http://www.faz.net/-gq5-7rvad

Großbritannien : Die Islamische Republik von Tower Hamlets

Lutfur Rahman, Labour-Bürgermeister des Londoner Stadtteils Tower Hamlets Bild: AFP

Bengalen bestimmen das Leben eines Londoner Stadtteils: Statt Urinalen gibt es im Rathaus Anlagen zum Füßewaschen, von den 45 Stadträten stammen 25 aus Bangladesch. Bei Debatten im Stadtrat vergessen sie zuweilen das Englische.

          Ich zeig Ihnen mal was“, sagt Peter Golds, nimmt den Besucher an der Hand und führt ihn über den Flur, vorbei am muslimischen Gebetsraum, vorbei am Büro von Bürgermeister Lutfur Rahman, bis zu der Toilette, die von den Stadträten benutzt wird. Golds weist auf die kleine Plastikgießkanne, die prominent am Eingang plaziert ist, dann in den Raum, in dem die Urinale einer Anlage zum Füßewaschen gewichen sind. „Wäre so etwas in Deutschland vorstellbar – in einer Stadtverwaltung?“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Urbarmachung des Rathauses für die muslimischen Kollegen ist noch das kleinste Problem, das Peter Golds, der Vorsitzende der Konservativen Fraktion im Stadtrat, mit Bürgermeister Rahman hat. Das größere hielt er in Petitionen fest oder in Beschwerdebriefen an Aufsichtsgremien. Darin geht es um Dinge wie Amtsmissbrauch, Wahlbetrug und Verbindungen zum islamischen Extremismus. „Die politische Situation in Tower Hamlets ist extrem unerfreulich, und Beziehungen zwischen dem Bürgermeister und den etablierten Parteien bestehen praktisch nicht“, schrieb er dem Polizeipräsidenten im November. Seitdem hat sich die Lage weiter verschlechtert.

          Kaperung staatlicher Institutionen: Propalästinensische Demonstranten besetzen einen Bus vor der israelischen Botschaft in London

          In Tower Hamlets, einem der am meisten durchmischten Stadtteile Londons, wehte schon immer ein etwas rauherer Wind. Der Bezirk umfasst viele Viertel des East End, das mit seinen Hafenanlagen, den Docklands, traditionell Arbeiter und mittellose Einwanderer anzog. Heute gehört auch der Bankendistrikt Canary Wharf zum Verwaltungsbezirk, die Gegend um die Brick Lane ist zum angesagten Szene-Stadtteil geworden, und in Stratford gibt es jetzt den Olympiapark, aber nichts hat den Stadtteil so verändert wie der rasante Zuzug aus Bangladesch. In Tower Hamlets leben heute mehr Bengalen (32 Prozent) als „White British“ (31 Prozent) – und die Einwanderer stellen nicht nur die demographische Landkarte auf den Kopf.

          Hochburg des Islam

          Im Laufe der vergangenen dreißig Jahre machten die Bengalen den Stadtteil zu einer Hochburg des Islam. Laut einer offiziellen Statistik aus dem Jahr 2011 bekennen sich 35 Prozent der Bewohner zum Propheten Mohammed. Nur 24 Prozent glauben noch an Jesus Christus. In Tower Hamlets, das mit gut 270.000 Einwohnern die Größe Wiesbadens hat, stehen heute mehr als fünfzig Moscheen. Ihren folgenreichsten Siegeszug traten die Bengalen in der Politik an. Von den 45 Stadträten, die heute den Bezirk regieren, stammen 25 aus Bangladesch. Bürgermeister Lutfur Rahman wurde im Mai wiedergewählt – erstmals direkt vom Volk.

          Seine siegreiche „Tower Hamlets First Party“ zog mit 18 Kandidaten ein – genauer: mit 17 Männern und einer Frau, die ohne Ausnahme bengalischen Hintergrund haben. Manchmal fühlen sie sich so sehr unter sich, dass sie das Englische vergessen und im Stadtrat auf Bengalisch debattieren. Schwule Stadträte wurden von ihnen schon als „Poofter“, als Schwuchteln, beschimpft, höhnisch als „Misses“ angeredet oder mit Tierlauten konfrontiert. In der Empfangshalle des Stadthauses lagen zwischenzeitlich CDs des Hasspredigers Abdur Raheem Green aus.

          Von einer „Mono-Kultur“ sprach der Labour-Abgeordnete Jim Fitzpatrick neulich. „Wir haben versucht, eine offene und tolerante Gemeinschaft in Ostlondon aufzubauen, und es gibt ein paar Leute, die uns rückwärts führen wollen, in die Rassenpolitik“, sagte er in einem Interview. Fitzpatrick, der den Ostlondoner Wahlkreis im britischen Unterhaus repräsentiert, mahnt zur „Wachsamkeit“. Die Kommunalpolitik in Tower Hamlets werde mehr und mehr von Islamisten „infiltriert“.

          Weitere Themen

          Der Kampf gegen Fake News beginnt Video-Seite öffnen

          Facebook : Der Kampf gegen Fake News beginnt

          Der amerikanische Internetriese musste sich vorwerfen lassen, dass Manipulationen auf seinen Netzwerken verschiedene Wahlen und Abstimmungen beeinflussten. Jetzt zieht Facebook die Konsequenzen und versucht Fake News schneller zu stoppen.

          Das erste Sexit-Opfer?

          Belästigungsvorwürfe : Das erste Sexit-Opfer?

          Britische Parlamentsbedienstete werfen Abgeordneten Mobbing und sexuelle Belästigung vor. Unterhaussprecher Bercow soll diese Kultur geduldet haben. Das könnte ihm zum Verhängnis werden – auch wegen seiner Haltung zum Brexit.

          Hinweise auf vergrabene Leichenteile Video-Seite öffnen

          Fall Khashoggi : Hinweise auf vergrabene Leichenteile

          Die Nachrichtenagentur Reuters hat von Insidern erfahren, dass es konkrete Hinweise gebe, wo der zerstückelter Körper des Journalisten Jamal Khashoggi verscharrt worden sein soll. Man gehe mittlerweile davon aus, dass Khashoggi tot ist.

          Topmeldungen

          Nach andauernden Verlusten legte der Schanghai Composite am Freitag zu.

          Asiatische Börsen : China und die große Sorge vor dem Kollaps

          Chinas Wirtschaft wächst so langsam wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Die Börsenkurse sind seit Jahresbeginn stark gesunken. Eine Milliardenrettung durch den Staat rückt näher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.