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Flüchtlinge in Ukraine : Erst einmal in Sicherheit

Ein Nest jenseits der Kämpfe: Flüchtlingskinder im ukrainischen Kramatorsk. Bild: Yulia Serdyukova

Nahe der Frontlinie im Donbass suchen viele Menschen Zuflucht auf Zeit. In der Ukraine spielt sich das derzeit größte Flüchtlingsdrama des Kontinents ab.

          Als Erstes haben sich die Mädchen an der Gartenmauer ein Nest gebaut. Aus Decken und Tüchern, all den Schätzen aus den Säcken mit den Hilfsgütern, haben sie es zusammengetragen, und dann, während manchmal der Wind vom Übungsplatz entferntes Gewehrknattern herüberträgt, haben sie begonnen, das Häuschen mit Stricken und Fäden einzuspinnen wie einen Schmetterlingskokon. „Kinder vergessen eben leicht“, sagt Jelena Kosatschenko. Einmal war die fröhliche junge Frau Dolmetscherin für Französisch, aber das ist lange her. Seit Krieg herrscht, ist Kramatorsk, eine dieser ostukrainischen Industriestädte, in denen Maschinenfabriken, Gleisanlagen und graue Blockviertel ineinanderfließen wie Tintenflecke auf nassem Papier, nicht mehr wie es war.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zuerst, als die Donbass-Separatisten mit russischer Hilfe ihre Stadt im vergangenen Jahr für ein paar Monate eroberten, floh Jelena in den unbesetzten Teil des Landes. Nachdem die ukrainische Armee im Juli 2014 Kramatorsk zurückgewann, ist sie wiedergekommen, und seither ist alles anders. Ein paar Dutzend Kilometer vor der Stadt liegt die Front, jeden Tag wird geschossen. Die Maschinenfabrik arbeitet auf Sparflamme, und zugleich lassen sich nach einer Mitteilung des ukrainischen Sozialministeriums vom Juli immer noch jeden Tag mehrere tausend Menschen aus dem von Russland unterstützten Separatistengebiet im unbesetzten Teil des Landes als Flüchtlinge registrieren, und nicht wenige kommen zuerst hier an, auf ihrem Weg ins Ungewisse.

          Es wird versucht, jedem der kommt, zu helfen.

          Wie viele es insgesamt sind, ist nicht klar, weil viele bei Freunden und Verwandten unterkommen, und es nach Einschätzung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR eine hohe Dunkelziffer gibt. Die letzten offiziellen Daten nennen jedenfalls 1,4 Millionen Binnenvertriebene. Fast unbemerkt von Europa vollzieht sich damit mitten auf dem Kontinent ein Flüchtlingsdrama von einem Ausmaß, das es hier seit den Balkan-Kriegen der neunziger Jahre nicht mehr gegeben hat.

          Jelena und ihre Freunde haben nicht lange gezögert als sie wieder daheim waren. Sie gehören zu einer freikirchlichen evangelischen Gruppe, und schon während der vorübergehenden Besetzung ihrer Stadt durch Separatisten vor einem Jahr war es für sie klar, dass sie helfen mussten. Jeden Tag hat Sergej Chumenko, der junge Pastor der Gemeinde, damals unter Lebensgefahr im eigenen Auto Menschen über die Frontlinie hinaus ins ukrainisch gehaltene Territorium gebracht, wenn sie es nicht mehr aushielten und einfach nur noch weg wollten. Als dann die Separatisten vertrieben waren, als über die nahe Frontlinie die ersten Flüchtlinge kamen und es niemanden gab, an den sie sich wenden konnten, haben Sergej, Jelena und ihre Freunde ihr Gemeindezentrum, ein einstöckiges, leicht baufälliges Ziegelhaus namens „Tempel des Heiligen Geistes“, kurzerhand in ein Auffanglager umgewandelt.

          Oft nehmen nur Frauen und Kinder das Angebot an

          Aus dem Garten hinter dem Haus, wo jemand aus Latten eine Volleyballfeld und ein paar Schaukeln zusammengezimmert hat, tönt Kindergeschrei, als herrschte nicht Krieg in Kramatorsk, sondern blühender Friede. Sergej und die Männer der Gruppe holen immer noch fast jeden Tag ganze Familien aus dem Kriegsgebiet. Dann geht es um fünf Uhr früh los, und während manchmal links und rechts die Granaten einschlagen, laufen sie in den vergessenen Dörfern zwischen den Linien von Haus zu Haus. Jedem, der möchte, bieten sie an, ihn in Sicherheit zu bringen.

