenten Sonderling. Noch im Alter von dreißig Jahren wohnte Naseer bei seiner Mutter, lebte von Sozialhilfe - und plante mit Freunden den blutigsten Bombenanschlag in der Geschichte Großbritanniens.

Im Laufe des Prozesses, der in London abgehalten wurde und im April oder Mai mit der Strafmaßverkündung abgeschlossen werden soll, gelang es der Staatsanwaltschaft, das Treiben der Terrorzelle zumindest in Konturen zu rekonstruieren. In den Jahren 2007 und 2008 lernte Naseer die jüngeren Irfan Khalid und Ashik Ali in einem Fitnesscenter kennen. Im März 2009 machten sich Naseer und Khalid, „der große und der kleine Irfan“, auf ihre erste Reise nach Pakistan. Nach einer kurzen Rückkehr im Herbst brachen sie ein weiteres mal in Richtung Pakistan auf. Inzwischen hatten sie in Karachi Kontakt zur Terrorgruppe Al Qaida aufgenommen und wurden in den Stammesgebieten von Nordwasiristan zu Attentätern ausgebildet. Spezialisten der Al Qaida schulten sie im Bombenbau und halfen bei der Erstellung eines „Märtyrer-Videos“, das nach einem erfolgreichen Anschlag in England veröffentlicht werden sollte. Darin nahmen die beiden Irfans Bezug auf die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen durch westliche Medien.

Nach ihrer abermaligen Rückkehr im Juni 2011 begannen die Polizei und der britische Geheimdienst mit einer engmaschigen Überwachung. Auf dem Radarschirm waren die Männer schon seit einigen Monaten gewesen, aber nun begann mit 400 Mitarbeitern die größte Anti-Terror-Operation seit dem Jahr 2006, als die britischen Behörden Anschläge auf mehrere transatlantisch verkehrende Flugzeuge vereitelt hatten. Die beiden Irfans und Ali wurden im Sommer 2011 dabei beobachtet, wie sie im Namen einer islamischen Wohltätigkeitsvereinigung Geld in Birmingham sammelten und Materialien für den Bombenbau kauften (sich dabei allerdings bei der Auswahl der Zutaten irrten). Mitgeschnittene Telefongespräche - einige von ihnen wurden im Gerichtssaal vorgelesen - unterstrichen die Ernsthaftigkeit der Planungen.

„Wir werden sie in ihrem eigenen Land treffen“, sagte Naseer, der selbst einen britischen Pass besitzt. „Sie wollen clubben und sich wie Tiere verhalten, warum sollten wir sie nicht terrorisieren?“ Naseer wollte gründlich vorgehen. Im Gespräch mit seinen Komplizen kritisierte er die Attentäter, die im Juli 2005 in London 52 Menschen getötet hatten, weil sie keine Nägel in ihre Bomben eingebaut und deshalb „zu wenig Schaden“ angerichtet hätten.

Bedrohung nach wie vor „hoch“

Längere Zeit war die Zelle uneins darüber, wie sie den in London als „7/7“ bezeichneten Anschlag auf U-Bahnen und einen Bus übertreffen könnten. Auch absurd klingende Ideen kamen auf. So wurde überlegt, Autotürgriffe mit einer Gift-Creme zu beschmieren oder Messer an Fahrzeugen zu befestigen, die dann in Menschenmengen gerammt werden sollten. Gestalt nahm schließlich der Plan an, an mehreren Plätzen Bomben in Rucksäcken detonieren zu lassen. „Sieben oder acht, an verschiedenen Orten, mit Zeitzündern zur selben Zeit - bumm bumm bumm“, sagte Naseer laut Abhörprotokoll.

Sie rekrutierten vier Männer aus Birmingham und schickten sie in ein Terrorcamp in Pakistan. Weil die Polizei zu diesem Zeitpunkt noch nicht genügend Beweise an der Hand hatte, griff sie nicht ein. Das besorgten dafür die Familien der Rekruten. Sie baten Verwandte in Pakistan, ihre Söhne auf dem schnellsten Weg zurück nach Birmingham zu schicken. Drei von ihnen stiegen tatsächlich nach wenigen Tagen ins Flugzeug, der vierte wird bis heute in Pakistan vermutet. Von einigen Seiten wurde das Verhalten der Familien als beruhigendes Beispiel dafür gewertet, dass in den islamischen Einwanderkreisen die Sympathie für Terroranschläge gering sei. Andere betonen, dass die Familien ihr Wissen über die Terroraktivitäten der jungen Männer nicht an die Polizei weitergegeben haben, was nicht zuletzt den weichen Ansatz der Sozialarbeit in Frage stelle. Seit Jahren werden hohe staatliche Summen in das „Prevent“-Projekt gesteckt, das islamischen Extremismus gewissermaßen an der Wurzel, durch vertrauensbildende Maßnahmen auf lokaler Ebene, bekämpfen soll.

Liberale Vertreter islamischer Gemeinden beklagen, dass ihr Zugriff auf die Jugend schwindet. Naseer und seine Freunde wurden offenbar nicht von örtlichen Predigern in Birmingham radikalisiert, sondern durch einschlägige Internetseiten. Inspiration holten sie sich laut den Ermittlern vor allem von dem Islamisten Anwar al Aulaqi, der in den Vereinigten Staaten gewirkt hatte, bevor er im Jemen durch eine amerikanische Drohne getötet wurde - nur kurze Zeit, nachdem die drei Männer im September 2011 in Birmingham festgenommen worden waren.

Die Polizei warnte am Freitag, dass die Gefahr durch britische Islamisten fortbestehe. Die Bedrohung sei nach wie vor „hoch“. Noch immer befindet sich eine unbekannte Zahl von Extremisten mit britischem Pass in Pakistan, die nach ihrer Rückkehr jederzeit Komplizen rekrutieren könnten, zitierte die Zeitung „Daily Telegraph“ am Freitag aus Sicherheitskreisen. Von der Möglichkeit einer zweiten Anschlagswelle ist die Rede - und einer neuen Generation von Terroristen. Sicherheitsfachleute zeigen sich insbesondere besorgt, wie leicht die beiden Irfans Kontakt zur Kommandoebene der Al Qaida aufnehmen konnten. Von dort soll ihr Plan auch gutgeheißen worden sein. Gruppen wie die von Naseer, die eigenständig planen und nur noch über eine Autorisierung mit Al Qaida verbunden sind, bezeichnen Fachleute mittlerweile als „Nike-Zellen“, weil sie getreu des Werbeslogans des Sportartikelherstellers handelten: „Just do it“.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

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