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Front National : Das Ende der Ära Jean-Marie Le Pen

Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine vergangene Woche in Paris. Bild: AFP

Die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen, hat die Entgleisungen ihres Vaters Jean-Marie lange ertragen – jetzt zwingt er sie zum Bruch. Die Partei hat die Mitgliedschaft des 86 Jahre alten Gründers suspendiert.

          Dreieinhalb Stunden hat der verkleinerte Parteivorstand in Nanterre mit sich gerungen, dann steht fest: die Ära Jean-Marie Le Pen ist endgültig beendet. Mit sofortiger Wirkung wird die Parteimitgliedschaft des 86 Jahre alten Parteigründers und Ehrenpräsidenten des Front National (FN) suspendiert. Innerhalb von drei Monaten soll per Briefwahl eine Urabstimmung über neue Parteistatuten organisiert werden. Marine Le Pen vertraut darauf, dass eine Mehrheit der Mitglieder den Bruch mit dem Parteigründer billigen wird. Ihr Lebensgefährte, der stellvertretende Parteivorsitzende Louis Aliot, hatte zuvor darauf hingewiesen, dass 80 Prozent der Mitglieder erst seit 2011 zum Front National (FN) gefunden haben – seit Marine Le Pen die Geschicke der Partei führt. In einem Kommuniqué spricht das sogenannte Exekutivbüro um die Parteivorsitzende von einer „kompletten Renovierung“ der Parteiorganisation.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Jean-Marie Le Pen hat die Entscheidung des Parteivorstands schon kommen sehen. Er sprach von seiner bevorstehenden Hinrichtung in einem der Wortspiele, die er so schätzt. Schon in seiner Limousine sitzend bescheinigte er seiner Tochter ein „Freud-Syndrom“. „Sigmund Freud empfiehlt den Vatermord“, scherzte er. Da hatte er gerade die Sitzung des Parteivorstands verlassen, dem er als Ehrenpräsident auf unbegrenzte Zeit angehört. „Ich bin verleugnet worden“, beschwerte er sich und klang nicht wutentbrannt, sondern störrisch.

          In einer Erklärung sicherte der Parteivorstand Marine Le Pen „volle Unterstützung“ zu und distanzierte sich von den Äußerungen des Ehrenpräsidenten. Jean-Marie Le Pen aber betonte, er habe „seinen Platz und sein Büro“ beim FN und dabei bleibe es – es sei denn, er werde daran gehindert. Die Parteistatuten garantierten ihm, auf Lebenszeit Ehrenpräsident zu bleiben. Selbst ein Sonderparteitag könne daran wenig ändern, „so wenig wie ein Fluss zurück in die Quelle fließt“. Der Sitzung des Exekutivrates blieb er fern. Er, Jean-Marie Le Pen, wolle nicht anwesend sein, wenn über jenen Mann entschieden werde, der die Partei gegründet und 40 Jahre geleitet habe, maulte er. Von der Parteivorsitzenden will er sich auch künftig nichts vorschreiben – und schon gar nicht ein Redeverbot erteilen lassen. Zuvor hatte seine Tochter im Rundfunk verkündet: Zuvor hatte seine Tochter im Rundfunk verkündet: „Jean-Marie Le Pens Einlassungen dürfen nicht mehr im Namen des Front National erfolgen“. Der Familienstreit hat damit eine neue Eskalationsstufe erreicht.

