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„Grillini“ in Italiens  Parlament : Zwischen Klamauk und Koalition

Lange Auszählung: Wahlhelfer am Montagnachmittag in Rom Bild: REUTERS

Beppe Grillo ist ein Sieger der Wahl  - aber ins Parlament geht er nicht. Die Neulinge, die seine Bewegung in die Kammern schickt, dürften bald umgarnt werden.

          Sie sind die Wahlsieger der anderen Art. Erstmals ziehen „Grillini“ in Rom in die Abgeordnetenkammer und in den Senat ein. Den Bangenden gelten sie als unerfahren und apolitisch, den Hoffenden als jung und unideologisch. So richtig weiß noch niemand, mit wem es die künftige Regierung genau zu tun bekommt. Auch Pier Luigi Bersani, der Wahlsieger an der Spitze des Partito Democratico (PD), kennt die meisten dieser neuen Parlamentarier noch nicht - aber angesichts seiner knappen Mehrheit dürfte er sie rasch kennenlernen wollen. Auch die wenigsten Wähler der Grillini dürften genaueres über die Leute auf der Liste wissen. Im Wahlkampf standen alle Kandidaten im Schatten des Kabarettisten und Bloggers Beppe Grillo, der der Bewegung seinen Namen gab - sich aber nicht ins Parlament wählen ließ.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          „Nein, wir sind nicht einfach Grillini“, schimpfte dieser Tage noch ein Wahlkämpfer der Bewegung. „Offiziell nennen wir uns die ,Bewegung fünf Sterne‘, und das steht für ein Programm: für saubere Umwelt und sauberes Wasser, für den Kampf gegen Staatsverschuldung, gegen die Korruption sowie für mehr direkte Demokratie.“ Der das sagte, ist ein typischer Vertreter der Grillo-Anhänger: vierzig Jahre alt, Diplomökonom, Spross einer römischen Akademikerfamilie. Er hatte nie einen festen Arbeitsplatz, lebte je nach Lebensphase mit einer Frau zusammen oder allein bei seinen Eltern. „Ich konnte mir nie eine eigene Familie leisten.“ Vielen Wählern, auch vielen neuen Abgeordneten der Bewegung Grillos geht es wie ihm: Die hohen Steuern und die weiter steigende Arbeitslosigkeit ließen sie das Vertrauen in die alten Parteien verlieren.

          „Bewegung gegen die Politik“

          Die neue Bewegung begann ihren Siegeszug auf lokaler Ebene. Seit Mai 2012 ist der „Grillino“ Federico Pizarotti Bürgermeister von Parma. Er kämpft seither gegen die hohe Verschuldung der norditalienischen Stadt und versucht zu sparen, etwa bei den Gehältern der kommunalen Angestellten und bei den Repräsentationskosten. Trotz Krise will er aber mehr Geld für die Bildungsarbeit ausgeben. Der 1973 geborene Computertechniker Pizarotti wurde mit 60 Prozent der Stimmen gewählt und seither ließ die Zustimmung für ihn nicht nach. Der bescheiden auftretende Mann ist eines der Aushängehängeschilder der Grillo-Bewegung. So wie er sollen auch die zukünftigen Abgeordneten und Senatoren für Italien arbeiten: der Lehrer aus Neapel, die Krankenschwester aus den Abruzzen, eine Mitarbeiterin in einer Speditionsfirma in Mailand, ein Kleinunternehmer aus Padua, der im Umweltschutz aktiv ist, und eine Ärztin aus Verona. Frauen und Männer waren auf Grillos Liste etwa gleich stark vertreten. Die meisten Kandidaten sind Akademiker oder Facharbeiter. Im Schnitt sind die neuen Abgeordneten der „Bewegung fünf Sterne“ um die 30 Jahre alt.

          Der 28 Jahre alte Riccardo Nuti, der für die Bewegung Bürgermeister in Palermo werden wollte, zieht nun für das westliche Sizilien in das Abgeordnetenhaus. Er war bisher Betriebsingenieur in einem Telekommunikationsunternehmen. Der sportliche junge Bärtige hat „nie Politik machen wollen; ich will nur meine Lebensverhältnisse, meine Umwelt neu gestalten“, sagt er. Die Grillini werden oft als „Bewegung gegen die Politik“ bezeichnet. Das geht auf den Vorwurf zurück, Politik sei Eigennutz und die meisten Politiker interessierten sich nicht für die Wähler. Wahrscheinlich haben die neuen Abgeordneten und Senatoren ganz unterschiedliche Vorstellungen über ihre erste Gesetzesinitiative. Aber alle sagen, sie wollten die Gehälter der Volksvertreter reduzieren und den Einkommen ihrer Wähler anpassen.

          Ihr Programm beschäftigt sich mit lokalen Problem

          An diesem Dienstag wird sich zeigen, ob der PD-Politiker Rosario Crocetta, neuer Regionalpräsident in Sizilien, Recht behält. Schon am Tag nach der Wahl, so hatte Crocetta orakelt, könnten sich die geheimnisvollen „Grillini“ zum Koalitionspartner des PD mausern. Im Wahlkampf wollte Bersani davon nichts wissen. Er bekämpfte Grillo, den populistischen „Diktator“, der „jedem Dialog ausweicht“, und bot den Grillini an, doch ihn zu wählen. Aber für die meist jungen Anhänger der „Bewegung fünf Sterne“ gehört Bersani noch immer zum Apparat der längst verstorbenen kommunistischen Partei. Sie vertrauen ihm genauso wenig wie Silvio Berlusconi vom „Volk der Freiheit“ (PdL). Für die Grillini sind Ideologien ein Phänomen von gestern. Den Bipolarismus in der Parteienlandschaft, den das Wahlrecht begünstigt, halten sie für eine der Hauptursachen der Stagnation Italiens. Die Anhänger kleiden das in Sätze wie diesen: „Ich bin doch weder links noch rechts, wenn ich endlich einen festen Arbeitsplatz will.“

          Bisher dienten die Grillini nur in lokalen und regionalen Parlamenten. Darum beschäftigt sich ihr Programm besonders mit Dingen wie der Wasser- und Abwasserversorgung, Müllverbrennungsanlagen oder dem öffentlichen Nahverkehr. Jetzt sollen sie sich um nationale Probleme kümmern. Da brauchten sie wohl „Pfadfinder“, hatte Bersani vergangene Woche gesagt: „Wir werden mit ihnen im Parlament sein, dann wird man sehen, was sie wollen; ob sie weiter von Grillo gelenkt werden, der nur schreit, aber auf Fragen nicht antwortet, oder ob sie ernst und gewissenhaft an der parlamentarischen Diskussion teilnehmen, nicht um Stimmen zu gewinnen, sondern um Probleme zu lösen.“ Er wird es herauszufinden versuchen.

          Quelle: F.A.Z.

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