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Einwanderung aus Rumänien : Willkommen im Roma-Dorf

Wo liegt die Zukunft? In Berlin, sagen viele im rumänischen Dort Fantanele. Ein Drittel der Einwohner ist schon umgezogen Bild: Peter Carstens

Eine Delegation aus Neukölln reist nach Bukarest, um zu erfahren, wie viele Roma noch kommen werden. Nördlich der rumänischen Hauptstadt trifft sie einen stolzen Dorfbürgermeister mit großen Plänen. Doch die Antwort lautet: Es werden noch viele kommen.

          Bürgermeister Gheorghe hat einen Plan. Besser gesagt, mehrere, Plan A, B und C. Einer muss zünden. Denn seiner Gemeinde geht es schlecht. Aber gleich kommen die Deutschen! Vierzig Kilometer nördlich von Bukarest an der Landstrasse 1A liegt ein Häuflein Häuser. Drei Dörfer - Cojasca, Iazu und Fantanele bilden die Gemeinde. Alles in allem leben hier siebentausend Einwohner. Vielleicht sind es auch nur noch sechstausend. Die Statistik ist ungenau, wie alle rumänischen Statistiken. Achtzig Prozent sind Roma. Oder neunzig. Fast jede Woche zieht eine Familie von Fantanele weg. Die meisten gehen nach Berlin, wo schon viele Roma wohnen. Ein Drittel des Dorfes Fantanele hat in Neukölln eine neue Bleibe gefunden. An der Hans-Fallada-Schule besuchen fast einhundert ehemalige Fantanele-Kinder den Unterricht.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Daheim, in ihrem kleinen Roma-Dorf, hat man deshalb den Unterricht vom Dreischicht-Betrieb auf zwei Schichten beschränken können: Eine Gruppe kommt morgens in das kleine Schulgebäude, die andere nachmittags. Ihre Klassenzimmer sind hell, an den Wänden hängen Europa-Plakate, es gibt ein Computer-Kabinett. An der Schule liegt es nicht, wenn die Leute wegziehen. Es ist die Arbeitslosigkeit, die hier die Peitsche schwingt, die Perspektivlosigkeit. Jetzt aber kommen die deutschen Kommunalpolitiker zu Besuch, und Bürgermeister Victor Gheorghe will diese Gelegenheit nicht verpassen.

          Wer hat das Sagen?

          Cojasca war im Ceausescu-Sozialismus eine Bauerngemeinde, fast alle haben als Tagelöhner in der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft gearbeitet oder als Musiker. Dann kam die Wende, die Privatisierung. Die Zigeuner flogen raus, weil Alteigentümer ihre kleinen Parzellen wieder in Besitz nahmen. Die haben heute auch nicht viel. An der schnurgeraden Straße nach Bukarest sieht man ein paar Gemüsestände und die Ruine der Produktionsgenossenschaft. Das Gemüse im riesigen Metro-Großmarkt kurz vor der Hauptstadt kommt nicht von hier, sondern wird überwiegend importiert. Aus Holland oder Spanien.

          Bürgermeister Gheorghe (mit Schärpe) hat Pläne, sein Stellvertreter (rechts neben ihm) hat einen großen BMW. Bezirksstadträtin Giffey (stehend) muss viele Roma in Neukölln integrieren
          Bürgermeister Gheorghe (mit Schärpe) hat Pläne, sein Stellvertreter (rechts neben ihm) hat einen großen BMW. Bezirksstadträtin Giffey (stehend) muss viele Roma in Neukölln integrieren : Bild: Peter Carstens

          Vielleicht können die Deutschen ja was tun für Fantanele. Mal sehen. Morgens sind alle vor dem kleinen Rathaus versammelt. Die Gemeinde-Mitarbeiterinnen wirken proper, die Lehrer tragen Anzug und Krawatte. Die Bürgermeisteraugen blitzen erwartungsvoll, seine Amtsschärpe leuchtet in blau-gelb-rot, den rumänischen Landesfarben. Neben Gheorghe steht, schwer und machtbewusst, sein Stellvertreter, Constantin Pandele. Seine Lackschuhe glitzern in der Morgensonne, vor den Augen trägt er eine dunkle Ray-Ban-Brille. Seinen schwarzen X5-BMW hat Pandele vor dem Rathaus geparkt. Soll doch jeder sehen, wer hier das Sagen hat, der Bürgermeister oder er, Pandele, der eigentliche Patron von Fantanele.

          Der Trick mit dem Kindergeld

          Dann kommen die Besucher. Eine kleine Delegation des Berlin-Neuköllner Bezirksamtes hat sich nach Bukarest aufgemacht. Franziska Giffey, die Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport in Neukölln, will herausfinden, was Roma aus Bulgarien und Rumänien in Scharen in den Schmelztopf Neukölln treibt, wo 300.000 Kiez-Bewohner aus 160 Ländern ohnehin alle Mühe haben, ihren Alltag zu meistern. Neben den verbliebenen „Bio-Deutschen“ geben zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße vor allem Türken und junge Araber den Ton an. Die Neuankömmlinge vom Balkan stehen auf der sozialen Leiter ganz unten: Sie zahlen Wuchermieten in Bruchbuden, oft wird pro Schlafplatz abgerechnet, 200 Euro im Monat. Die Roma erledigen Schmutzjobs, sie betteln, putzen am Großen Stern ungebeten Autofensterscheiben oder ziehen musizierend durch die S-Bahnen. Im türkischen Bordell, so erzählt man, würden Zigeuner-Mädchen angeboten.

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