          Dabei hatte sich Marine Le Pen eigentlich mit der Entscheidung gequält. Nach einer Herzoperation gewährte sie ihrem Vater eine Schonfrist und verschob das Disziplinarverfahren, das sie wegen Le Pens Äußerungen in dem rechtsextremen Blatt „Rivarol“ angestrengt hatte. Der Parteigründer hatte darin die Gaskammern der Nazis von neuem als „Detail der Geschichte“ bagatellisiert, das mit Hitler kollaborierende Vichy-Regime beschönigt und gegen Ausländer gehetzt. Er zweifelte an der Frankreichliebe von Premierminister Manuel Valls, der erst im Erwachsenenalter eingebürgert wurde. Zudem spielte er gehässig auf die Homosexualität mehrerer Führungskader um Marine Le Pen an. Vor allem letzteres wollen sich die Betroffenen nicht länger bieten lassen. Der stellvertretende Parteivorsitzende Florian Philippot forderte Marine Le Pen zum endgültigen Bruch mit ihrem Vater auf.

          „Jean-Marie Le Pen ist ein Anarchist“

          Diese zögerte noch, als sie am 1. Mai von einer neuen Provokation überrascht wurde. Beim traditionellen Aufmarsch der FN-Anhänger zu Ehren von Jeanne d’Arc erklomm Jean-Marie Le Pen im roten Regenmantel überraschend die Bühne und hinderte seine verdutzte Tochter daran, mit ihrer Rede zu beginnen. Minutenlang ließ er sich von seinen Sympathisanten mit Applaus feiern, während Marine Le Pen mit versteinerter Miene die ungebetene Einlage ihres Vaters verfolgte, der davon rauschte, ohne ihre Rede anzuhören. Dabei hätte sie ihm womöglich gefallen. Denn Marine Le Pen lehnte jegliche Barmherzigkeit mit den Migranten ab, die auf dem Mittelmeer in Not geraten, sie warb für Null-Einwanderung und einen Euro-Austritt.

          Marion Marechal-Le Pen kann die Gewinnerin im Streit zwischen ihrer Tante Marine und ihrem Großvater Jean-Marie Le Pen sein.
          Marion Marechal-Le Pen kann die Gewinnerin im Streit zwischen ihrer Tante Marine und ihrem Großvater Jean-Marie Le Pen sein. : Bild: Reuters

          Der Auftritt des alten Patriarchen auf ihrer Bühne missfiel der Parteivorsitzenden zutiefst. „Ich glaube, er erträgt es nicht, dass der Front National weiter existiert, nachdem er die Führung abgegeben hat“, sagte sie. Sie hatte 2011 den Parteivorsitz übernommen, nachdem ihr Vater lange mit sich gerungen hatte. Sie betrachte dessen Ausfälle „als böswillig mir gegenüber und der Partei gegenüber“. Philippot lästerte, Jean-Marie Le Pen sei „wie ein alter Sänger, den es unbedingt noch mal auf die Bühne drängt“. Der politische Bruch sei „dieses Mal total und definitiv“.

          Auch Marine Le Pens Lebensgefährte Louis Aliot hält eine Versöhnung für „unmöglich“. Jean-Marie Le Pen, der ihm im Familienkreis schon häufig zugesetzt haben soll, sei ein „Anarchist, der keine Grenzen kennt“. Aliot beklagte, Jean-Marie Le Pen glaube, die Partei komme durch Skandale voran. Aber er halte auf diese Weise vielmehr Marine Le Pen von der Macht fern. Aliot ist sehr stolz auf seine Lebensgefährtin, die vom amerikanischen Magazin „Time“ zu einer der hundert einflussreichsten Personen der Erde gekürt worden war. Die 46 Jahre alte Parteivorsitzende, die sonst nur auf Frankreich schwört, ließ sich zur Gala nach New York fliegen, zwängte sich in ein blaues Abendkleid und genoss den Abend sichtlich. Ihr Streben nach internationaler Anerkennung mag erklären, warum sie die antisemitischen Entgleisungen ihres Vaters nicht länger tolerieren will. Aber erst unter dem Druck ihres Vorstands entschloss sie sich, Jean-Marie Le Pen tatsächlich aus der Partei zu drängen. Der FN- Abgeordnete Gilbert Collard sagte am Montagabend: „Es ist ihr nicht leicht gefallen, aber es musste sein.“

          Quelle: F.A.Z.

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