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Donezk in der Ostukraine : Im Reich der Stalinfreunde

Neue Kleider: Donezker Separatisten tragen statt dem bisherigen Banditenstil nun altrussischen Reckenkult zur Schau Bild: AFP

Im Gouverneurspalast von Donezk haben die Separatisten eine Illusion von Staatlichkeit errichtet. Inmitten verwüsteter Büros und toter Topfpflanzen regiert der „Ministerpräsident“.

          Der Gouverneurspalast auf dem Schewtschenko-Prospekt ist ein gewaltiger Betonriegel mit elf Stockwerken im Stil der späten Sowjetmoderne. Über Jahrzehnte war er das Symbol der Staatsgewalt im ostukrainischen Industrierevier Donbass. Heute ist er mit seinen zerschlagenen Scheiben, seinen zur Abwehr von Scharfschützen abgeklebten Fenstern und den kettenrauchenden, schwer bewaffneten und schlecht rasierten Wachen das Sinnbild jener separatistischen „Volksrepublik Donezk“ (DNR), die seit Monaten weite Teile dieser dicht besiedelten Region mit Millionen von Einwohnern in ihrer Gewalt hat.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.

          Wer den Palast durchstreift, lernt viel über die „DNR“. Eingang und Treppenhäuser sind mit Stacheldraht unzugänglich gemacht, manche Türen sind zur Abwehr von Angreifern mit Stahlplatten verschweißt, andere immerhin mit Stricken oder auch nur mit einem schmutzigen Wollschal abgesperrt. Das Foyer ist ein anarchistisch-revolutionäres Genrebild. Kämpfer löffeln Borschtsch aus Plastiktellern, jeder außer den gewaltigen, mit Kittelschürzen angetanen Küchenfrauen, trägt betagte Feuerwaffen – Sturmgewehre, Panzerfäuste, Pistolen. Unter Ikonen und Porträts gefallener Kämpfer brennen Kerzen, die große Eingangshalle ist wie ein Schlachtfeld von Sandsackwänden durchzogen.

          Die wichtigsten Institutionen der „Republik“ haben hier ihren Sitz, das „Parlament“ ebenso wie der „Regierungschef“, die Behörde zum Austausch von Geiseln, die hier „Kriegsgefangene“ genannt werden, das Parlament, das nach altem Vorbild „Oberster Sowjet“ heißt. Obwohl aber alles, was die „DNR“ ausmacht, hier seine Adresse hat, füllt der neue „Staat“ seinen Sitz nicht aus. Die meisten Stockwerke bieten ein Bild wilder Verwüstung. Viele Büros sind durchwühlt, Regale umgeworfen, Bildschirme zerschlagen. Auf den Fluren liegen zerstreute Aktenberge, geknackte Tresore, zerschlagene Wandbilder.

          Spuren der Bändigung

          In manchen Räumen, etwa in der Pressestelle im 7. Stock, zeigt das Chaos Spuren der Bändigung. Auch hier liegen die Flure zwar voll Müll, und auch hier starren seit Wochen nicht mehr gegossene Büropflanzen als vertrocknete Sinnbilder des Scheiterns aus ihren Töpfen, aber es gibt gebahnte Wege zum Schreibtisch der Pressesprecherin. Offenbar dient das Büro zugleich irgendeinem Kämpfer als Nachtlager, denn auf dem Sofa liegt zerknülltes Bettzeug, und über den Lüftungsschlitzen eines Computers trocknen Socken.

          Den höchsten Grad der Ordnung erreicht der elfte Stock. Hier hat „Ministerpräsident“ Aleksandr Borodaj seinen Sitz. Die Krieger auf den Fluren tragen noch ein paar Kilo Muskeln, Gewehre und Pistolen mehr auf dem Leib als ihre Kameraden weiter unten, und statt der bekittelten Küchenfrauen des Foyers stöckeln hier Sekretärinnen im klassischen ukrainischen Ämterstil (extrem kurze Miniröcke, extrem lange Fingernägel) durch die Flure.

          Der „Staat“, der so mühevoll versucht, sein wichtigstes Repräsentativgebäude halbwegs auszufüllen, gibt sich auf den ersten Blick den Anschein, alles zu haben, was ein Staat eben so braucht. Er hat ein „Parlament“, das allerdings niemand je gewählt hat (seine Mitglieder haben sich einfach selbst ernannt), er hat einen „Parlamentspräsidenten“ Denis Puschilin, der in einer früheren Lebensphase einmal mit „MMM“ verbunden war, einer jener „Finanzpyramiden“, die in den Zeiten der Wende den Menschen ihre letzte Kopeke aus der Tasche zogen.

