http://www.faz.net/-gq5-77ayn

Beppe Grillo : Nach den Studios ins Netz - und dann auf die Straße

Immer laut und provokativ: Beppe Grillo Bild: AFP

In den achtziger Jahren beendete er seine Fernsehkarriere durch harsche Politikkritik, dann entdeckte er das Internet für sich. Wie Beppe Grillo mit beißender Politsatire dazu kam, Italiens stärkste Partei vorzuführen.

          An einem Samstag im Jahr 1987 beendete Beppe Grillo seine Karriere im italienischen Fernsehen. Er war zur Abendshow Fantastico 7 eingeladen, und eigentlich wussten die Veranstalter, worauf sie sich einließen. Grillo war ein bekannter Satiriker, der in den achtziger Jahren zu Italiens größten Fernsehstars zählte. Mit steigender Popularität wurde auch seine Satire bissiger und politischer. An jenem Abend jedoch erlaubte er sich eine Spitze, die das staatliche Fernsehen ihm so schnell nicht verzeihen sollte. Er griff die Sozialistische Partei Italiens (PSI) und deren Vorsitzenden, den damaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi, harsch an und warf ihnen Korruption vor. Es war vorerst sein letzter Auftritt im staatlichen Fernsehen.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Ungnade des Staatsfernsehens Rai tat Grillos Popularität aber keinen Abbruch. Zudem bewies der Zusammenbruch des alten Parteiensystems zu Beginn der neunziger Jahre, dass er mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen hatte. Die Aktion „Mani Pulite“ (Saubere Hände) einiger Mailänder Staatsanwälte nahm die PSI und die Christlich Demokratische Partei wegen Korruption auseinander. Craxi flüchtete vor der Anklage nach Tunesien und kehrte nie mehr zurück.

          Mit dem Internet zum V-Day

          Grillo hatte mit dem Fernsehen abgeschlossen, doch mit der Politik noch lange nicht. Seine Auftritte blieben laut und provokativ - ein Prototyp des italienischen Wutbürgers mit weißer Lockenmähne, der Politiksatire im alten Stil bot, wie sie in Italien immer weniger zu sehen war. Ein Jahrzehnt lang füllte Grillo so Plätze und Arenen. Dann entdeckte er das Internet für sich. 2005 startete er seinen Blog und sammelte dort die über Italien versprengten Gruppen seiner Anhänger: netzaffine, zumeist junge Menschen, die mit der Politik der etablierten Parteien unzufrieden waren. Grillo schrieb bissige Artikel, in denen er Korruption, Umweltverschmutzung und andere Skandale polemisch anprangerte. Die Öffentlichkeit diskutierte darüber per Kommentar-Button - ungefiltert, wie Grillo auf seiner Seite betont. Er bot den Frustrierten eine Plattform, um ihre Meinung loszuwerden. Und dann holte er sie aus dem Internet, zurück auf die Straße.

          Im Jahr 2007 begann der erste große Protest mit 80.000 Teilnehmern in Bologna beim sogenannten „V-Day“. Das V stand für „Vaffanculo“, wörtlich übersetzt Leck-mich-am-Arsch, hier jedoch mehr im Sinne von „Hau ab!“ benutzt. Denn Grillo verlas auf offener Bühne die Namen von rund 30 Abgeordneten des italienischen Parlaments, die allesamt vorbestraft waren - von Steuerhinterziehung über Korruption bis Totschlag. Hinter jedem Namen schrie Grillo das V-Wort. Der Auftritt wurde live in andere Städte übertragen. Insgesamt sammelten sich vor den Leinwänden mehr als 300.000 Demonstranten, alle nur über soziale Netzwerke, Blogs und Mund-zu-Mund-Propaganda informiert.

          Weitere Themen

          Aufnahme in Deutschland Video-Seite öffnen

          50 Flüchtlinge : Aufnahme in Deutschland

          Deutschland und Italien sind übereingekommen, dass Deutschland mit Blick auf laufende Gespräche über eine intensivere bilaterale Zusammenarbeit im Asylbereich bereit ist, 50 Menschen aufzunehmen.

          Antisemitismus im Internet nimmt zu

          „Echte Bedrohung“ : Antisemitismus im Internet nimmt zu

          Besonders in sozialen Medien verbreitet sich judenfeindliches Gedankengut, resümieren Forscher der TU Berlin. Der Präsident des jüdischen Zentralrats sieht damit belegt, was viele Juden schon lange empfänden.

          Topmeldungen

          Spaß macht es schon, wenn nur das Aber nicht wär.

          ADHS und Smartphones : Tippen und Klicken bis zum seelischen Umfallen?

          Das Smartphone immer im Anschlag, digital auf Dauerbetrieb. Doch wann ist es zu viel, wann macht die Seele schlapp? Mediziner haben jetzt Tausende Schüler im Zappeltest gehabt und finden Anhaltspunkte für eine digitale Überdosis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.