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Digitale Exzellenz

Der „Guardian“ David gegen die Goliaths

„News of the World“, NSA, Miranda, Besuch vom Geheimdienst: Wie der „Guardian“ zu einer Quelle von Auf- und Anregern wurde.

© REUTERS Vergrößern „Eigentlich gegen unsere Ideologie“: Am Montag in London vor dem Eingang zur Redaktion des „Guardian“

Es muss im Juli gewesen sein, als Alan Rusbridger, der Chefredakteur des „Guardian“, in den Keller des gläsernen Redaktionsgebäudes am King’s Place hinabstieg, begleitet von zwei britischen Geheimdienstmännern. Im Untergeschoss wurde er dann Zeuge, wie Laptops, Tischgeräte und andere Datenspeicher zu Elektronikschrott zerschlagen wurden, um das übrig gebliebene Material des flüchtigen amerikanischen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden unschädlich zu machen. Die Geheimdienstleute der Government Communications Headquarters machten den flauen Witz, dass der Kampfhubschraubereinsatz gegen die Redaktion nun abgesagt werden könnte, während Rusbridger dem Gedanken nachhing, gerade „einen der bizarreren Momente in der langen Geschichte des Guardians“ zu erleben.

Jochen Buchsteiner Folgen:    

Rusbridger berichtete von dem bislang unbekannten Vorfall in einem Artikel, den er am Dienstag im „Guardian“ veröffentlichte; zuvor wurde er, wie fast alle Beiträge der Zeitung, schon am Vorabend auf deren Homepage gestellt. Das archaisch anmutende Metall-Opferfest war Rusbridgers Schilderung nach nur der Höhepunkt einer seit Wochen anhaltenden Drangsalierung durch die britische Regierung. Er beschreibt das ohne Tremolo, eher im Plauderton, mit einer sonderbaren Mischung aus Verdruss, Mitleid und Arroganz. „Whitehall war zufrieden, aber es fühlte sich an wie ein seltsam witzloses Stück Symbolismus, ohne Verständnis für das digitale Zeitalter.“

Snowden war Rusbridgers größter Glücksfall

Der „Guardian“ steht wieder einmal im Mittelpunkt, genauer: er hat sich ein weiteres Mal hineingerückt. Schon am Montag war er weltweit in den Nachrichten gewesen: Britische Polizisten hatten am Flughafen Heathrow den Brasilianer David Miranda festgenommen, der, finanziert vom „Guardian“, in Berlin Gespräche mit einer Filmemacherin geführt hatte, die wiederum mit dem Journalisten Glenn Greenwald zusammenarbeitet. Greenwald lebt in Rio de Janeiro und ist für die heikleren Recherchen des „Guardian“ zuständig. Sein letzter Scoop hieß Edward Snowden, dem er die Tore zur Londoner Redaktion aufstieß.

Neun Stunden lang wurde Miranda, der mit Greenwald nicht nur in einer Arbeitsbeziehung steht, von sechs Beamten ausgefragt, bevor er endlich seinen Anschlussflug antreten durfte. Dass die Polizei dabei das Antiterrorgesetz aus dem Jahr 2000 anwendete, irritierte sogar jene, die den Verfolgungsbehörden das Recht zusprechen, Snowden und der von ihm entwendeten Geheimdienstinformationen habhaft zu werden. „Britannien und die Vereinigten Staaten müssen bei ihrer Verfolgung von Snowden und dessen Gefährten - insbesondere Journalisten - Vorsicht und Verhältnismäßigkeit wahren“, riet die „Financial Times“ am Dienstag. „Plumpes Vorgehen verspielt die öffentliche Unterstützung.“

Mit Geschick, aber auch mit Fleiß und Courage, inszeniert sich der „Guardian“ seit einiger Zeit als medialer David, der gegen die Goliaths dieser Welt zu Felde zieht. Schon als Wikileaks-Gründer Julian Assange nach einem geeigneten Bündnispartner im Königreich suchte, wurde er am Londoner King’s Place fündig. Es war nicht der „Guardian“ allein, der dann die Videos über amerikanische Kriegsverbrechen im Irak und später die Depeschen des State Department veröffentlichte, aber die international ausgebaute Online-Präsenz der Zeitung stellte die Arbeit kontinentaleuropäischer Medien deutlich in den Schatten. Nach dem Weißen Haus legte sich der „Guardian“ mit Rupert Murdoch an, dem mächtigen australischen Medienunternehmer, der einen Gutteil der britischen Presse sein eigen nennt. Recherchen über kriminelle Abhörpraktiken bei Murdochs Boulevardzeitung „News of the World“ führten schließlich zur deren Einstellung. Dann kam Snowden, Rusbridgers wohl größter Glücksfall.

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