          Kometenhafte Karriere

          Die Exekutive wird von „Ministerpräsident“ Aleksandr Borodaj geführt, einem russischen Staatsbürger, dessen Telefon nach der Melodie der russischen Nationalhymne klingelt. Bevor seine kometenhafte Karriere unter den Separatisten des Donbass begann, hat er auf der Krim als Berater des dortigen prorussischen „Ministerpräsidenten“ Sergej Aksjonow die Annexion dieser ukrainischen Halbinsel durch Moskau mitorganisiert. Auch in anderen Gebieten, in denen Russland in den vergangenen Jahrzehnten versucht hat, seine Macht zu festigen, ist er gesehen worden, in Tschetschenien ebenso wie in Transnistrien.

          Über den „Verfassungsorganen“ der „Volksrepublik Donezk“ stehen theoretisch noch die Strukturen einer „Union der Volksrepubliken“ – eines nebulösen Bundesstaats, den die „DNR“ zusammen mit der benachbarten „Volksrepublik Luhansk“ gebildet hat, und der manchmal auch als „Neurussland“ (Noworossija) bezeichnet wird. Diese Union hat allerdings bis heute wenig Substanz. Sie besitzt weder Regierung noch Behörden, und ihre gemeinsame „Parlamentarische Versammlung“ ist bisher erst einmal zusammengetreten.

          Betrachtet man die Realität der „DNR“ außerhalb des Gouverneurspalastes, wird man genauso viel Leere und Chaos finden wie in seinem Inneren. Die reale Macht dieses „Staates“ beschränkt sich auf ein paar verrammelte Gebäude und auf ein Netz von Straßensperren an allen Zufahrten von Donezk. Ansonsten zeigt sich die „DNR“ vor allem durch Vakuum, und hier vor allem durch das beinahe komplette Fehlen der Polizei – mit Ausnahme der Verkehrspolizei, die seit jeher friedlich von Schmiergeldern lebt, und nicht einsieht, warum sie auf diese verzichten soll, bloß weil Krieg herrscht.

          Behördliche „Trägheit“

          Die übrigen Staatsorgane, Sozialamt, Energieversorgung, arbeiten durch eine Art behördliche „Trägheit“ weiter wie immer und werden auch weiter aus der Kasse der ansonsten entmachteten Regierung in Kiew besoldet. Vertreter des neuen Rebellenstaates, etwa der „stellvertretende Verteidigungsminister“ Fjodor Beresin, auf dessen Schreibtisch bei Gesprächen zwei Kalaschnikows und vier Mobiltelefone liegen, bestreiten gar nicht erst, dass die „DNR“ gegenwärtig keineswegs in der Lage ist, die innere Ordnung zu gewährleisten. Erst „nach dem Sieg“ gegen die Truppen der „Kiewer Junta“ werde man sich um diese Fragen kümmern können.

          Beresin war übrigens lange ein führendes Mitglied eines Donezker Science-Fiction-Klubs und Autor unzähliger Romane, die er als „philosophische Techno-Thriller“ beschreibt. Sie handeln von einer fernen Zukunft, in welcher die grausame Supermacht Amerika mit ihren gewaltigen Mega-Flugzeugträgern von einer Handvoll russischer Kämpfer in die Knie gezwungen wird. Die antiimperialistischen Superhelden hatten in einem Paralleluniversum auf ihren Tag gewartet, und stürzen sich nun unter den Fahnen der Sowjetunion in den Kampf zur Rettung der Welt.

          Auch außerhalb dieser Science-Fiction sind sowjetische und großrussische Nostalgien die vielleicht stärkste Klammer der „DNR“. Das beginnt schon beim Äußeren ihrer Kämpfer. In den vergangenen Wochen haben diese sich vom anfänglichen Donbass-Banditenstil (Adidas-Trainingsanzug und Gummischlappen) entfernt und pflegen jetzt eine Art altrussischen Reckenkult, zu dem im Idealfall gewaltige Muskelberge, Vollbart und Glatze gehören.

          Flüche und Waffenblech

          Sonnenbrille, saftige Flüche und zentnerweise Waffenblech runden das Bild ab, dicke orthodoxe Kreuze an ebenso dicken Halsketten schlagen die Brücke zu höheren Welten. Der Kraftkult wird personalisiert durch die Allgegenwart der Idole Wladimir Putin und Josef Stalin. Putins Porträt hängt im Regierungstrakt des Gouverneurspalastes neben dem des „Ministerpräsidenten“ Borodaj, und wenn im „Obersten Sowjet“ vor einer Plenarsitzung die Sprechanlage getestet wird, bellt der Saaldiener die berühmten Stalin-Worte „Unsere Sache ist gerecht! Der Feind wird vernichtet!“ ins Mikrophon.