          Oft nehmen nur Frauen und Kinder das Angebot an, die Männer bleiben auch dann noch bei ihren Gurkengärten und Hofhunden, wenn jeden Tag die Scheiben zittern. Erst im Februar, als die Separatisten mit russischer Unterstützung den Eisenbahnknoten Debalzewe einkesselten und schließlich einnahmen, ist ein vollgepackter Kleinbus der Helfer von einer Granate getroffen worden – zwei der Freiwilligen und sechs Flüchtlinge wurden verletzt.

          So sieht eine „normale“ Küche aus.

          Weil es in Kramatorsk, einer der ersten Städte hinter der Front, keine andere Aufnahmeeinrichtung gibt, als den „Tempel des Heiligen Geistes“ und den Verein „Land freier Leute“ (Kraina Wilnych Ljudej), den Sergej, Jelena und die anderen 15 bis 20 Freiwilligen zur Unterstützung ihrer Arbeit gegründet haben, sind die Helfer in diesem Haus oft die ersten Leute, auf welche die Umsiedler aus der Kriegszone nach ihrer Flucht treffen – und dann, wenn alle in Sicherheit sind, und der erste Schock nachlässt, erleben die Freiwilligen immer wieder ein Phänomen, das Jelena so beschreibt: Die Kinder erholen sich – so scheint es zumindest – oft verhältnismäßig schnell vom Trauma der Flucht, die Erwachsenen quälend langsam.

          Wer sich umsieht, erkennt, was Jelena meint. Während manche der Erwachsenen apathisch in den mit gespendeten Essenspaketen, Kleidersäcken und geretteten Habseligkeiten vollgestopften Schlafsälen vor sich hin starren, haben draußen im Garten die Jungs unter der Aufsicht mehrerer Helfer – unter ihnen zwei Freiwillige aus Russland und einer aus Weißrussland – längst begonnen, Frisbees, zu werfen, während die Mädchen schon kichernd ihre Nester bauen. Für manche von ihnen steht das Schwerste aber möglicherweise noch bevor: Die Erkenntnis, dass die Eltern nicht mehr sind, was sie vor der Flucht waren. „Diese Jungs und Mädchen leben in ihrer Welt, die merken manchmal nicht viel von dem, was passiert. Die Großen dagegen sind hat der Verlust ihrer Häuser, der Beschuss und Tod oft so mitgenommen, dass sie einfach nicht mehr können. Dann vernachlässigen sie ihre Familien,“ sagt Jelena. „Das ist dann oft für die Kleinen viel schwerer zu ertragen, als vorher die Granaten“.

          Flüchtlingskinder spielen gemeinsam mit ihren Betreuern.

          Es geht den Kindern da mit den Erwachsenen nicht viel anders, als den Erwachsenen mit ihrem Land, der Ukraine: Wie die Eltern aus den Bombenkellern des umkämpften Industriegebiets Donbass ist nämlich auch der ukrainische Staat traumatisiert von diesem Krieg und deshalb kaum fähig, sich so um sie zu kümmern, wie es seine Aufgabe wäre. Der militärische Druck aus Russland, die Mobilisierung der Reserven, der Zusammenbruch alter Wirtschaftsstrukturen, das alles nimmt das Land so in Anspruch, dass für die Bewältigung der Flüchtlingstragödie kaum Ressourcen übrig bleiben. Umgerechnet 18 Euro im Monat erhält ein arbeitsfähiger Umsiedler aus dem Kriegsgebiet vom Staat, und nur wer nicht arbeiten kann, bekommt das Doppelte. Arbeitsmarkt- und Eingliederungsprogramme, Sozialdienste und medizinische Versorgung fehlen überall.

          Auffanglager in Frontnähe sind fast nur dort entstanden, wo ohnehin schon Kapazitäten existierten, etwa in Swjatohirsk, das mit seinem uralten, weithin verehrten orthodoxen Kloster und seiner idyllischen Landschaft schon vor dem Krieg von Campingplätzen und Sanatorien umgeben war. Hier sind jetzt mehrere tausend Flüchtlinge untergebracht, und der stellvertretende Gouverneur des Gebiets Donezk, Viktor Andrusiw, hat dieser Zeitung versichert, für diese Lager habe die Gebietsverwaltung unlängst immerhin die Kosten für Strom, Gas und Wasser übernommen. Auch Europa hilft. Wie die Europäische Kommission im Juli mitgeteilt hat, haben die EU und ihre Mitgliedstaaten seit dem Beginn des Krieges 223 Millionen Euro ausgegeben, um den Geschädigten auf beiden Seiten der Front zu helfen. Die deutsche „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“ hat etwas weiter hinter der Front mehrere Containerdörfer für Flüchtlinge aus dem Steppenboden gestampft.

