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Ehemaliges Internierungslager : In der Hölle von Rivesaltes

Ein Raum für Erinnerungen: In der neuen Gedenkstätte von Rivesaltes Bild: FREDERIC HEDELIN/ ONLYFRANCE.FR

In den Baracken nahe der Pyrenäen wurden all jene zwangsinterniert, die zwischen die Mühlsteine der Kriege des 20. Jahrhunderts gerieten. An diesem Freitag eröffnet Frankreichs Premierminister die Gedenkstätte.

          Ein kalter Nordwind peitscht über die karge Ebene. Der Taxifahrer hat sich verfahren, er flucht, „diesen Ort“ möge er nicht. Plötzlich sind die ersten verfallenen Baracken des Lagers von Rivesaltes zu erkennen, Mauerreste, so weit der Blick reicht. Fast sechs Jahrzehnte lang erstreckte sich hier über 600 Hektar Ödnis ein Internierungslager für Flüchtlinge und andere „unerwünschte“ Ausländer, wie die Lagerinsassen im französischen Beamtenjargon hießen. Wie kein anderer zeugt der Ort von der schwierigen europäischen Geschichte im Umgang mit Vertreibung und Flucht. In den Baracken von Rivesaltes wurden jene zwangsinterniert, die zwischen die Mühlsteine der Kriege des 20. Jahrhunderts gerieten: spanische Republikaner, die vor General Franco flohen, Sinti und Roma, Juden, die vor dem Hitler-Regime Schutz suchten, später deutsche und österreichische Kriegsgefangene und zuletzt algerische Hilfssoldaten („harkis“), die für ihre Treue zu Frankreich mit Vertreibung gestraft wurden. Der letzte Trakt des Lagers, in dem illegale Einwanderer auf ihre Abschiebung warteten, wurde 2007 geschlossen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das erzählt Agnès Sajaloli, die Direktorin der neuen Gedenkstätte in Rivesaltes, die an diesem Freitag von Premierminister Manuel Valls eingeweiht wird. Das längliche, flache Gebäude der Gedenkstätte des Architekten Rudy Ricciotti duckt sich in die rötliche Erde. „Es ist wie eine Rampe gebaut worden, die unter der Erde beginnt und sich langsam erhebt“, sagt Sajaloli. „Der Bau ist niemals höher als die Barackendächer. Er überstrahlt nicht die Ruinen und erdrückt nicht die Erinnerung“, sagt die Direktorin.

          Die Flucht vor Franco führte ins Lager in Frankreich

          Dennoch fällt das Erinnern in Rivesaltes schwer. Bürgermeister André Bascou möchte lieber, dass die Ortschaft allein für ihren süßlichen Muskatwein berühmt bleibt. Aber auch die Regierung in Paris war zunächst zögerlich. Die Flüchtlingsschicksale, die jetzt im großen Ausstellungssaal dokumentiert werden, markieren wunde Punkte in der französischen Geschichtsbewältigung. Sie kratzen am Selbstverständnis eines Landes, das sich als Wiege der Menschenrechte sieht. Tatsächlich nimmt das Asylrecht seinen Ursprung in der Französischen Revolution.

          Als annähernd eine halbe Million Spanier vor General Franco über die Pyrenäen flohen, öffnete die Regierung in Paris den Flüchtlingen jedoch nicht die Arme. Sie ließ sie in Lager einpferchen. Das größte entstand in Rivesaltes, auf dem Gelände eines 1938 errichteten Militärlagers. „Camp Joffre“ hieß es ursprünglich, nach dem General und Helden des Ersten Weltkrieges benannt, der in Rivesaltes geboren wurde. „Wir hatten immerzu Hunger. Wir kämpften gegen Stechfliegen und Kakerlaken. Das Schlimmste war der eisige Wind, la tramontane. Wir hatten Angst zu fliegen“, erinnert sich Antonio de la Fuente, Sohn republikanischer Spanier. Er war neun Jahre alt, als er in Rivesaltes interniert wurde. Seine und andere Erinnerungen können jetzt alle Besucher sehen und hören, als kurze, individuelle Filmbeiträge in der Gedenkstätte.

          Rivesaltes bedeutete für manche Juden die Rettung

          In der „Hölle von Rivesaltes“ gab es aber auch Momente großer Humanität. Die Krankenschwester Friedel Reiter, die für eine Schweizer Kinderhilfsorganisation im Lager lebte, half dabei, jüdische Kinder vor dem sicheren Tod zu retten. „Rivesaltes war zum wichtigsten Sammelpunkt für die Deportation in der Südzone geworden“, sagt Denis Peschanski, der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte. Neun Züge gingen zwischen August und Oktober 1942 von Rivesaltes aus in die Vernichtungslager der Nazis. Für 2289 Juden wurde Rivesaltes die letzte Etappe vor dem Tod. Sie hatten vergeblich gehofft, dass sie im „freien“ Frankreich in Sicherheit seien. Der Anteil der Kinder, die gerettet werden konnten, sei jedoch höher als anderswo gewesen, sagt Historiker Peschanski und zeigt auf ein Foto der Krankenschwester.

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