http://www.faz.net/-gq5-8j4jb

Baltenrepubliken : Die Angst vor einem russischen Blitzkrieg

Machtdemonstration: Moskaus Militärmacht genügt, um die baltischen Staaten unter Druck zu setzen. Bild: Imago

Estland, Lettland und Litauen befinden sich im Alarmzustand: Russland kann die Nato im Baltikum auf verschiedene Weise herausfordern. Im Ernstfall sei der Kreml zum Äußersten bereit.

          Seit Russland in seiner Nachbarschaft Provinzen erobert, sind drei kleine Länder im Alarmzustand: die Baltenrepubliken Estland, Lettland und Litauen waren nach dem Zweiten Weltkrieg (ähnlich wie 2014 die ukrainische Krim) von Moskau annektiert worden, und wie in der Ukraine leben in Estland und in Lettland große russophone Minderheiten. Die Sorge, dass Russland abermals deren „Interessen“ zum Vorwand nehmen könnte, um nach der Ukraine jetzt auch das Baltikum unter Druck zu setzen, ist deshalb wach, und erst kürzlich hat der estnische Ministerpräsident Taavi Roivas Russland vorgeworfen, es führe sich in seiner Nachbarschaft als „Aggressor“ auf.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Nato, deren Staats- und Regierungschefs sich an diesem Freitag in Warschau versammeln, teilt diese Sorgen. Der Befehlshaber der amerikanischen Bodentruppen in Europa, General Ben Hodges, hat dargelegt, dass Russland die baltischen Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius in 36 bis 60 Stunden einnehmen könnte, und weil er mit solchen Befürchtungen nicht allein ist, hat das Bündnis den Beschluss vorbereitet, vier Bataillone in die Region zu senden – zusammen etwa 4000 Mann. Das Auffallende an den Analysen westlicher Fachleute ist, dass das „ukrainische Szenario“ – eine als „Volksaufstand“ getarnte russische Intervention – nicht mehr im Vordergrund steht. Experten in Estland sehen in der dortigen russischen Minderheit keine Anzeichen für Militanz, und Ministerpräsident Roivas nimmt sie vor dem Vorwurf der Illoyalität ausdrücklich in Schutz.

          Dafür wird gegenwärtig ein anderer Krisenfall diskutiert: Die Gefahr eines von Russland ausgelösten konventionellen Regionalkriegs, der das Baltikum vom Rest der Nato abtrennen und in das Moskauer Satellitensystem zurückführen könnte. Der Schwerpunkt läge dabei im südlichsten Teil der Region: Im nur 65 Kilometer breiten Korridor zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Weißrussland. Dieser Landstrich zwischen Polen und Litauen, im Militärjargon die „Lücke von Suwalki“ genannt, ist die einzige Landverbindung zwischen den baltischen Staaten und dem Rest der Nato.

          Aus russischer Sicht würde ein schneller Stoß durch diese Engstelle das Baltikum zu etwas machen, was westliche Fachleute eine „Blase“ nennen. Die Nato, die in der Region keine starken Kräfte besitzt, müsste hilflos zuschauen und stünde dann vor der Entscheidung, durch einen verlustreichen Krieg die Verbündeten wieder zu befreien. Eine Studie des Tallinner Internationalen Zentrums für Verteidigung und Sicherheit (ICDS), verfasst von den pensionierten Nato-Generalen Wesley Clark (Vereinigte Staaten), Egon Ramms (Deutschland) und Richard Shirreff (Großbritannien) sowie dem früheren estnischen Außen- und Verteidigungsminister Jüri Luik, stellt fest, Russland halte die für einen Angriff „aus dem Stand“ notwendigen Kräfte bereits jetzt parat. Alles, was für ein „schnelles Fait accompli“ nötig sei, stehe bereit.

