Home
http://www.faz.net/-hox-77114
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Armut und Abwanderung Exodus aus Bulgarien

Auch sechs Jahre nach dem EU-Beitritt ist die Lage vieler bulgarischer Bürger prekär. Dass Ärzte, Ingenieure oder Facharbeiter auswandern, ist ein bekanntes Phänomen. Neu ist hingegen die massenhafte Einwanderung bulgarischer Staatsbürger in die Sozialsysteme anderer EU-Staaten.

© dpa Vergrößern Demonstrationen gegen die Regierung: Hohe Strompreise und niedrige Löhne wollen die Bulgaren nicht länger akzeptieren

Am Montag hat der bulgarische Finanzminister und stellvertretende Regierungschef Simeon Djankow seinen Rücktritt erklärt. Der Rückzug des wichtigsten Mitglieds im Kabinett von Ministerpräsident Bojko Borissow war eine Reaktion auf seit Tagen anhaltende Proteste gegen die Regierung im Allgemeinen und gegen die nach Ansicht vieler Bulgaren zu hohen Strompreise im Besonderen. Zehntausende hatten sich in Sofia, Plowdiw und anderen Städten den Protesten angeschlossen. Wer die Langmut der Bulgaren kennt, weiß, dass einiges geschehen beziehungsweise nicht geschehen muss, bis sie in Massen auf die Straßen gehen.

Michael Martens Folgen:    

Die Demonstrationen am Wochenende waren die größten sozialen Proteste seit dem bulgarischen Hungerwinter von 1996/1997. Borissow, der sich mit seiner Partei „Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens“ bei der Parlamentswahl im Juli um eine Wiederwahl bewirbt, hat dem für die Verwaltung von EU-Geldern zuständigen Minister Tomislaw Dontschew nun auch das Finanzressort übertragen. Spätestens seit dem unter dem Druck der Straße zustande gekommenen Revirement mit Djankow als Bauernopfer ist klar: Der Wahlkampf hat begonnen.

Niedrigste Löhne, ärmstes Land

Die Proteste in Bulgarien sind nur auf den ersten Blick eine rein innenpolitische Angelegenheit. Tatsächlich haben sie zumindest indirekt etwas mit der Warnung des Deutschen Städtetags vor der Masseneinwanderung aus Bulgarien und Rumänien in das deutsche Sozialsystem zu tun.

Denn die Lage vieler bulgarischer Bürger ist auch sechs Jahre nach dem EU-Beitritt prekär. Als Bulgarien 2007 der EU beitrat, war es das ärmste Mitgliedsland. Wenn im kommenden Jahr wie geplant Kroatien als 28. Mitglied zur EU stößt, wird sich daran nichts ändern. Obwohl die neunziger Jahre für Kroatien als Folge der Okkupation durch serbische Truppen ein weitgehend verlorenes Jahrzehnt war, liegt das Wohlstandsniveau der Kroaten heute deutlich über dem der Bulgaren.

Die Hauptstadt Sofia erlebte im vergangenen Jahrzehnt zwar einen deutlichen Aufschwung, der sich in abgeschwächter Form auch in anderen Städten des Landes beobachten lässt. Doch die Provinz verödet, und die in Bulgarien gezahlten Löhne sind selbst in Sofia immer noch die niedrigsten in der EU, mit deutlichem Abstand zu den baltischen Staaten, aber auch zu Rumänien. Eine der Folgen ist, dass die Bulgaren in Scharen ihr Land verlassen, um anderswo ein besseres Auskommen zu suchen. Die bulgarischen Krankenschwestern, die vor einigen Jahren unter der absurden Anschuldigung, libysche Kinder im Auftrag des Mossad mit HIV infiziert zu haben, in den Folterkellern von Libyens damaligem Diktator Gaddafi schmachten mussten, sind der bekannteste Fall. Wer seine Heimat verlässt, um in Libyen Geld zu verdienen, muss verzweifelt sein.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Migrationsbericht Höchste Zuzugsrate in Deutschland seit 1992

Deutschland verzeichnet die höchste Einwanderung seit mehr als zwei Jahrzehnten. Die Zahl der Zuzüge übertrifft laut Bundesamt für Statistik die Anzahl der Abwanderer um beinahe eine halbe Million. Etwa drei Viertel der Zuwanderer kommen aus EU-Staaten. Mehr

21.01.2015, 10:42 Uhr | Politik
Dauerkrise im Land lässt Bulgaren resignieren

In Bulgarien finden am 5. Oktober vorgezogene Parlamentswahlen statt - es ist der dritte Urnengang in weniger als zwei Jahren. Die politische Dauerkrise hat viele Bulgaren wahlmüde gemacht; sie sehen keine Fortschritte bei wichtigen Themen wie Armut, Korruption und Konjunkturflaute. Mehr

30.09.2014, 22:01 Uhr | Politik
Wann lohnt sich Migration? Wir brauchen Zuwanderer, aber die richtigen

Belastet Zuwanderung die öffentlichen Haushalte? Nicht unbedingt. Dazu müssen Migranten aber mindestens so gut qualifiziert sein wie die hiesige Bevölkerung. Mehr Von Holger Bonin

14.01.2015, 15:29 Uhr | Wirtschaft
Amerika Familien ohne Zuflucht

Die Zahl der obdachlosen Kinder hat in den Vereinigten Staaten ein Allzeithoch erreicht. Durchschnittlich eines von 30 Kindern hatte im vergangenen Jahr zumindest kurzzeitig kein Dach über dem Kopf. Bezahlbare Unterkünfte für die Ärmsten sind in einem der reichsten Länder der Welt rar. Mehr

11.12.2014, 16:43 Uhr | Gesellschaft
Bulgarien Franzose mit Kontakt zu Paris-Attentätern festgenommen

Er war offenbar auf dem Weg nach Syrien: In Bulgarien ist schon Anfang Januar ein Franzose festgenommen worden, der Verbindungen zu einem der Attentäter von Paris gehabt haben soll. Mehr

13.01.2015, 10:02 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.02.2013, 19:27 Uhr

Jetzt muss sich Tsipras beweisen

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Für Tsipras und seine Koalitionstruppe schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit. Alles zuvor waren Versprechungen. Mit anderen Worten: Jetzt beginnt die Phase der Wählerenttäuschungen. Mehr 10 9