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Veröffentlicht: 22.02.2015, 19:31 Uhr

Anschläge in der Ukraine Kleine Explosionen in der Nacht

In den ukrainischen Städten Charkiw und Odessa explodieren immer wieder kleinere Sprengsätze. Mit dem tödlichen Bombenanschlag auf einen Gedenkmarsch wächst nun die Verunsicherung. Die Hintermänner kennt man nicht.

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© dpa Experten der ukrainischen Polizei untersuchen am 19. Januar den Tatort eines Sprengstoffanschlags in Charkiw.

Die Nachrichten über Bombenanschläge in der ostukrainischen Stadt Charkiw und in Odessa am Schwarzen Meer haben sich in den vergangenen Monaten so gehäuft, dass nur noch lokale Medien davon Notiz nahmen. Vor dem Hintergrund des großen Schlachtengrollens mit tausenden Toten im Donbass erschienen die zumeist recht kleinen Sprengsätze, bei denen bisher wohl nur eine Person getötet worden war, zwar beunruhigend aber doch zu vernachlässigen. An diesem Sonntag haben sich die Täter in Charkiw jedoch Gehör verschafft, indem sie aus einem Auto heraus einen Sprengsatz auf die Teilnehmer eines friedlichen Gedenkmarsches für die Opfer des Majdan schleuderten. Mindestens zwei Menschen wurden getötet, unter ihnen ein Polizist; mehr als ein Dutzend wurden verletzt.

Der ukrainische Geheimdienst gab umgehend an, bereits mehrere Verdächtige festgenommen zu haben. Der Anschlag von Sonntag passt insofern zu den bisherigen Taten, als er offensichtlich Unterstützer des Majdan zum Ziel hatte. Auf einem Foto, das bei Twitter geteilt wurde, wurde eines der beiden Opfer mit einer großen ukrainischen Fahne bedeckt. Die ukrainischen Sicherheitsbehörden stuften die Tat, wie auch die Explosionen der vergangenen drei Monate, als einen „Terrorakt“ ein.

In Charkiw war unter anderem ein Standort der ukrainischen Nationalgarde angegriffen worden. Bei einer Explosion auf der Treppe eines Gerichtgebäudes waren im Januar mindestens zwölf Personen verletzt worden. Im Gericht hatte kurz zuvor eine Verhandlung mit einem örtlichen Politiker der nationalistischen Partei „Swoboda“ stattgefunden. Er war angeklagt worden, weil er am Tag der Parlamentswahl bewaffnet in ein Wahllokal gestürmt war. Im November waren bei einem Anschlag auf eine Bar in Charkiw, die von proukrainischen Aktivisten besucht wurde, bereits mehr als zehn Personen verletzt worden.

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Auch in Odessa waren mehrere Sprengsätze vor den Büros proukrainischer Organisationen gezündet worden, die unter anderem Nahrungsmittelpakete für ukrainischen Soldaten schnürten. Eine Bombe explodierte unter einem Auto vor der Tür einer ukrainisch-nationalistischen Bürgerwehr, eine andere vor dem ukrainischen Theater, wo ein schwerer Gullideckel meterweit durch die Luft flog, aber niemand zu Schaden kam. Größere Aufmerksamkeit erregte zuletzt Anfang Februar ein Anschlag auf eine Jugendherberge in der Nähe einer Wohnung des bekannten russischsprachigen Dichters Boris Chersonskij, der durch seine proukrainische Haltung aufgefallen war und angekündigt hatte, Odessa verlassen zu wollen, falls es besetzt werde.

Die Explosionen in Odessa ereigneten sich meist nachts, zu einer Zeit also, wenn sich fast niemand im Umkreis der Bomben aufhielt. Offenbar sollten die Explosionen nicht verletzen oder töten. Das einzige Opfer der Anschläge in Odessa war ein Mann, von dem die Sicherheitsbehörden lange behaupteten, es handle sich um den Attentäter selbst. Der Geheimdienst wollte seine Identität aber wochenlang nicht aufdecken. Ende Januar ließ die Behörde dann verlauten, der Mann sei ein Hausmeister gewesen, der den Sprengsatz wohl zufällig gefunden habe.

People carry portraits of local residents killed in fighting with pro-Russian separatists during commemoration rally in Kharkiv © Reuters Vergrößern Teilnehmer des Gedenkmarschs in Charkiw tragen Fotos von getöteten ukrainischen Soldaten mit sich.

Charkiw ist die zweitgrößte, Odessa die drittgrößte Stadt der Ukraine. In beiden Städten wird Russisch gesprochen, auch wenn eine Mehrheit der Bürger ukrainisch ist. In beiden Städten bekämpften sich im vergangenen Frühjahr prorussische Kräfte und Unterstützer der ukrainischen Übergangsregierung. Ende April wurde Charkiws Bürgermeister Gennadij Kernes durch einen Schuss schwer verletzt, erholte sich aber von dem Anschlag. Kernes wechselte seit der Revolution in Orange von 2004 mehrfach die politischen Seiten, unterstützt seit dem vergangenen Frühjahr jedoch die neue Führung in Kiew und sorgte offenbar dafür, dass prorussische Kräfte in seiner Stadt bisher nicht die Oberhand gewannen. Dennoch gilt Kernes weiterhin als Intimfeind des ukrainischen Innenministers Arsen Awakow, gegen den er einst im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt mit angeblich unsauberen Mitteln gewann.

Es ist naheliegend, hinter den Anschlägen prorussische Separatisten zu vermuten oder Kräfte, die diesen nahestehen. Ziel des Dauerterrors könnte, wie schon vielfach von ukrainischen Politikern geäußert wurde, die weitere Destabilisierung des Landes sein – auch außerhalb der Kampfgebiete im Donbass. Möglicherweise möchten prorussische Kämpfer die Aktivisten der Gegenseite einschüchtern und daran erinnern, dass die Lage auch in Charkiw und Odessa noch jederzeit zu ihren Gunsten kippen könnte. Jedoch sind auch andere Szenarien denkbar. Die Majdan-Unterstützer in Charkiw bringen ihrem wendehalsigen und exzentrischen Bürgermeister Kernes viel Misstrauen entgegen. Kaum hatte sich die Nachricht vom Anschlag am Sonntag verbreitet, geisterten schon die ersten Verdächtigungen auch in seine Richtung durch das Internet. Als in Odessa wiederum Mitte Januar die Nationalgarde im Zentrum der Stadt aufmarschierte, um in Anbetracht der Anschläge Stärke zu demonstrieren, kamen sogar bei Unterstützern der proukrainischen Seite Vermutungen auf, der ukrainische Geheimdienst könne die kleinen Bomben selbst gelegt haben, um eine vorbeugende Aufstockung der Sicherheitskräfte zu rechtfertigen.

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