          Nach einer Eroberung kaum zurückzugewinnen

          Bei dieser Analyse spielt ein weiteres Paradestück des militärischen Fachvokabulars eine Rolle: die Wortfolge „Anti Access/Area Denial“, kurz „A2/AD“. Sie steht für die im Westen wahrgenommene Fähigkeit Russlands, durch schon stationierte Abwehrwaffen in der Region, etwa durch das Flugabwehrsystem S-400, die Nato zu stoppen, wenn sie versuchen sollte, die eroberte „Blase“ zurückzugewinnen. Fachleute wie Bastian Giegerich vom Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS) in London sagen, diese Blockademacht könne etwa einen erfolgreichen Einsatz der Nato-Speerspitze VJTF behindern. Die Grundannahme der Allianz, dass sie ihren Mitgliedern notfalls helfen könne, werde so „in Frage gestellt“. Das ICDS folgert: „25 Nato-Verbündete können von der Nato Unterstützung erhalten, aber die drei baltischen Staaten nicht.“

          Bedrohliche Nähe: Die baltischen Staaten fürchten sich vor einem möglichen russischen Vorstoß.
          Bedrohliche Nähe: Die baltischen Staaten fürchten sich vor einem möglichen russischen Vorstoß. : Bild: F.A.Z.

          Dagegen kann eingewendet werden, dass die Stärke der russischen Truppen nicht zweifelsfrei feststeht. Das russische Verteidigungsministerium hat zwar unlängst die Aufstellung von drei neuen Divisionen im westlichen Militärbezirk angekündigt, was ein Vielfaches der vier versprochenen Nato-Bataillone ausmachen würde. Aber Experten wie Bastian Giegerich oder Christian Mölling vom „German Marshall Fund of the United States“ sagen, es sei unklar, inwiefern diese Divisionen wirklich „neu“ sein würden oder nur ein neues Etikett auf bestehenden Einheiten. Trotzdem zweifeln beide nicht an der Annahme, dass Russland jetzt schon in der Lage wäre, die Nato im Baltikum herauszufordern. Die russischen Interventionen in Georgien, der Ukraine und Syrien zeigen außerdem, dass Moskau bereit ist, seine Fähigkeiten auch real zu nutzen.

          Dass das Baltikum nach einer Eroberung kaum zurückzugewinnen wäre, demonstriert das Beispiel der Krim. Nach deren Annexion hatte Präsident Wladimir Putin nämlich darauf hingewiesen, dass Russland als Atommacht jeden Versuch einer Rückeroberung abwehren werde. Für das Baltikum hieße das: Nach einem russischen Vorstoß durch die „Lücke von Suwalki“ müsste die Nato einen Atomkrieg riskieren, um das Verlorene zurückzugewinnen.

          Kaum Handlungsmöglichkeiten

          Glaubwürdig erscheint das nicht, und in der Studie des ICDS heißt es, wegen der russischen Abwehrkapazitäten hätte das Bündnis in so einer Lage kaum Handlungsmöglichkeiten. Falls nämlich Russland, wie im Fall der Krim angedroht, tatsächlich einen begrenzten nuklearen Schreckschuss abgebe, könnten alliierte Flugzeuge mit nuklearen Gefechtsfeldwaffen, die als Reaktion geeignet wären, sich zum Einsatzort gar nicht erst durchschlagen. Als einzige Antwort bliebe dann „der Gebrauch strategischer Kräfte“. Die Allianz stünde vor dem Dilemma, einen „eskalierenden Nuklearkrieg“ zu riskieren oder „klein beizugeben“.

          Den Ausweg sollen jetzt die vier neuen Bataillone weisen, welche die Nato an diesem Freitag beschließen will. Nach der Analyse des ICDS wären sie nicht dazu gedacht, einen potentiellen „Krieg zu gewinnen“ – dazu wären sie viel zu klein. Sie wären auch keine Bedrohung für Russland, das an der Westgrenze viel stärkere Kräfte unterhält. Eine Eskalationsgefahr geht also von ihnen nicht aus.

          Was sie aber bringen sollen, ist Zeitgewinn – sie sollen als „Bremsschwelle“ das gefürchtete „Fait accompli“ so lange hinauszögern, bis die Nato aus Amerika und Mitteleuropa genügend Kräfte herangeführt hat, um die russische Blockadekapazität zu überwinden und das Baltikum zu schützen. Dann erst werden die baltischen Staaten sich sicher fühlen können – oder, wie der estnische Ministerpräsident sagt: „Die Nato muss klarmachen, dass sie auf jeden gewaltsamen Akt reagieren kann.“

          Merkel : „Russland hat Nato-Mitglieder im Osten zutiefst verstört“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.