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Bericht eines Panzer-Soldaten : So kämpfen die Russen in der Ukraine

Ein bei den Kämpfen um Debalzewe zerstörter Panzer. Bild: dpa

Bis heute streitet Moskau ab, dass russische Soldaten an Kämpfen im Osten der Ukraine beteiligt sind. Überraschend offen berichtet nun ein junger russischer Panzer-Fahrer über seinen Einsatz beim Kampf um Debalzewe.

          Seit Beginn des Krieges in der Ostukraine gibt es Anzeichen, dass auch russische Soldaten dort kämpfen und die prorussischen Separatisten in Donezk und Luhansk unterstützen. Diese Berichte werden von der russischen Regierung immer wieder zurückgewiesen. Und wenn es eindeutige Beweise gab, zum Beispiel gefangene russische Soldaten, hieß es, diese seien auf Urlaub und kämpften in ihrer Freizeit in der Ukraine oder hätten sich verirrt.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Diesen Propaganda-Geschichten widerspricht nun überraschend offen ein russischer Soldat im Interview mit der unabhängigen russischen Zeitung „Nowaja Gazeta“. Seine Einheit sei keineswegs auf Urlaub in der Ukraine gewesen, sagt Dorschi Batomunkuew.

          Talentierter Panzer-Schütze

          Batomunkuew ist dem Bericht zufolge ein 20 Jahre alter Burjate aus Mogoitui, einer Stadt mit rund 10.000 Einwohnern in Russlands fernem Osten, unweit der chinesischen Grenze. Er wurde demnach im November 2013 zur Armee eingezogen und erwies sich als talentierter Panzer-Schütze. Deshalb verpflichtete er sich im Juni 2014 für weitere drei Jahre Dienst in der Armee. Im Oktober wurden alle länger dienenden Soldaten aus den Bataillonen seiner Brigade zusammengezogen, um eine neue Einheit zu bilden. Batomunkuews Worten nach wussten alle, wozu das diente und wo es hingehen sollte - in die Ukraine.

          Offenes Geheimnis? Eine Bewohnerin der ostukrainischen Stadt Debalzewe Ende Februar neben einem prorussischen Sepapatisten
          Offenes Geheimnis? Eine Bewohnerin der ostukrainischen Stadt Debalzewe Ende Februar neben einem prorussischen Sepapatisten : Bild: AP

          Das Interview mit dem Panzer-Schützen führte die Journalistin Elena Kostjutschenko in einem Krankenhaus in Donezk, wo Batomunkuew lag, weil er nach eigenen Angaben bei Kämpfen um Debalzewe schwer verletzt worden war. Er berichtet der Journalistin, wie sein Panzer - ein T-72B mit Nachtsichtgerät und Lenkraketen - getroffen wurde und Feuer fing. Erst beim zweiten Versuch sei seine Luke aufgegangen und er habe das brennende Panzerwrack verlassen können. Dann habe er sich seinen brennenden Helm vom Kopf gezogen. Dabei habe sich die Haut von seinen Händen geschält. Um die Flammen zu ersticken, habe er sich im Schnee gewälzt, doch erst herbeigeeilte Kameraden hätten das mit einem Feuerlöscher geschafft. Sie hätten ihm erste Hilfe geleistet, Schmerzmittel gegeben und ihn mitgenommen.

          Dies alles soll sich am 19. Februar zugetragen haben, dem buddhistischen Neujahrsfest. Deshalb habe er als Buddhist noch gedacht, das Jahr fange ja schlecht an, sagt Batomunkuew.

          Ein Ausstieg war möglich

          Auf einem Foto, das die „Nowaja Gazeta“ abgebildet hat, ist Batomunkuew im Krankenhaus zu sehen. Sein Gesicht ist von den Flammen entstellt, seine Hände sind dick bandagiert. Während des Gesprächs, berichtet die Journalistin Elena Kostjutschenko, sei immer wieder Blut aus seinen Wunden geflossen.

          Die Geschichte des Einsatzes von Dorschi Batomunkuew beginnt in Ulan Ude, wo seine Einheit auf einen Zug verladen wurde. Schon dort mussten die Soldaten ihm zufolge sämtliche Einheits-Kennungen auf ihren Fahrzeugen übermalen. Zehn Tage dauerte die Fahrt nach Rostow, wo die Einheit im November ankam. Batomunkuew berichtet, dass es viele Züge mit Militär gegeben habe, die nach Westen gefahren seien. Drei Monate seien die Soldaten trainiert worden. „Eine gute Vorbereitung“, wie der junge Panzer-Schütze sagt.

          Die Soldaten hätten schon die Hoffnung auf eine Heimfahrt gehabt, bevor im Februar die höchste Bereitschaftsstufe ausgerufen worden sei. Die Soldaten hätten sich fertig gemacht, ihre Ausweise und Telefone abgegeben und in der Nacht die Grenze überquert, erzählt Batomunkuew. Alle hätten gewusst, dass sie nun in der Ukraine seien, „aber was sollte man machen“.

          Krieg in der Ukraine : Drohne filmt zerstörtes Debalzewe

          Nicht alle Soldaten seiner Einheit wollten jedoch in den Krieg in der Ostukraine. Es habe mindestens einen Kameraden gegeben, der wieder nach Hause gefahren sei. Was aus ihm geworden ist, weiß Batomunkuew jedoch nicht.

          31 Panzer seien in seiner Einheit gewesen, sagt er. Dazu gehörten mehrere gepanzerte Mannschaftstransportwagen und Lastwagen mit Munition. Insgesamt habe die Einheit rund 300 Soldaten umfasst. Erster Halt sei Donezk gewesen, bevor es in Richtung Debalzewe ging. Ihr Auftrag sei gewesen, alle feindlichen Kämpfer zu vernichten.

          „Putin ist ein cleverer Kerl“

          Von den Separatisten der „Volksrepublik“ Donezk hat Batomunkuew offenbar keine hohe Meinung. Sie hätten sich geweigert anzugreifen und sich die ganze Zeit nur verteidigen wollen. Außerdem, sagt Batomunkuew, seien sie völlig desorganisiert. Es gebe keine klare Befehlsstruktur, jeder mache, was er wolle. Deshalb habe es auch keine Koordination mit diesen Kämpfern gegeben.

          Mitglieder der ukrainischen Armee Mitte Februar bei Debalzewe
          Mitglieder der ukrainischen Armee Mitte Februar bei Debalzewe : Bild: Reuters

          Er sei nicht stolz darauf, Menschen getötet zu haben, sagt Dorschi Batomunkuew. Es tröste ihn jedoch, dass es alles für den Frieden geschehen“ sei, denn „wir kämpfen für unser Recht“. Er sei auch nicht aus Pflichtgefühl mit in die Ukraine gefahren, sondern wegen seines Gerechtigkeitsempfindens.

          Unglücklich über sein Schicksal scheint Batomunkuew in dem Gespräch nicht zu sein. Auch gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der bestreitet, dass es russische Truppen in der Ukraine gibt, habe er nichts. Das sei ein „cleverer Typ“, sagt er. Es gehe nur darum, Russland vor den Folgen einer möglichen Westbindung der Ukraine zu schützen. Denn es könne nicht sein, dass Raketen an Russlands Grenze stationiert würden.

          Seine Aussichten sieht Dorschi Batomunkuew nüchtern. „Das war genug Krieg für mich. Ich habe gut gedient, für die Volksrepublik Donezk gekämpft. Jetzt muss ich ein friedliches Leben leben. Studium, Arbeit. Mein Körper erholt sich, kämpft ums Überleben.“

          Quelle: FAZ.NET

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