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Anschlag in Kopenhagen : Im Schatten des Terrors

Freie Sicht auf den Tatort: Einige Anwohner sind besorgt, andere geben sich betont gelassen. Bild: Kasper Palsnov

Eine Woche ist es her, dass ein junger Mann zwei Menschen in Kopenhagen getötet hat. Der Anschlag ließ die Stadt erstarren. Wie soll es nun weitergehen? Eine Spurensuche im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro.

          Der Junge steht im schwachen Licht eines Hauseingangs und raucht. Die Jacke dunkel, die Hose weit, das schwarze Kopfhaar kurz geschoren und an der Seite noch etwas kürzer. Noch kein Mann, aber auch kein Kind mehr. Sein Freund sitzt auf der Treppe, guckt und spuckt. Der Junge sagt: „Wir haben einen Bruder verloren.“ Der „Bruder“, den er meint, hat vor einer Woche in Kopenhagen mutmaßlich zwei Menschen erschossen. Danach erschoss ihn die Polizei. Omar Abdel Hamid El-Hussein war sein Name. Viele Jahre hat er in diesem Kiez gelebt. „Wir haben ein Stück Gold verloren“, sagt der Junge.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Das Tageslicht in Kopenhagen ist gerade verschwunden und die Kälte rasch gekommen. Feiner Regen legt sich wie ein feuchtes Tuch auf alles. Wohnblöcke stehen in verwinkelten Formationen, umschließen Innenhöfe mit Spielplätzen. Rote Klinkerfassaden, fünf Etagen, Satellitenschüsseln an vielen Balkonen. Aus einem Fenster weht träge eine Palästinenserfahne. Gepflegte Langeweile. Mjølnerpark heißt der Kiez, er liegt im Stadtteil Nørrebro. Mehr als achtzig Prozent der Einwohner in den Blöcken hier haben ausländische Wurzeln.

          Der Junge im Hauseingang redet immer schneller. Alle seien hier eine Familie, sagt er. Man werde sich nicht distanzieren von dem, was passiert sei. Sonst müssten sich die Dänen auch von ihrem früheren Ministerpräsidenten distanzieren, der Soldaten in den Irak und nach Afghanistan geschickt habe, die Zivilisten getötet hätten, Frauen und Kinder. Und warum werde Omar als Terrorist bezeichnet, fragt der Junge. Nur weil er ein Muslim sei, antwortet er sich selbst. Die Zigarette in seiner Hand brennt herunter. Er sagt wieder: „Wir haben einen Bruder verloren.“

          Alles und nichts hat sich geändert

          Omar Abdel Hamid El-Hussein fuhr am Samstagnachmittag vor einer Woche zu einem Kulturcafé, in dem über Kunst und Meinungsfreiheit diskutiert wurde, der Karikaturist Lars Vilks war auch da. Er schoss auf das Café und tötete einen Mann. Nach Mitternacht tauchte er dann vor einer Synagoge auf. Er erschoss einen jüdischen Wachmann. Seit El-Hussein in diesen Stunden den Terror nach Kopenhagen gebracht hat, versuchen die Stadt und das ganze Land zu verstehen, was passiert ist. Was nun passieren muss. Wie ergeht es den Juden, wie steht es um die Meinungsfreiheit, und woher kommt der Hass? Es sind Tage in der Schwebe. Alles scheint sich geändert zu haben. Und auch nichts.

          Die große Synagoge im Zentrum von Kopenhagen umgibt ein Zaun, und den Gehweg davor bedecken Blumen wie ein bunter Teppich. Fußgänger bleiben stehen, schweigen, fotografieren. „Wir haben ein geliebtes Mitglied der Gemeinde verloren“, sagt Obberrabbiner Jair Melchior. Den Eingang zur Synagoge bewachen nun Polizisten mit automatischen Waffen.

          Melchior sitzt in einem kargen Raum im Gemeindehaus, gleich hinter der Synagoge. Alte Gemälde von Mitgliedern der Gemeinde aus dem 18. und 19. Jahrhundert hängen an der Wand. Damals hatte die Geschichte der Juden in Dänemark längst begonnen, aus Hamburg und aus Portugal kamen sie. Heute sind es etwa 8000, die meisten leben in Kopenhagen. Seit dem Anschlag kommt Melchior kaum zur Ruhe. Er kümmert sich um die Familie des Toten, tröstet Mitglieder seiner Gemeinde, umarmt sie. Am Tag zuvor ist der Wachmann beigesetzt worden, die politische Elite des Landes war gekommen. Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt wischte sich Tränen aus dem Gesicht. Melchior sagt, er fühle sich sicher in Dänemark. Er sagt aber auch: „Wir wussten, dass so etwas passieren kann.“

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