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Attentat in London Verschüchtert sind die Friedfertigen

 ·  Nach dem islamistisch motivierten Mord an einem Soldaten wird in London wieder über die muslimische Gemeinschaft im Land diskutiert. Gerade junge Muslime neigen extremen Ansichten zu.

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© AFP Vergrößern Trauer um Lee Rigby: Am Donnerstag in Woolwich

Wenige Tage, bevor Michael Adebolajo den Soldaten Lee Rigby mit einem Fleischermesser massakrierte, warb er öffentlich für den Dschihad. Sein kleiner Stand befand sich in der Hauptgeschäftsstraße des südöstlichen Londoner Stadtteils Woolwich, direkt vor dem Poundland Store, nur einige hundert Meter vom späteren Tatort entfernt. Er verteilte extremistische Flugblätter und forderte Passanten auf, in den „Heiligen Krieg“ um Syrien zu ziehen. Hier, in Woolwich, kannte man den aufgeregten schwarzen Mann mit der Wollmütze.

Immer mehr Hintergründe werden bekannt, die die Abscheu über das bestialische Attentat mit bohrenden Fragen verbinden: Wäre die Bluttat zu verhindern gewesen? Hätten Adebolajo und sein Komplize Michael Adebowale besser überwacht werden müssen, ja hätten sie überhaupt frei herumlaufen dürfen? Darüber wird der Chef des Inlandsgeheimdienstes MI5 demnächst vor den Abgeordneten des Unterhauses Rechenschaft ablegen müssen. Die dahinterliegende Frage richtet sich weniger an die Behörden, als an die Politik, letztlich an die Gesellschaft insgesamt: Ist Großbritannien womöglich insgesamt zu lax im Umgang mit gewaltbereiten Islamisten?

Die beiden Attentäter, 28 und 22 Jahre alt, waren den Sicherheitsbehörden seit langem bekannt. Schon vor sechs Jahren war Adebolajo, der ältere der beiden, in gewalttätige Demonstrationen islamistischer Gruppen verwickelt. Wann immer Extremisten auf die Straßen Londons gingen, wurde er gesehen. Britische Zeitungen berichten, dass er kurzzeitig festgenommen wurde, als er nach Somalia ausreisen wollte, um an der Seite der Al Shabaab zu kämpfen; die Polizei behielt seinen Pass ein. Über den jüngeren der beiden Attentäter ist weniger bekannt - das wird sich erst ändern, wenn er wieder vernehmungsfähig ist. Aber beide standen offenbar auf jener Liste, die mehr als 2000 Extremisten zur Beobachtung empfiehlt.

Wie die Attentäter der U-Bahn-Anschläge von 2005 wurden die beiden Michaels im Vereinigten Königreich geboren. Adebolajo, Sohn nigerianischer Eltern, wurde in einer christlichen Schule erzogen und konvertierte als Jugendlicher zum Islam. Vor zehn Jahren schrieb er sich an der Greenwich University ein, die auch eine „Islamic Society“ unterhält. Ob er erst dort radikalisiert wurde oder schon damals fanatischen Ideen anhing, ist unklar. Jedenfalls geriet er in den folgenden Jahren in den Dunstkreis des Hasspredigers Anjem Choudary, der die inzwischen verbotene Gruppe Al Muhajiroun anführte. Unter den Anhängern Choudarys waren viele, die später in Zusammenhang mit Terroraktivitäten festgenommen wurden. Fotos, die am Freitag in den Zeitungen veröffentlich wurden, zeigen Adebolajo, wie er bei einer Kundgebung im Jahr 2007 unmittelbar hinter dem Geistlichen steht.

„Für die Menschen hier ist er ein Held“

Das Verhalten von Choudary - auch er wurde in Großbritannien geboren - überschattete am Donnerstag die wohlklingende Versicherung des britischen Premierministers, dass der Mord das britische Volk nicht spalten könne und alle gesellschaftlichen Gruppen in ihrer Verurteilung des Terrorattentats vereint seien. Mit fast aufreizender Gelassenheit saß Choudary im Fernsehstudio der BBC und weigerte sich, die Tat als grauenhaft zu bezeichnen. Stattdessen rechtfertigte er die „Gründe“ für den Mord und stellte der Verstümmelung des jungen Soldaten das Leid der Muslime in Kriegsgebieten sowie im Lager Guantánamo gegenüber. Unter dem Widerspruch zweier muslimischer Diskussionspartner behauptete er, dass diese Sicht von der Mehrheit seiner Glaubensbrüder geteilt würde.

Ins gleiche Horn blies Omar Bakri Mohammed, der aus dem Exil in Beirut dem britischen „Independent“ ein Interview gab. Der Extremist, dem seit Jahren die Rückreise nach Großbritannien verweigert wird, erinnerte sich an Adebolajo und nannte dessen Tat „sehr mutig“. Im Islam, argumentierte der Prediger, sei die Tat zu rechtfertigen, weil „Abdullah“ - so Adebolajos selbstgewählter Name - keine Zivilisten, sondern einen Soldaten angegriffen habe. „Für die Menschen hier ist er ein Held.“

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