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Veröffentlicht: 18.12.2015, 15:33 Uhr

Eskalation in der Türkei Aufstand der verlorenen kurdischen Jugend

Im Südosten der Türkei eskaliert der Konflikt zwischen den Sicherheitskräften und der PKK-nahen radikalen Jugend. Mehr als 200 türkische Sicherheitskräfte sind bereits getötet worden, auf der anderen Seite ist die Zahl der Opfer noch weit höher.

von , Istanbul
© AFP In Diyarbakir liefern sich kurdische Jugendliche und die Polizei heftige Auseinandersetzungen.

Ausgangssperren, Tränengas, jeden Tag weitere Tote. Der Konflikt zwischen dem türkischen Staat und kurdischen Aufständischen im Südosten der Türkei steht den blutigen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr nach. Damals hatte der Konflikt seinen vorläufigen Höhepunkt. Seit Ende Juli sind nun bereits mehr als 200 türkische Sicherheitskräfte bei Zusammenstößen und Gefechten getötet worden. Auf der anderen Seite ist die Zahl der Opfer noch weit höher. Allein in den vergangenen drei Tagen wurden nach Berichten staatlicher Medien vom Freitag 54 Kämpfer der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK getötet.

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Im Einsatz sind mehr als 10.000 Sicherheitskräfte – der Armee, Gendarmerie, Polizei und von Sondereinheiten. Brennpunkte sind in dieser Woche abermals die Städte Cizre und Silopi an der Grenze zum Irak sowie der Stadtteil Sur in der Kurdenmetropole Diyarbakir. In diesen Städten finden seit Monaten die heftigsten Kämpfe statt. Die Armee riegelt von Zeit zu Zeit auch andere Städte ab, etwa Nusaybin, Silvan oder Sirnak, beschießt sie mit schwerer Artillerie und fährt mit Panzern dort ein. Belagern die Sicherheitskräfte eine Stadt, werden Strom und Wasser abgeschaltet, so dass auch Fernsehen, Internet und Telefon nicht mehr genutzt werden können. Auch die Belieferung mit Lebensmitteln wird dann unterbrochen.

In Diyarbakir prallen nicht nur der Staat und überwiegend kurdische Jugendliche aufeinander; es zieht sich auch ein tiefer Graben durch die kurdische Bevölkerung. Denn im Stadtteil Sur, über den seit Juli mit Unterbrechungen Ausgangssperren verhängt sind, hausen die Ärmsten – überwiegend die Familien, die in die Städte gespült worden sind, als ihre Dörfer in früheren Jahrzehnten niedergebrannt wurden. An Sur grenzt unmittelbar das Bazarviertel der reichen kurdischen Händler und Juweliere. Ihre Geschäfte sind seit Juli meist geschlossen. Die Händler fordern die Jugendlichen daher auf, von der Gewalt abzulassen, in der Hoffnung, dass dann wieder Normalität einkehren kann.

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Zwei neue Akteure erhöhen gegenüber den neunziger Jahren das Gewaltpotential des Konflikts – die Untergrundbewegung der „Patriotischen revolutionären Jugend“ (YDG-H) und die staatlichen Sondereinheiten „Esedullah Timleri“. Beide haben maßgeblichen Anteil an der Eskalation des Konflikts. So setzen die Sicherheitskräfte, wenn sie in die Städte vordringen, als Vorhut die als besonders brutal geltenden „Esedullah Timleri“ ein, über denen ein Schatten des Geheimnisvollen liegt. Sie dringen in die Häuser ein, zerstören, töten.

In den neunziger Jahren hatte es eine ähnliche Einheit mit Namen „Jitem“ gegeben, deren Existenz der türkische Staat lange geleugnet hatte und die dem „tiefen Staat“ zugerechnet worden war. Sie hatte ebenfalls die schmutzigen Geschäfte erledigt, mit denen die Sicherheitskräfte nicht in Verbindung gebracht werden durften. Wie um „Jitem“ ranken sich auch um die „Esedullah Timleri“ viele Gerüchte. Sie besagen, dass die Einheiten Waisenkinder und verurteilte Kriminelle rekrutierten, auch Personen, die mit dem „Islamischen Staat“ in Verbindung gebracht würden.

Auf der anderen Seite der Barrikaden in den belagerten Städten stehen die gewaltbereiten Jugendlichen der YDG-H. Die in Diyarbakir gegründete und legale Organisation besteht seit Jahren mit gewählten Organen, in der Öffentlichkeit war sie mit Veranstaltungen präsent. In diesem Sommer spaltete sie sich. Der legale Flügel nennt sich heute „Demokratische Jugend“ (DemGenc), die YDG-H aber tauchte in den Untergrund ab und nahm den bewaffneten Kampf gegen die staatlichen Sicherheitskräfte auf, insbesondere gegen die „Esedullah Timleri“. Sie errichten Straßenkontrollen, bauen Barrikaden und ziehen Gräben, um Stadtviertel zu schützen und Razzien zu verhindern.

