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Veröffentlicht: 28.11.2016, 16:07 Uhr

Angst vor Repression Die Türken reden nicht mehr

Früher war die Türkei ein Land, in dem die Menschen miteinander sprachen und keinen Hehl daraus machten, auf welcher Seite sie standen. Mittlerweile trauen sich das viele nicht mehr.

von Canan Topçu
© Reuters Der Schatten Erdogans liegt über der Türkei – und viele Türken wollen ihre Meinung lieber nicht mehr laut sagen.

Nach vier Jahren bin ich wieder in Istanbul und mache eine völlig neue Erfahrung: Die Menschen reden nicht mehr. Früher ging es schon auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel los. Die Taxifahrer plauderten mit mir, der Fremden; sie schimpften über dies und das, beschwerten sich über diese oder jene Entwicklung im Land, kritisierten diesen oder jenen Politiker, gaben zu erkennen, auf welcher Seite sie stehen, für welche Partei ihr Herz schlägt. Diesmal entwickeln sich nicht einmal Smalltalks mit Unbekannten. Nicht im Taxi, nicht in den Geschäften, in denen ich Geschenke für meine Familie in Deutschland einkaufe, und auch nicht in dem Schönheitssalon, wo ich am vorletzten Tag ein paar Stunden verbringe. Maniküre und Pediküre: Das gehört zu den Ritualen, denen ich bei meinen Aufenthalten in der Türkei nachgehe. Bislang konnte ich die Pflege meiner Finger und Füße wunderbar mit Feldforschungen verbinden. Auch wenn ich nicht selbst ins Gespräch kam mit Kosmetikerinnen oder Kundinnen, schon allein ihren Unterhaltungen zuzuhören reichte, um mitzubekommen, was die Menschen beschäftigt und bewegt. Noch nie habe ich einen Schönheitssalon so still erlebt wie diesmal.

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Die Menschen sind aber nicht nur Fremden gegenüber schweigsam. Auch Freunde und Familienangehörige vermeiden Gespräche. Sie tauschen sich nur noch über Belanglosigkeiten aus. Das erzählen mir all jene, die doch noch mit mir reden, nachdem sie sich sicher sind, dass von mir keine Gefahr für sie ausgeht. Und was sie mir berichten, betrübt mich zutiefst. Es herrscht Verzweiflung, es herrscht Hass, und es herrscht großes Misstrauen. Jeder kann ein Spion sein, einen als Staatsfeind denunzieren. Die Gräben sind seit dem vereitelten Putsch im Juli viel tiefer geworden zwischen den einzelnen Gruppen; es gibt eine Gruppe, die Erdogan und seine Anhänger und die Kurden und die Armenier hasst; eine andere wiederum hasst die Kemalisten und die Kurden und die Gülenisten; noch eine andere hasst die Nationalisten und die Kemalisten. Und so hasst jeder jeden, der nicht die eigenen Ansichten vertritt.

Wer nicht für Erdogan ist, ist ratlos

Ich stelle fest, dass selbst die Leute, die sich selbst als Demokraten bezeichnen, zutiefst rassistisch sind. Immer dann, wenn sich die Gespräche um Kurden und Armenier kreisen, äußern sie sich verächtlich. Die Toleranz von viel zu vielen Menschen in der Türkei endet, wenn es um die Rechte von Kurden und anderen Minderheiten geht. Und sie endet bei viel zu vielen Menschen auch dann, wenn es um liberale Lebensentwürfe geht. Schon junge Frauen mit Trägershirts und kurzen Hosen werden auf der Straße abfällig beäugt.

Wer kein Erdogan-Anhänger ist, blickt ratlos in die Zukunft. Die einen verfallen immer mehr in Hoffnungslosigkeit und werden lethargisch. Andere möchten das Land am liebsten so schnell wie möglich verlassen, weil sie befürchten, dass alles noch schlimmer wird. Groß ist die Sorge, dass Erdogan Andersdenkenden gar keinen Freiraum mehr lässt. Und zuletzt gibt es noch jene, die voller Aggressionen sind und es gerade noch so schaffen, ihre Wut zu unterdrücken. Eine beängstigende Atmosphäre, die einer meiner Gesprächspartner so beschrieb: „Es ist so, als sehe ich einen Tsunami herannahen, wissend, dass ich keine Möglichkeiten habe, dem Unglück auszuweichen.“

Nach ein paar Tagen in Istanbul bin ich froh, wieder im Flieger zu sitzen und nach Frankfurt zurückkehren zu können. Mit im Gepäck ist ein Gefühl, für das es im Deutschen kein Pendant gibt: Hüzün. Es ist ein Cocktail aus Wehmut, Melancholie, Trauer, Hoffnungslosigkeit, aus Verbitterung, Enttäuschung und Schmerz.

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Von Christian Heinrich Meier

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