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Separatisten in der Ostukraine : Kämpfer für die Idee

Hinter Kratzputz: Die Vertretung der „Volksrepublik Donezk“ in Moskau Bild: Friedrich Schmidt

Die „Volksrepublik Donezk“ ist nicht einmal von Russland als Staat anerkannt. Dennoch haben die Donezker Separatisten eine Vertretung in Moskau. Von hier aus gelangen Hilfsgüter in die besetzte Region in der Ukraine.

          Selbst in Russland ist die „Volksrepublik Donezk“ nicht als Staat anerkannt. Aber eine „Botschaft“ gibt es schon. Jedenfalls laut einer Website mit dem programmatischen Namen „antimaydan.info“. Fährt man zu der dort angegebenen Adresse im Süden Moskaus, gelangt man zu einem Geschäftszentrum namens „W Plaza“. Vier Etagen, außen verspiegelte Scheiben und Stahl, innen Marmorfußboden und Grünpflanzen. In diesem Globalisierungspalast sollen also die sonst eher volkstümelnden „Volksrepublik“-Vertreter residieren? Die Empfangsdame sagt, die „Botschaft“ sei hier nie gewesen. Sie ist aber auf Besuch vorbereitet, überreicht einen kleinen Papierzettel. Dort stehen die Adresse der „Regierung der Volksrepublik Donezk in Moskau“, zwei Nummern und zwei Vornamen. Beide Männer haben ihre Mobiltelefone abgeschaltet. Also auf in die Molodogwardejskaja, die Straße der Jungen Garde tief im Westen Moskaus.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ein eierschalfarbener Sowjetbau aus einer Zeit, in der Kratzputz noch nicht von Betonplatten verdrängt war. Über der Tür hängt ein Schild, das die Räumlichkeiten dem „Zentralen Kosakenheer“ zuordnet. Links daneben eine russische Fahne, rechts eine der „Volksrepublik“ und ein Schild: „Hilfe für das Volk des Donbass“. Drinnen stapeln sich Kartons mit Jacken, Hosen und Hemden im Halbdunkel. Am Ende eines Flures geht es in ein Büro, in dessen Mitte eine ausgeklappte Gartenliege steht. Vier kräftige Männer sitzen an einem Tisch auf Plastikstühlen, drei in Flecktarn, von denen zwei gleich aufstehen und den Raum verlassen. Ein Hüne mit kurzgeschorenem Haar und einer Narbe über dem rechten Auge, dessen Polohemd in den Farben der russischen Trikolore zwischen den breiten Schultern spannt, stellt sich als Sascha vor.

          Hilfsgüter selbst über die Grenze transportiert

          Er sagt, er sei Russe, Soldat und habe früher in Transnistrien gekämpft, dem von Moldau abtrünnigen Gebiet an der Südgrenze der Ukraine. Er sagt auch, hier sammelten freiwillige Helfer Nahrung, Kleidung, Medikamente, was die Menschen im Donbass eben brauchten, und transportierten die Hilfsgüter dann selbst über die Grenze. Mit dem Auto, Bus oder Lastwagen, „wie es eben geht“. Er selbst, sagt Sascha, sei erst vor zwei Wochen nach Moskau zurückgekommen, habe vorher als Freiwilliger einen Monat in Lisitschansk gekämpft, einer Stadt nordwestlich von Luhansk. Mit welchen Waffen, will er nicht sagen, auch nicht, ob er ukrainische Soldaten getötet hat: „Was soll man machen, wenn sie auf dich schießen?“ Und: „Was soll man machen, wenn sie friedliche Leute töten?“ Der am Tisch verbliebene Mann in grünem Flecktarn, untersetzt und mit kurzem schwarzen Haar, stellt sich als Alexej vor, als Kosake, Bauarbeiter und Tschetschenien-Veteran. Vor einer Woche sei er nach Moskau zurückgekommen, habe vorher einen Monat nahe Luhansk gekämpft, um, wie er sagt, „unseren russischen, orthodoxen Kämpfern zu helfen“ und um „diese Erde nicht den Faschisten zu überlassen“.

