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Frankreich : Aus Angst Hoffnung machen

Mit Baskenmütze und Wanderschuhen: Jean Lassalle durchquert im August das Beaujolais. Bild: F.A.Z.

Um die Sorgen und Nöte der Franzosen zu erkunden, ist der Abgeordnete Jean Lassalle kreuz und quer durch sein Land gewandert – 6000 Kilometer, von Dünkirchen bis Korsika.

          Acht Monate lang hat Jean Lassalle auf Wanderschaft durchgehalten. Der Abgeordnete aus den Pyrenäen wollte die Befindlichkeit seiner Landsleute erkunden, und das geht, sagt er, am besten mit Wanderschuhen an den Füßen. Insgesamt 6000 Kilometer hat der hochgewachsene, hagere Mann zurückgelegt, von der Nationalversammlung bis nach Dünkirchen, von Nord nach Süd, von Westen nach Osten. Auch die Mittelmeerinsel Korsika hat er sich nach der Überfahrt zu Fuß erschlossen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Unter die dunkelblaue Baskenmütze, das Markenzeichen seiner Heimat, hatte er sich einen Sonnenumhang geklemmt. Gerade ist der Abgeordnete zurückgekehrt nach Paris, mit dicken, vollgeschriebenen Notizheften über die Sorgen der Franzosen. Die Aufzeichnungen ähneln den „cahiers de doléances“, den Beschwerdeheften, in denen kurz vor der Französischen Revolution die Wähler den Abgeordneten der Generalstände ihre Beschwerden darlegten. Damals klagten die Franzosen besonders über die Privilegien einer kleinen Schicht – fast so wie heute.

          Die Vertrauenskrise, glaubt Lassalle nach seiner Wandertour de France, sei mindestens so groß wie vor Ausbruch der Französischen Revolution. Aus seinen Gesprächen mit gewöhnlichen Franzosen hat er die Erkenntnis mitgebracht, dass das Vertrauensverhältnis zu den politischen Eliten „endgültig zerstört“ sei. „Die Leute sind verzweifelt, aber nicht resigniert“, sagte Lassalle. Sie hätten ihn angefleht, in der Hauptstadt die Botschaft zu übermitteln, auf die Bürger zu hören. Der 58 Jahre alte Mann zeigt sich erschüttert über das Ausmaß des Misstrauens, das seine Landsleute, allesamt Zufallsbegegnungen, den politisch Verantwortlichen entgegenbringen. Sie seien nicht mehr bereit, Wahlversprechen Glauben zu schenken, weil sie das Gefühlt hätten, gezielt und wiederholt getäuscht worden zu sein. Enttäuschung nähre auch das Unbehagen, das eine Mehrheit der Franzosen gegenüber dem europäischen Einigungsprozess bekundete.

          Auch er will ein Buch schreiben

          Dem Abgeordneten, ein überzeugter Europäer, ist die Bestürzung anzumerken über die Europafeindlichkeit, die ihm in seinen Gesprächen mitgeteilt wurde. „Sie sagten: Wir haben an den Aufbau eines brüderlichen Gebildes geglaubt, und ihr habt uns in einen Dschungel geführt, in dem alles erlaubt ist“, so Lassalle. Noch immer wirke das Gefühl eines Betrugs der politischen Klasse an den Wählern nach, die sich über das Nein der Mehrheit zum europäischen Verfassungsvertrag hinweggesetzt und den Lissabon-Vertrag beschlossen habe. Als Vertrauensbruch sei auch François Hollandes Europapolitik bislang empfunden worden. Die Leute hätten ihm das Mandat gegeben, Europa sozialer und brüderlicher zu organisieren, der Präsident aber habe den Fiskalpakt ratifiziert. „Entweder wusste er nicht, dass er seine Versprechen nicht halten kann, und das ist schlimm. Oder aber er wusste, dass er seine Versprechen nicht halten würde, und das wäre noch schlimmer“, fasste Lassalle die Botschaft der Bürger zusammen.

          Es ist nicht das erste Mal, dass der Abgeordnete mit der Baskenmütze und der Boxernase das Interesse an sich mit ungewöhnlichen Mitteln weckt. Vor acht Jahren war er in einen Hungerstreik getreten, um die Schließung einer Metallfabrik in seinem Heimattal, im Vallée d’Aspe, abzuwenden. Er verlor 20 Kilogramm, aber siegte über die Geschäftsführung: Die Fabrik blieb erhalten. Die Erfahrung hat Lassalles Überzeugung gestärkt, dass die Mechanismen der politischen Mitsprache in Frankreich überholungsbedürftig sind. Die Verständigung zwischen Bürgern und Politikern müsse dringend verbessert werden, predigt er seither. Politisch zählt Lassalle dabei zu den exzentrischen Randgestalten, die vom parlamentarischen Entscheidungsprozess ausgeschlossen bleiben. Lassalle blieb dem früheren zentristischen Präsidentschaftskandidaten François Bayrou treu, der sich selbst mit seiner Strategie „Weder links noch rechts“ ins Abseits beförderte.

          Lassalle zog als einziger Abgeordneter der Partei „MoDem“ in die Nationalversammlung ein. Doch den asketisch lebenden Mann verdrießt das nicht. Bekümmert ist er jedoch, dass ausgerechnet im Mutterland der Allgemeinen Menschenrechtserklärung der Rassismus aufblühe. Diesen Eindruck hat er von seinen Gesprächen von Nizza bis Lille, von Straßburg bis Bordeaux mitgenommen. Lassalle spricht von einem „latenten Rassismus“, den er in den kleinsten Dörfern angetroffen habe, ein Rassismus „ohne Komplexe“, der sich gegen alles Fremde richte. Der Front National werde von dieser beunruhigenden Entwicklung profitieren, glaubt Lassalle.

          Die Beschwerdehefte will er in Hefte der Hoffnung umwandeln, hat Lassalle sich vorgenommen. „Stress und Angst müssen einer Aufbruchstimmung weichen“, sagt er. Er plant ein hoffnungsfrohes Buch über seine Wandermonate zu schreiben.

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