          Das russische Element ist dabei keineswegs aufs Symbolische beschränkt. Dass die Kämpfer der „DNR“ zum Teil aus Russland eingesickert sind, wird von niemandem bestritten, und zuletzt sind ihre Gefallenen auch immer wieder in Lastwagen mit der Aufschrift „Ladung 200“ nach Russland geschafft worden, derselben Markierung, die man schon in der Sowjetunion für Leichentransporte benutzte. Neben „Ministerpräsident“ Borodaj ist der „Verteidigungsminister“ Igor Girkin, der prominenteste Russe unter den Aufständischen.

          Der ukrainische Geheimdienst SBU hält ihn für einen pensionierten Oberst der russischen Militäraufklärung (GRU). Fotos im Internet verraten seine Vorliebe für altrussische Militäruniformen, seine Verbundenheit mit der Sowjetunion hat er unter anderem dadurch bewiesen, dass er im umkämpften Slawjansk, unlängst mehrere „Marodeure“ aus den eigenen Reihen aufgrund eines sowjetischen Dekrets aus Kriegszeiten hinrichten ließ. Wie Borodaj hat er sich in der Vergangenheit in Tschetschenien, in Transnistrien und zuletzt auf der Krim gezeigt. In abgehörten Telefongesprächen, die der ukrainische Geheimdienst veröffentlicht hat, hört man eine Stimme, die seiner gleicht, mit einem Mitstreiter darüber beraten, was man mit den Leichen ermordeter Gegner tun solle, die im Keller seines Hauptquartiers lägen und schon „zu riechen“ begännen.

          In den Händen solcher Feldkommandeure scheint die eigentliche Macht in der „DNR“ zu liegen – und da diese Männer ebenso ehrgeizig wie unduldsam sind, sind Konflikte und Revierkämpfe an der Tagesordnung. Erst am Dienstag haben die Feldhauptleute von Donezk eine aus dem benachbarten Horliwka eingedrungene Einheit mit roher Gewalt vertrieben, nachdem diese ohne Absprache im Territorium der „Donezker“ ein Polizeigebäude besetzt hatte. Der Kommandeur der Eindringlinge, ein Mann namens Igor Besler mit dem Kampfnamen „Bes“ (Dämon) hat sich durch Videoaufnahmen von Hinrichtungen gefangener Feinde einen Namen gemacht, von denen manche aber glauben, er habe sie nur vorgetäuscht, um seinen Ruf zu festigen.

          Die „Bataillone“ dieser Männer tragen Namen wie „Osten“, „Russische Orthodoxe Armee“, „Landwehr Donbass“ oder „Bollwerk“, und einer ihrer renommiertesten Kommandeure, der frühere Ukrainische Geheimdienstoffizier Oleksandr Chodakowskij hat unlängst gesagt, unter ihnen gebe es im Wesentlichen drei Machtgruppen: Den Flügel um Gurkin in Slawjansk, den um „Bes“ in Horliwka und sein eigenes Bataillon „Wostok“ (Osten). Der Umgang miteinander ist zeitweise sehr ruppig, und regelmäßig wirft man sich gegenseitig vor, „im Solde“ irgendwelcher Oligarchen zu stehen. Chodakowskijs „Wostok“ ist von den „Slawjanskern“ zum Beispiel immer wieder beschuldigt worden, in Wahrheit ein privates Machtinstrument des milliardenschweren Donezker Hüttenbarons Rinat Achmetow zu sein. Dieser bestreitet das. Andere geben sich überzeugt, dass „Wostok“ in Wahrheit die Privatarmee des gestürzten Janukowitsch und seiner mafiösen „Familie“ sei.

          Nach außen versuchen die Rebellenführer allerdings, den Schein zu wahren. Als zum Beispiel „Wostok“ Ende Mai einmal mit Panzerwagen, Baggern und Revolvermännern vor dem besetzten Gouverneurspalast vorfuhr, um eine konkurrierende Gruppe kurzerhand aus dem Gebäude zu werfen, leugnete danach jedermann, dass es hier um einen DNR-internen „Putsch“ gehandelt habe. Die Pressesprecherin der „Republik“ sagte dieser Zeitung damals, man habe nur „Ordnung schaffen“ müssen, weil sich unter dem Dach des „Volksaufstandes“ zwielichtige Gestalten im achten Stock eingenistet hätten. Als man sie auf die Straße warf, habe man Schnaps und Zigaretten aus einem geplünderten Supermarkt gefunden. Gewöhnliche Banditen eben.

          Quelle: F.A.Z.

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