Home
http://www.faz.net/-hox-796e3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankreich Großväterchen, erwache!

Nachdem Frankreichs Präsident für seine Filmrolle nur Spott geerntet hat, zeigt sich Hollande nun tatkräftig: Das Land habe wesentliche Reformen eingeleitet. Und auch für die EU schwebt ihm Neues vor.

© dpa Vergrößern Probleme weggelächelt: Hollande am Donnerstag vor Journalisten

In der Rolle des Hauptdarstellers hat es François Hollande nicht leicht. Gerade ist in den französischen Kinos ein Film angelaufen, in dem der Präsident sich selbst spielt. Der Titel „Le Pouvoir“ verheißt Macht und Können, also genau das, was die Franzosen an dem Sozialisten missen. Der Film zeigt einen in sich ruhenden Dilettanten, der seine Berater väterlich ermahnt, sich von seinen Ministern ins Wort fallen lässt und lächelnd sinniert: „Ich war nicht Präsident, bevor ich es wurde“. Die satirische Wochenzeitung „Le Canard Enchaîné“ fand Hollande „unfreiwillig komisch“, ansonsten fragt sich das Land, was dieser Film soll.

Michaela Wiegel Folgen:    

Trotzdem hat sich der Präsident am Donnerstag gleich wieder in Szene gesetzt und 400 Journalisten in den Elysée-Palast geladen. Ziel der Fragestunde war es, unter den Kronleuchtern des Festsaals endlich die Kritiker verstummen zu lassen, die seit Wochen über ihn als „Großväterchen Geruhsam“ spötteln. Deshalb suchte sich Hollande, der seine Partei noch vor kurzem die „egoistische Unnachgiebigkeit“ der Bundeskanzlerin hatte kritisieren lassen, mit einer „europäischen Offensive“ zu profilieren.

Zu einer vertieften Politischen Union entschlossen

Deutschland habe gesagt, es sei bereit zu weiteren Integrationsschritten. Frankreich sei jetzt auch zu einer vertieften Politischen Union entschlossen. Innerhalb der nächsten zwei Jahre solle diese Union mit einer europäischen Wirtschaftsregierung, Steuer- und Sozialgesetzharmonisierung sowie gemeinsamer Steuerfahndung Gestalt annehmen. Das klang gar nicht mehr nach einem „Großväterchen Geruhsam“.

Der Spitzname geht auf Hollandes engsten Beraterstab zurück. Seine Mitarbeiter tauften ihn „Pépère“, eine Verballhornung von PR, der Abkürzung für Präsident der Republik. „Großväterchen Geruhsam“ nennt ihn inzwischen fast die ganze Nation, weil der 58 Jahre alte Staatschef gegen wachsende Schulden und Arbeitslosigkeit, gegen Rezession und Verdruss außer Ruhe bislang wenig aufzubieten vermochte. Ségolène Royal, die Mutter seiner vier Kinder, rügte ihn pünktlich zum Ende des ersten Amtsjahres öffentlich: „Ich habe das Gefühl, dass Zeit verloren wurde.“ François Hollande sieht das anders.

Das führte er bei seiner Pressekonferenz am Donnerstag aus, der das gesamte Regierungskabinett inklusive des Premierministers beiwohnen musste. „Wir haben wesentliche Reformen für das Land eingeleitet“, sagte Hollande. Seine Regierung habe „ernsthaft“ mit der Haushaltssanierung begonnen. Die Europäische Kommission habe das anerkannt und Frankreich deshalb eine Frist von zwei Jahren eingeräumt. Die Rezession in Frankreich führte Hollande nicht auf eigene politische Entscheidungen oder Versäumnisse, sondern auf „die allgemeine Austeritätspolitik innerhalb der Eurozone“ zurück.

Mehr zum Thema

Heil sucht der Präsident fortan in einer europäischen Initiative, im Rahmen des „unabdingbaren deutsch-französischen Paares“. Hollande schwebt neben einer monatlich tagenden europäischen Wirtschaftsregierung eine Energieunion vor, die den Übergang zu nachhaltigen Energiequellen innerhalb der EU koordiniert. Die Frage der französischen Atomkraft sprach er nicht an. Zudem wünscht sich der Präsident, der dem jüngsten EU-Sparhaushalt zugestimmt hat, eine „Erhöhung des EU-Haushaltes“ sowie „europäische Anleihen“.

Die „europäische Idee“ brauche „Bewegung“, sagte Hollande. Der Präsident will den Posten eines „Präsidenten“ der europäischen Wirtschaftsregierung schaffen, der sich ausschließlich dieser Aufgabe widmen soll. Neben dem EU-Kommissionspräsidenten, dem EU-Ratspräsidenten wünscht sich Hollande demnach einen weiteren „Präsidenten“ für eine Wirtschaftsregierung. Das erinnerte ein wenig an den Dokumentarfilm, in dem Hollande einen Berater ermahnt: „Bitte keine Kladde, sondern gleich Klartext!“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ankündigung Hollandes Frankreich beteiligt sich an Luftangriffen auf IS-Miliz

Frankreich wird Luftangriffe gegen die Terrrormiliz Islamischer Staat im Irak fliegen. Das hat Präsident François Hollande angekündigt. Es werde aber keinen Einsatz französischer Bodentruppen geben. Mehr

18.09.2014, 17:39 Uhr | Politik
Merkel macht Ausflug mit Hollande

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den französischen Präsidenten Francois Hollande in ihren Walkreis eingeladen, um viele wichtige Dinge zu besprechen. Mehr

09.05.2014, 23:20 Uhr | Politik
Koalition gegen Dschihadisten Frankreich beteiligt sich an Luftangriffen

Insgesamt 29 Staaten haben dem Irak auf einer Konferenz in Paris Unterstützung im Kampf gegen den Islamischen Staat zugesagt. Frankreich will außerdem Ausreiseverbote gegen Islamisten im eigenen Land verhängen. Mehr

15.09.2014, 16:26 Uhr | Politik
Der Siemens-Chef zu Gast bei Präsident Hollande

Der Siemens-Chef sprach am Montagabend persönlich bei Frankreichs Präsident Francois Hollande vor. Siemens will die Energietechnik-Sparte des französischen Industrie-Riesen Alstom übernehmen, doch damit sind die deutschen Bieter nicht alleine. Mehr

29.04.2014, 09:17 Uhr | Wirtschaft
Kampf gegen Islamischen Staat Frankreich startet Luftangriffe im Irak

Keine 24 Stunden nach der Ankündigung von Präsident François Hollande hat Frankreich erste Luftangriffe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak geflogen. Mehr

19.09.2014, 11:26 Uhr | Aktuell
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.05.2013, 17:40 Uhr

Droht ein neues Srebrenica?

Von Michael Martens, Istanbul

An der syrischen Grenze zur Türkei kämpfen die Kurden um ihr Überleben. Milchpulver und Wolldecken allein helfen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ jedoch nur wenig. Europa und die Türkei müssen nun wählen. Mehr 49