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Dienstag, 18. Juni 2013
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Beppe Grillo Nach den Studios ins Netz - und dann auf die Straße

 ·  In den achtziger Jahren beendete er seine Fernsehkarriere durch harsche Politikkritik, dann entdeckte er das Internet für sich. Wie Beppe Grillo mit beißender Politsatire dazu kam, Italiens stärkste Partei vorzuführen.

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© AFP Immer laut und provokativ: Beppe Grillo

An einem Samstag im Jahr 1987 beendete Beppe Grillo seine Karriere im italienischen Fernsehen. Er war zur Abendshow Fantastico 7 eingeladen, und eigentlich wussten die Veranstalter, worauf sie sich einließen. Grillo war ein bekannter Satiriker, der in den achtziger Jahren zu Italiens größten Fernsehstars zählte. Mit steigender Popularität wurde auch seine Satire bissiger und politischer. An jenem Abend jedoch erlaubte er sich eine Spitze, die das staatliche Fernsehen ihm so schnell nicht verzeihen sollte. Er griff die Sozialistische Partei Italiens (PSI) und deren Vorsitzenden, den damaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi, harsch an und warf ihnen Korruption vor. Es war vorerst sein letzter Auftritt im staatlichen Fernsehen.

Die Ungnade des Staatsfernsehens Rai tat Grillos Popularität aber keinen Abbruch. Zudem bewies der Zusammenbruch des alten Parteiensystems zu Beginn der neunziger Jahre, dass er mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen hatte. Die Aktion „Mani Pulite“ (Saubere Hände) einiger Mailänder Staatsanwälte nahm die PSI und die Christlich Demokratische Partei wegen Korruption auseinander. Craxi flüchtete vor der Anklage nach Tunesien und kehrte nie mehr zurück.

Mit dem Internet zum V-Day

Grillo hatte mit dem Fernsehen abgeschlossen, doch mit der Politik noch lange nicht. Seine Auftritte blieben laut und provokativ - ein Prototyp des italienischen Wutbürgers mit weißer Lockenmähne, der Politiksatire im alten Stil bot, wie sie in Italien immer weniger zu sehen war. Ein Jahrzehnt lang füllte Grillo so Plätze und Arenen. Dann entdeckte er das Internet für sich. 2005 startete er seinen Blog und sammelte dort die über Italien versprengten Gruppen seiner Anhänger: netzaffine, zumeist junge Menschen, die mit der Politik der etablierten Parteien unzufrieden waren. Grillo schrieb bissige Artikel, in denen er Korruption, Umweltverschmutzung und andere Skandale polemisch anprangerte. Die Öffentlichkeit diskutierte darüber per Kommentar-Button - ungefiltert, wie Grillo auf seiner Seite betont. Er bot den Frustrierten eine Plattform, um ihre Meinung loszuwerden. Und dann holte er sie aus dem Internet, zurück auf die Straße.

Im Jahr 2007 begann der erste große Protest mit 80.000 Teilnehmern in Bologna beim sogenannten „V-Day“. Das V stand für „Vaffanculo“, wörtlich übersetzt Leck-mich-am-Arsch, hier jedoch mehr im Sinne von „Hau ab!“ benutzt. Denn Grillo verlas auf offener Bühne die Namen von rund 30 Abgeordneten des italienischen Parlaments, die allesamt vorbestraft waren - von Steuerhinterziehung über Korruption bis Totschlag. Hinter jedem Namen schrie Grillo das V-Wort. Der Auftritt wurde live in andere Städte übertragen. Insgesamt sammelten sich vor den Leinwänden mehr als 300.000 Demonstranten, alle nur über soziale Netzwerke, Blogs und Mund-zu-Mund-Propaganda informiert.