          Die ganze Welt schaue jetzt, nach dem Abschuss der Boeing, auf den Donbass und sage, Russland sei schuld. Dabei habe Russland doch „Beweise“ dafür vorgelegt, dass es die Ukrainer gewesen seien, als „Provokation“. Die Ukrainer töteten Russen und beschössen russisches Staatsgebiet, sagt Alexej und gibt damit wider, was auch die russischen Staatsmedien erzählen. „Aber Russland macht nichts“, leiste „nur humanitäre Hilfe“, auch die Kämpfer aus Russland, sagt Alexej, zögen alle als Freiwillige in den Krieg. Er erklärt das, was aus seiner Sicht russische Zurückhaltung ist, mit drohenden Sanktionen, und damit, dass der Westen nur darauf warte, einzugreifen, anzugreifen. Alexej sagt aber auch: „Wenn ich Präsident wäre, würde ich die Truppen einmarschieren lassen.“ Der Mann, der tatsächlich Präsident ist, Wladimir Putin, hat einstweilen anders entschieden. Das ist jedenfalls am Dienstag nach Putins Rede vor einer Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrats die Meinung der meisten Kommentatoren. Da war einerseits Putins Satz: „Eine direkte militärische Bedrohung der Souveränität und der territorialen Integrität besteht, natürlich, heute nicht.“

          Denn zuvor war die Öffentlichkeit für das Gegenteil sensibilisiert worden, unter anderem mit Berichten über ukrainische Angriffspläne gegen die Krim und einen ukrainischen Beschuss russischen Staatsgebiets. Dass „Russen“ in der Ukraine zu Schaden kommen, was am 1. März als Begründung für die Ermächtigung, Truppen ins Nachbarland zu schicken herhielt, erwähnte Putin am Montag nicht einmal mehr. Und da war andererseits ein Interview, das die Staatsnachrichtenagentur Itar-Tass am Montag kurz vor der Erklärung Putins veröffentlichte. Darin bezeichnet sich der langjährige Finanzminister Alexej Kudrin als Anhänger der „Position, dass sich Russland auf keinerlei Weise mit militärischen Kräften in die Situation im Osten der Ukraine einmischen kann“. Er verwies auf den hohen Preis einer Konfrontationspolitik für die Bürger, auf die Gefahren von Sanktionen für die Wirtschaft. Kudrin sprach sogar von „Kräften“, die Russland schon lange vom Westen „distanzieren“, gar die „Isolation“ wollten. Er, Kudrin, sei „einfach erstaunt über das Ausmaß der antiwestlichen Rhetorik“, und auch das „Business“ in Russland sei „sehr besorgt über das, was es im Radio und im Fernsehen hört“.

          Über Kudrin, der mittlerweile ein „Komitee für Bürgerinitiativen“ leitet, hieß es vor dem Abschuss der Boeing, er treffe Putin regelmäßig, es hieß sogar mitunter, der Präsident halte ihn sich für den Fall in der Hinterhand, dass schnell Vertrauen von ausländischen Investoren zurückgewonnen werden müsse. Einen solchen Notfall könnte Putin nun gekommen sehen; jedenfalls dürfte eine Absicht dahinter stehen, dass das Interview des führenden Vertreters des sogenannten Wirtschaftsflügels, der zuletzt nach allgemeinem Verständnis im Kreml an den Rand gedrängt war, parallel zum Auftritt Putins erschien. Die Zeitung „Wedomosti“ schrieb, die Aussagen Putins und Kudrins ergänzten einander zu der Aussage, das eigene Territorium werde man gegen jeden äußeren Einfluss verteidigen, aber „sich mit der Welt zanken ist zu teuer“.

          „Neurussland“ sei noch möglich

          Unmut äußerten denn auch die Verfechter der neurussischen Sache, allen voran Alexander Dugin, der radikale Vordenker des sogenannten „russischen Frühlings“, der seit langem ein direktes militärisches Eingreifen Russlands in der Ukraine fordert. Auf Facebook schrieb Dugin unter Bezug auf Worte, die Putin im in diesem Frühjahr gern gebrauchte: „Russische Welt? Kenne ich nicht, nie gehört. Neurussland? Doch längst Geschichte, ein alter Hut. Russische Zivilisation? Verfrüht, noch nicht bereit.“ Dugin machte eine „sechste Kolonne“ für die Zurückhaltung Putins verantwortlich: Verräter also nicht aus den Reihen der Opposition, das ist die „fünfte Kolonne“, sondern aus dem innersten Kreise der Elite. Leute wie Kudrin.

          Sascha und Alexej im Sitz der „Regierung der Volksrepublik Donezk in Moskau“ ficht das einstweilen nicht an. Die ukrainische Armee sei besser bewaffnet, sagt Alexej. „Aber wir haben mehr Seele als sie. Wir kämpfen für eine Idee.“ Daher sei „Neurussland“ noch möglich, sagt Alexej, „weil das Volk es will.“ Und Sascha sagt, das Leben werde zeigen, wann er wieder in den Krieg zurückkehre.

          Quelle: F.A.Z.

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