Bei den Mitgliedern handle es sich überwiegend um Jugendliche ohne Perspektive, sagt der kurdische Intellektuelle Celalettin Can, der im Frühjahr einer der 63 Mitglieder der „Kommission der Weisen“ gewesen war, auf die sich der türkische Staat und die Kurden verständigt hatten, um den damals noch betriebenen Friedensprozess zu flankieren. Oft waren die Eltern dieser Jugendlichen vor zwei Jahrzehnten aus ihren kurdischen Dörfern vertrieben worden, als die Armee sie niederbrannte, oder ihre Väter waren bei Kämpfen getötet worden. Die Dörfer sind seither entleert. Eine Stadt wie Cizre wuchs seither von 40.000 auf 250.000 Einwohner. Auch in anderen Städten landeten die Vertriebenen, wo ihre Kinder unter erbärmlichen Bedingungen aufwuchsen. Sie bilden ein neues Prekariat – schlecht ausgebildet und ohne Chance auf Arbeit. Diese neue Generation ist radikaler als frühere Generationen es waren. Davor hatte der kurdische Politiker Serafettin Elci gewarnt, der 2012 im Alter von 74 Jahren verstarb. Er sagte kurz vor seinem Tod, seine Generation sei die letzte der Kurden, mit denen man habe sprechen können.

© reuters Hintergrund: Zusammenstöße zwischen PKK und türkischen Sicherheitskräften

Die vermummten „Esedullah Timleri“ und die maskierten Jugendlichen der YDG-H setzten nach dem Terroranschlag des „Islamischen Staats“ (IS), bei dem am 20. Juli in der kurdischen Stadt Suruc 32 Menschen getötet wurden, eine Spirale der Gewalt in Gang, die sich immer schneller drehte. Einen neuen Schub bekam der Konflikt seit der Parlamentswahl vom 1. November. Nach dem Sieg der AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan trat nicht die erwartete Entspannung ein. Erdogan erklärte diese Woche, der Kampf werde andauern, bis die Region von Terroristen gesäubert sei. Die Gewalt nütze Erdogan, sagt der kurdische Intellektuelle Celalettin Can. Denn sie führe zu den von Erdogan gewünschten Ergebnissen bei Wahlen. Als nächstes wolle Erdogan über eine neue Verfassung mit erweiterten Vollmachten für sich selbst abstimmen lassen.

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte, die Türkei werde verhindern, dass die PKK „das Feuer“ von Syrien und dem Irak in die Türkei hinein ausbreite. Der Kurde Can ist jedoch – wie viele Kenner des Kurdenkonflikts in den regierungskritischen Medien – davon überzeugt, dass sich die PKK (noch) nicht an dem aktuellen Konflikt beteiligt. Sie unterstütze wohl die Jugendlichen verbal, ihre Kämpfer seien aber weiter in den nordirakischen Kandilbergen. Jedoch waren mehrere Anschläge auf türkische Sicherheitskräfte in den vergangenen Monaten auf das Konto der PKK gegangen.

Die YDG-H sei eine autonome Gruppe unter dem Dach der PKK, die von dieser aber nicht gelenkt werde, sagt Can. Ideologisch gehöre sie zur PKK. So folgt sie deren Idee der Selbstverwaltung (Özyönetim) und fordert wie die PKK eine kurdische Autonomie innerhalb der bestehenden Grenzen. Zunächst hatte es der zentralistische türkische Staat nicht ernst genommen, als Bürgermeister und Stadträte in immer mehr Gemeinden öffentlich verlesen ließen, dass sie nun Selbstverwaltung praktizierten. Heute könne von Selbstverwaltung keine Rede mehr sein, es gehe um das nackte Überleben, sagen Kurden aus der Region.

Die HDP des kurdischen Oppositionsführers Selahattin Demirtas, die mit 59 Abgeordneten im Parlament vertreten ist, sorgt dafür, dass Informationen aus dem abgeriegelten Konfliktgebiet nach außen dringen. Die beiden Abgeordneten Ferhat Encü und Aycan Irmez sagten nach einem Besuch in Silopi, die Ausgangssperren und der Beschuss der Städte zwängen die Bewohner zur Flucht. Figen Yüksekdag, Ko-Vorsitzende der HDP, schätzt die Zahl derer, die als Folge der anhaltenden Gewalt zu Flüchtlingen gemacht worden seien, auf 200.000. Nichts ist indessen in Sicht, was diesen Konflikt wieder eindämmen könnte.

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