Antikorruption und direkte Demokratie

Aus ihnen erwuchs zwei Jahre später die „Bewegung fünf Sterne“, deren Programm Grillo als Resultat der Diskussionen auf seinem Blog darstellt. Neben Forderungen nach mehr Meinungsfreiheit, einem Antikorruptionsgesetz und Unterstützung für kleine- und mittelständische Unternehmen fordert die Bewegung vor allem mehr direkte Demokratie, unter anderem ein Referendum über den Ausstieg aus dem Euro. Um die direkte Demokratie vorzuleben, lässt die Bewegung im Internet über die Kandidaten für ihre Wahllisten abstimmen. Allerdings soll Grillo auch das ein oder andere Veto eingelegt haben. Er selbst konnte gar nicht kandidieren, da das Gesetz mittlerweile vorsieht, dass niemand mit einer Vorstrafe Abgeordneter werden kann. Grillo war im Dezember 1981 für einen Autounfall verantwortlich, bei dem seine drei Mitfahrer starben. Seitdem ist er wegen fahrlässiger Tötung vorbestraft. Das Gesetz, das ihm den Zugang zum Parlament verwehrt, hat er selbst mit seinem „V-Day“ unterstützt.

Mehr Follower als Berlusconi und Monti zusammen

Doch keiner kann ihm verbieten, Massen zu mobilisieren. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter hat er fast eine Million Follower, mehr als Silvio Berlusconi, Pier Luigi Bersani und Mario Monti zusammen. Was Grillo dort schreibt, wird im Schnitt von fast tausend Italienern weitergeleitet, deren Freunde in dem Netzwerk es wiederum weiterempfehlen. Und so sammelten sich während seiner „Tsunami Tour“, mit der er in den Wochen vor der Parlamentswahl durch die italienischen Städte reiste, immer mehr Menschen auf den Plätzen. Vor dem Mailänder Dom schwärmten am Donnerstag vor der Wahl 100000 zusammen. Grillo hatte am Tag zuvor in seinem Blog die etablierten Politiker aufgefordert, „sich mit erhobenen Händen zu ergeben“. Auf dem Piazza del Duomo gesellten sich zu Grillo der Literaturnobelpreisträger Dario Fo sowie der Sänger Adriano Celentano. Fo hatte 2006 mit einem Mitte-links-Bündnis für das Amt des Mailänder Bürgermeisters kandidiert. Celentano kehrte 2005 mit einer Rock-Show ins italienische Fernsehen zurück und nutzte seinen Auftritt dort, um die mangelnde Pressefreiheit unter der Regierung Silvio Berlusconis anzuprangern.

Gut ein Fünftel ihrer Stimmen bezog die „Bewegung fünf Sterne“ von Wählern, die in vergangenen Wahlen für die linke Demokratische Partei (PD) gestimmt hatten. Den meisten Zuspruch erhält sie unter den jungen Italienern. Immer wieder wendet sich Grillo an sie. „Eineinhalb Millionen italienischer Jugendlicher waren in wenigen Jahren gezwungen auszuwandern, obwohl sie gut ausgebildet sind und Diplome haben“, schrieb er auf einem Pamphlet, das auf der letzten Etappe seiner „Tsunami Tour“ in Rom ausgeteilt wurde. Die Abgeordneten und Senatoren der „Bewegung fünf Sterne“ sind im Schnitt 37 Jahre alt.

In Sizilien waren im vorigen Jahr 15 Abgeordnete der Grillo-Bewegung ins Parlament gekommen. Als erstes verkündeten sie, ihre Diäten auf „annehmbare“ 2500 Euro zu senken. Den Differenzbetrag von mehreren tausend Euro wollten sie in einen Fonds fließen lassen, der Mikrokredite an regionale Kleinunternehmen vergeben soll. Auf Grillos Blog bezeichnet eine junge Frau die Anhänger als Träumer, die den schlimmsten Albtraum des italienischen Volkes durchlebt hätten: „keine Zukunft zu haben“. Nun hängt die politische Zukunft des Landes zu einem guten Teil an ihnen.

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