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Christian Kern : Smarter Typ im Maßanzug

Christian Kern Bild: Reuters

Der Bahnmanager Christian Kern steht aller Voraussicht nach bald an der Spitze der Wiener Gesellschaft – als österreichischer Bundeskanzler. Dabei kommt er aus einfachen Verhältnissen. Ein Porträt.

          Christian Kern, der vermutlich neuer Bundeskanzler in Österreich wird, gilt als smart. Das bedeutet zweierlei: dass er gescheit ist und dass er sich geschickt darzustellen weiß. Beides ist richtig. Der schlanke, hochgewachsene Mann, der jünger wirkt als 50 Jahre, trägt stets eng anliegende Maßanzüge. Er weiß sich in Gesellschaft zu bewegen, zieht die Blicke auf sich und entscheidet zumeist, ohne laut werden zu müssen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Dass er klug, ehrgeizig und zielstrebig ist, zeigt sein Aufstieg aus einfachen Verhältnissen. Er kam am 4. Januar 1966 im Arbeiterbezirk Wien-Simmering als Sohn einer Sekretärin und eines Elektrikers zur Welt. Er schaffte die Matura, das österreichische Abitur, studierte Kommunikationswissenschaften, wurde Wirtschaftsjournalist und qualifizierte sich mit einer Postgraduiertenausbildung in St. Gallen zum Manager weiter.

          Früh Mitglied in der SPÖ geworden

          Schon früh trat er in die sozialdemokratische Partei SPÖ ein und sammelte aktiv politische Erfahrung. Im Alter von 25 Jahren wurde er Assistent des Staatssekretärs Peter Kostelka, später arbeitete er als dessen Pressesprecher und Büroleiter in der SPÖ-Fraktion. Von dort wechselte er zu Österreichs größtem Stromerzeuger Verbund. Auch dort fiel er als „smart“ auf und arbeitete sich bis in den Vorstand hoch.

          Seit 2010 steht er der ÖBB vor, den Österreichischen Bundesbahnen, die besonders eng an der Bevölkerung operieren müssen. Die Nachrichtenagentur APA lobt seine Führung als vorbildlich: „Galten die Bundesbahnen davor über Jahre als Krisenzone, hat Kern diese Ära beendet.“ Die Geschäftszahlen seien gut, Kern habe das Problem der Massenfrühverrentung gelöst, auch sei der Bau des neuen Wiener Hauptbahnhofs im Zeit- und Kostenplan geblieben.

          Tatsächlich gilt die ÖBB als eine der dynamischsten Bahngesellschaften Europas, und – was für die Bürger besonders wichtig ist – auch als eine der pünktlichsten. Damit war es freilich im vergangenen Jahr vorbei, als das Unternehmen Tausende Flüchtlinge zu transportieren und auch unterzubringen und zu versorgen hatte.

          Aber auch in der heiklen Flüchtlingsfrage heißt es von Kern, dessen Büro direkt auf den neuen Bahnhof blickt, dass er souverän, ja „smart“ reagiert und sich damit in der Öffentlichkeit und in der Politik viele Freunde gemacht habe.

          Kritik an Kerns Managerkompetenz

          Freilich ist auch er nicht unumstritten. Der Fraktionsvorsitzende des Koalitionspartners ÖVP, Reinhold Lopatka, bezeichnete den Bahnchef als „sehr teuren Manager“. Als Kern 2010 die ÖBB übernahm, habe das Staatsunternehmen 3,7 Milliarden Euro an Zuschüssen gebraucht. Jetzt seien es mehr als 5 Milliarden Euro.

          Unter dem jetzigen Vorstand seien die Gehälter stärker gestiegen als im öffentlichen Dienst, die Arbeitszeit sei verkürzt worden.

          Die SPÖ widersprach dem Vorwurf am Donnerstag und stärkte ihrem neuen starken Mann damit den Rücken. Kern habe die Rentenkosten der ÖBB gesenkt, nicht erhöht, hieß es. Die Investitionen in den Bahnausbau seien vor seiner Zeit beschlossen worden, im Übrigen habe die ÖVP sie mitgetragen.

          Kern ist in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Söhne sowie eine Tochter. In seiner Freizeit betätigt er sich sportlich als Läufer und Mountainbiker und unterstützt den Fußballclub Austria Wien.

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