          Viele Betten aneinander gereiht: So sehen die Schlafräume aus.

          Das Verhältnis zwischen den Umsiedlern und dem Staat ist nicht immer einfach. In Regierung und Verwaltung denken manche, dass nicht jeder, der als Flüchtling auftritt, tatsächlich ein echter Flüchtling ist. Glaubt man Andrusiw von der Gebietsverwaltung, geben sich im ukrainisch gehaltenen Teil des umkämpften Industriegebiets Donbass viele Anhänger der Separatisten als Flüchtlinge aus, obwohl sie eigentlich nach wie vor jenseits der Front lebten, in den prorussischen „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk. Viele kämen dann nur kurz durch die Kontrollpunkte herüber, um die monatliche Unterstützung abzuholen sowie gegebenenfalls ihre ukrainischen Renten, die im Separatistengebiet nicht mehr ausgezahlt werden könnten.

          Dann gingen sie wieder zurück, so dass die ukrainischen Sozialleistungen zuletzt bei den Separatisten landeten. Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk hat deshalb kürzlich verlangt, bei allen registrierten Flüchtlingen den wirklichen Wohnsitz zu ermitteln. „Manche von ihnen leben weiter in den Gebieten, die von Separatisten besetzt sind, und kommen nur in die Ukraine, um Staatshilfe zu bekommen“, meint der Regierungschef. „Großes Geld“ sei das, und möglicherweise sei die offizielle Zahl von 1,4 Millionen wegen solcher falscher Flüchtlinge „stark übertrieben“.

          Stapelweise Kleidung: Das Klamottenlager.

          Im Schlafsaal des Auffanglagers von Kramatorsk ist von „großem Geld“ nicht viel zu sehen. Die Betten stehen dicht an dicht unter ihren geblümten Decken, Pakete stapeln sich, Kinder wuseln, eine verletzte alte Frau mit verschwollenem Gesicht und bandagierter Hand ist erst vor drei Tagen eingetroffen und wimmert nun vor sich hin. Aus dem Keller zieht der Dampf von Kohl und Bratfett durchs Haus, das unfehlbare Erkennungsmal aller postsowjetischen Großküchen. Die Menschen sitzen und warten – worauf, ist nicht zu erkennen.

          Da sind Tanja und Marina, zwei gewaltige Damen aus dem Dorf Wodjane zwischen den Linien, gleich am umkämpften Flughafen der Separatistenhochburg Donezk. Sie tragen die ewige Kittelschürze der osteuropäischen Hausfrau, und gerade haben sie sich, tüchtig und handfest, wie sie es eigentlich sind, bei der Ausgabe von Hilfsgütern nützlich gemacht, die der Oligarch Rinat Achmetow, der reichste Mann des Landes, auch in diesem Haus durch die nach ihm benannte Stiftung verteilen lässt.

          Nastya ist mit ihren zwei Kindern aus Donezk geflohen.

          Da ist Nastja Wlasenko, eine junge Mutter von gerade 21 Jahren mit dem zwei Jahre alten Kirill und der zehn Monate alten Nika. Sie kommt aus Donezk, aus dem Kirow-Rajon am Flughafen, der immer wieder von Geschossen getroffen wird – ob von ukrainischen oder von russischen kann Nastja nicht sagen, zu unklar sei oft, wer wo stehe. Wer immer aber auch schieße, zuletzt sei es so furchtbar gewesen in diesen Kellern, oft tagelang ohne Licht, dass sie mit ihren Kinder einfach das nächste dieser überfüllten Sammeltaxis genommen habe, die immer noch über die Linien rumpeln. Ihr Mann Sergej blieb zurück, und jetzt ruft sie ihn jeden Tag an, um ihm zu sagen, dass er auch ja im Keller schlafen solle, auch wenn gerade keiner schießt.

          Während Nastja mit aufgerissenen Augen die Bombennächte von Donezk schildert, krabbeln Kirill und Nika über die Bettdecke, ihr leises Kichern unterlegt den Schrecken, als gebe es nichts als Flausch und Blümchen auf der Welt. Wie hatte Jelena es gesagt? Die Kinder haben es leichter – wenn sie nur am Leben bleiben, unter den Granaten des Donbass. Wie es ihnen mit dem erlebten Schrecken in einigen Jahren gehen wird, kann freilich niemand sagen.

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