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Auswanderung bulgarischer Ärzte : Frau Doktor geht nach Deutschland

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Bulgarische Realität: Ein Krankenhaus in der Kleinstadt Lom. Die Treppe hoch geht es zum Labor Bild: F1online

Bulgariens Ärzte wandern in Scharen aus. Sie laufen vor einem maroden und korrupten Gesundheitswesen davon, während die Patienten die Kosten tragen müssen. Und ihr Vertrauen schwindet.

          Der Ort, an dem Maria Dimowa ihr Glück in die Hand nehmen will, überragt Varnas Flaniermeile verheißungsvoll. Zwischen verwitterten Kurbadfassaden steht der prahlerisch moderne Quader des Designhotels. Schon der Gehweg hebt sich ab – mit auffällig glatt verlegten Betonwürfelchen. Die meisten Bürgersteige in Bulgariens drittgrößter Stadt sind so zerborsten, dass man den Blick kaum heben kann, wenn man nicht stolpern will.

          Maria erklimmt die Treppe zu den „Careers in white“ (Karrieren in Weiß). So nennt der Veranstalter die Job-Messe für Ärzte, die an diesem Samstag im besten Hotel der Hafenstadt bulgarischen Nachwuchs ins Ausland locken will. Maria steuert zielsicher auf den Messestand mit der schwarz-rot-goldenen Flagge zu. Dass sie in Deutschland arbeiten will, weiß die 25 Jahre alte Medizinstudentin schon fast so lange, wie sie Ärztin werden will.

          „Guten Tag!“, sagt Maria und setzt sich, so aufgeregt, dass sie nicht einmal die Jacke aufknöpft. „Sie suchen eine Stelle? Als Assistenzärztin?“ Ein sprachgewandter Rumäne vertritt die Vermittlungsagentur aus dem thüringischen Gotha. Eine halbe Minute später frohlockt der Messemann. Maria hat den Abschluss so gut wie in der Tasche, ein Sprachdiplom Niveau B2 vom Goethe-Institut und möchte eine Fachrichtung einschlagen, die nachgefragt wird: Innere Medizin, Kardiologie. Sehr gut vermittelbar. Nun muss sie nur noch entscheiden, in welche der ihr unbekannten Bundesländer die Bewerbung geschickt werden soll. Der Messemann gibt Empfehlungen. Am Ende trägt Maria auf dem Formular „Nordrhein-Westfalen oder Bremen“ als neue Heimat ein.

          Bessere Technik und Wissenschaft

          Aus Bulgarien sind schon mit der ersten großen Welle Anfang der neunziger Jahre viele Ärzte ausgewandert. Aber seit das Land vor sechs Jahren der EU beitrat, strömen Mediziner hinaus, als hätte jemand einen Stöpsel gezogen. Im vergangenen Jahr registrierte der bulgarische Ärzteverband 500 Auswanderer. Damit sind erstmals mehr Mediziner gegangen, als im selben Jahr ihre Approbation erlangten.

          Es ist einfacher geworden, die Koffer zu packen, weil nach 2007 erworbene Abschlüsse innerhalb der EU automatisch anerkannt werden und weil mehrere wohlhabende Altmitgliedstaaten händeringend Ärzte suchen. Die meisten Mediziner, die wie Maria frisch von der Uni kommen, gehen nach Deutschland, Fachärzte häufiger nach Großbritannien, Irland oder Skandinavien. Sie entfliehen dem ärmsten Land der EU, in dem selbst Ärzte nur einen Durchschnittslohn von umgerechnet rund 500 Euro im Monat bekommen. In Varna, wo Maria nun erleichtert auf die Straße tritt, ist gerade der 36 Jahre alte Plamen Goranoow gestorben, der sich aus Verzweiflung über seine Armut selbst angezündet hat. Es war die vierte Selbstverbrennung seit Beginn des Jahres.

          Maria hat schwierige deutsche Worte gelernt, um sagen zu können, warum sie in ihrer Heimat gar nicht erst anfangen will zu arbeiten. Die Arbeitsbedingungen, sagt sie, und der Verdienst. In Deutschland seien auch die Technik und die Wissenschaft besser entwickelt. „Und ich glaube, dass ich in einem deutschen Team leichter arbeiten kann.“ Was sie damit meint, will sie lieber nicht genauer erläutern.

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