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Österreich : Vergewaltigt im Hallenbad

Der Vergewaltiger wurde noch im Schwimmbad verhaftet Bild: Marcus Kaufhold

Im Dezember ist in einem Wiener Hallenbad ein Zehnjähriger von einem irakischen Flüchtling vergewaltigt worden. Berichtet wurde darüber, doch heiß diskutiert wird der Fall erst jetzt. Die Karriere einer schrecklichen Nachricht.

          „Wie erst jetzt bekannt wurde“, so begann dieser Tage in vielen österreichischen Medien eine Meldung über ein schreckliches Ereignis im vergangenen Dezember. Ein zehn Jahre alter Junge war damals in einem öffentlichen Hallenbad im Wiener Stadtteil Meidling vergewaltigt worden. Der Junge trug schwere Verletzungen davon und musste im Krankenhaus behandelt werden. Der mutmaßliche Täter war nur wenige Monate zuvor nach Österreich eingereist. Er stammt aus dem Irak und hat Asyl beantragt. Er wurde noch am Tatort festgenommen. Offenbar ist er nach der Tat – er soll den Knaben aus der Dusche in eine Kabine gezerrt haben – nicht geflohen, sondern hat Sprünge vom Dreimeterbrett gemacht.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Besonders empörend sind Aussagen, die der mutmaßliche Täter gemacht haben soll, der inzwischen geständig ist. Das Polizeiprotokoll der Vernehmung hält fest, der Mann habe eine Art von sexuellem Notstand geltend gemacht, da er seit vier Monaten keinen Geschlechtsverkehr gehabt habe. Zuletzt habe er im Irak mit einer Frau geschlafen, aber nicht mit seiner Ehefrau, da die seit der Geburt der gemeinsamen Tochter „immer krank“ gewesen sei. Frau und Tochter sind demnach im Irak geblieben.

          Der Fall wird nun in Zeitungen und vor allem in Internetforen heiß diskutiert. Ist das ein weiteres Beispiel für ein Schweigekartell von Regierung, Polizei und Medien, was Untaten von Flüchtlingen betrifft? So wird es vor allem in jenen Foren dargestellt, die den herkömmlichen Medien eine Abhängigkeit von der Politik und der Politik eine interessengeleitete Verlogenheit unterstellen wollen. Allerdings ist das Verbrechen im Maidlinger Theresienbad, das sich am 2. Dezember zutrug, keineswegs „erst jetzt“ bekanntgeworden.

          Die Polizei vertuschte nichts

          Es stand schon zwei Tage danach eine Notiz in der Zeitung „Kurier“ – klein, weit hinten, aber durchaus mit Erwähnung der Tatsache, dass der Tatverdächtige ein „20jähriger Staatsbürger aus dem Irak“ sei und mit einer Bestätigung durch die Polizei. Weitere Informationen gebe es „wegen des Opferschutzes“ nicht. Eine Woche später erschien auch etwas in der „Kronen-Zeitung“, dem größten Boulevardblatt Österreichs. Darin hieß es, die Polizei reagiere mit der Bestätigung des Vorfalls auf „zahlreiche Facebook-Berichte“.

          Die „Krone“ spannte den Bericht mit einem anderen zusammen, in dem es um den Beischlaf eines 26 Jahre alten Mannes mit einem 13 Jahre alten Mädchen in einer Asylbewerberunterkunft geht – beide Flüchtlinge aus Syrien. Das Mädchen sei mit dem Mann nach islamischem Recht verheiratet, heißt es in dem Bericht, deshalb fühle er sich zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt. Die Staatsanwaltschaft spreche von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Die Zeitung stellte einen Vorspann vor die beiden Meldungen, in dem die „schwierige Situation“ von Polizei und Medien so dargestellt wird: „Einerseits sollen Ängste in der Bevölkerung nicht durch berichtete – seltene – Straftaten von Asylbewerbern verstärkt werden, andrerseits ist jede Zensur abzulehnen“.

          Ein Polizeisprecher wird mit den Worten zitiert, man sei „sehr feinfühlig im Umgang mit den Flüchtlingen“, da sie „viel mitgemacht“ hätten. Doch bei der Strafverfolgung gebe es keine Toleranz. Eine „Vertuschung“ durch die Polizei fand jedenfalls offensichtlich nicht statt, sie hat den Fall von Anfang an bestätigt. Allerdings hat sie auf eine „proaktive Mitteilung“ verzichtet. Das werde, wie ein Sprecher sagt, generell in solchen Fällen nicht gemacht, in denen der mutmaßliche Täter bereits gefasst sei und daher von ihm keine Gefährdung ausgehe.

          Silvesternacht von Köln als Wendepunkt

          Die beiden zitierten Berichte standen allein. Das ORF-Fernsehen brachte nichts über den Fall, auch nicht die Nachrichtenagentur APA. Das änderte sich erst Anfang Februar. Dann berichtete die APA den Bericht mit der Zeile „wie erst jetzt bekanntwurde“. Anlass war offenbar die fortdauernde Debatte im Internet. Der Agenturbericht wurde reihum nachgedruckt und brachte es auch in die ORF-Nachrichten. Auf dem Boulevard sind inzwischen fast alle Hemmungen gefallen. Das Gratisblatt „Heute“ bringt bebilderte Interviews mit der Mutter des Opfers („er schreit und weint jede Nacht“) und sammelt Spenden für Ferien für „Goran und seine Mama“ (Namen geändert).

          Die Geschichte zeigt, wie sich die Wahrnehmung von Flüchtlingen in den österreichischen Medien inzwischen verändert hat. Der Wendepunkt war die Silvesternacht von Köln, die auch in Österreich starken Widerhall gefunden hat. Auch aus österreichischen Schwimmbädern wird inzwischen mannigfaltig über Übergriffe durch (mutmaßliche) Flüchtlinge berichtet, bis hin dazu, dass Männer am Planschbecken, Kinder begaffend, masturbierten.

          Es handelt sich um eine Wechselwirkung. Leute fühlen sich veranlasst, mit solchen Berichten in die Medien zu gehen. Zeitungen bringen die Geschichten groß heraus. Es scheint, dass vormals übertriebene Zurückhaltung in eine übertriebene Befeuerung des Themas umgeschlagen ist.

          Quelle: F.A.Z.

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