http://www.faz.net/-gq5-8jizj

Bedrohte Gülen-Anhänger : Hier können Sie Nachbarn denunzieren

Hexenjagd: Anhänger von Präsident Erdogan verbrennen Bilder des Predigers Fethullah Gülen auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Bild: Getty

Ankaras Rachefeldzug gegen Anhänger der Gülen-Bewegung hat Deutschland erreicht. Auch aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich werden Übergriffe gemeldet.

          Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim ließ es am Dienstag nicht an Deutlichkeit fehlen, als er drohte, die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen mitsamt „ihren Wurzeln auszugraben, damit keine geheime Terrororganisation es je wieder wagen wird, unser gesegnetes Volk zu verraten“. Zu diesen Wurzeln zählen nach Ankaras Lesart offenbar auch Anhänger der Gülen-Bewegung in Deutschland und anderen europäischen Staaten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Viele türkischstämmige Bürger in Deutschland erhielten jedenfalls in den Tagen nach dem gescheiterten Putsch, für den Ankara Gülen verantwortlich macht, über die sozialen Netzwerke die Aufforderung, Anhänger der Gülen-Bewegung zu denunzieren. Die Rufnummer einer Hotline des Präsidialamt in Ankara wurde gleich mitgeliefert: 0090(312)5255555. [...]. Über den Internetdienst Whatsapp wurde zudem zum Boykott von bestimmten in Deutschland ansässigen Firmen aufgerufen, denen eine Nähe zur Gülen-Bewegung unterstellt wird.

          Besonders eifrige Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan haben ihre eigenen Aufrufe in den sozialen Netzwerken verbreitet: Man möge ihnen die Namen von Gülen-Anhängern in ihrer Region melden, so dass sie Selbstjustiz üben könnten.

          „Vaterlandsverräter“

          Erdogan macht den in den Vereinigten Staaten lebenden Prediger für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich; Gülen selbst bestreitet kategorisch jegliche Beteiligung. Türken oder türkischstämmige Deutsche agieren in dem Konflikt als verlängerter Arm des türkischen Staates im Ausland oder dienen sich als Vollstrecker ihres Präsidenten an.

          In einer Moschee in Hagen etwa, die dem deutschen Ableger Ditib der türkischen Religionsbehörde unterstellt ist, hingen zwischenzeitlich Plakate, auf denen es unter dem Logo der Moschee hieß: „Vaterlandsverräter raus“ und „Vaterlandsverräter haben keinen Glauben“. Weder die Moschee in Hagen noch die Zentrale von Ditib in Köln waren für eine Stellungnahme zu erreichen.

          Die Plakate sollen inzwischen wieder abgehängt worden sein. Gerichtet waren sie offenbar gegen die Anhänger Gülens, die Erdogan auch als „Vaterlandsverräter“ beschimpft. Ebenfalls wieder abgehängt wurde die Aufforderung an einer türkischen Bäckerei in Düsseldorf: „Kein Zutritt für Gülen-Anhänger“.

          „Bedroht und beschimpft“

          Mitglieder der Gülen-Bewegung berichten, dass sie in der Öffentlichkeit von Anhängern Erdogans tätlich angegriffen wurden. Einer berichtet, er kaufe aus Sicherheitsgründen nicht mehr in türkischen Geschäften ein. Auf Facebook werden Fotomontagen des Predigers Gülen am Galgen verschickt.

          Auch Hass-E-Mails machen in Deutschland und anderswo die Runde: „Die Anhänger Gülens sollen eingesammelt werden, damit man sie hinrichten oder hinauswerfen kann“, heißt es da etwa. Oder: „Laufen wir uns in Frankfurt über den Weg, werde ich deinen Hals schön zurichten, und ich schwöre dir, ich werde keine Gnade zeigen, wenn du mir in die Hände fällst.“ In mehreren deutschen Städten, darunter in Hamm, Remscheid und Würzburg, wurden die Eingänge von Bildungseinrichtung der Gülen-Bewegung beschmiert – etwa mit einem Totenkopf – und beschädigt.

          „Die Lage ist beängstigend, wir werden bedroht und beschimpft, wir erhalten Morddrohungen“, sagt Ercan Karakoyun, der Vorsitzende der Stiftung Dialog und Bildung, die der offizielle Repräsentant der Hizmet genannten Gülen-Bewegung in Deutschland ist. Einige Absender von Morddrohungen würden gar ihre Namen oder die ihrer Gruppe nennen, so etwa ein Ortsverband der nationalistischen „Grauen Wölfe“ in Duisburg.

          Schwarze Listen

          Viele Anhänger Gülens mit deutschem Pass sind in den vergangen zwölf Monaten auf den „schwarzen Listen“ der Türkei gelandet, sie können also nicht mehr in das Land einreisen, in dem sie oder ihre Eltern geboren wurden. Nun müssen sie auch in Deutschland fürchten, angefeindet oder bedroht zu werden.

          Auch an der Stuttgarter Bil-Schule haben die jüngsten Ereignisse in der Türkei für Unruhe gesorgt. Sie gehört zwar nicht zur Hizmet-Bewegung, der Schulträgerverein sympathisiert aber mit den Ideen Fethullah Gülens. Fünf Eltern haben ihre Kinder seit dem gescheiterten Militärputsch abgemeldet, am Dienstagmorgen meldete sich noch eine weitere besorgte Mutter bei der Schulleitung.

          In der Nacht von Sonntag auf Montag fuhren ein paar Autos mit türkischen Fahnen an dem Schulgebäude vorbei, passiert ist aber nichts. Auf Bitten der Schulleitung schickt die Polizei nun häufiger ein Streifenfahrzeug auf das Gelände der 2014 neu gebauten Schule im Stadtteil Bad Cannstatt, in der 440 Schüler unterrichtet werden.

          „Möglichst nicht in die Schulen tragen“

          „Die fünf Familien, die ihre Kinder abgemeldet haben, taten das, weil das familiäre Umfeld und die Nachbarn großen Druck gemacht haben. Über die politische Ausrichtung dieser Familien wissen wir nichts“, sagt Alparslan Altas, der Sprecher des Schulträgervereins. Mit Sicherheit würden die Schüler aber nach der Sommerpause nicht mehr zurückkommen. 85 Prozent der Schüler sind türkischstämmig, 90 Prozent der Lehrer seien „Bio-Deutsche“, wie der Lehrer für Mathe und Wirtschaft sagt.

          Die vierzig Lehrer habe man über die Situation unterrichtet, falls Eltern Fragen stellten. Man wolle aber die politischen Konflikte möglichst nicht in die Schule hereintragen, die Maßnahmen der Polizei seien „rein präventiv“. „Es kann gut sein, dass ein Schüler, der in Klasse 5 zu uns kommt und uns in Klasse 12 verlässt, den Namen Gülen nie gehört hat“, sagt Altas.

          Allerdings gebe es türkischstämmige Lehrer, die sich vor Verwandten für ihre Tätigkeit an der Bil-Schule jetzt stark rechtfertigen müssten; und zwei Lehrern der Cannstatter Schule ist schon vor Monaten die Einreise in die Türkei verweigert worden. Manfred Ehringer, ein ehemaliger Schulamtsleiter, mittlerweile 84 Jahre alt, hat die Bil-Schule mit aufgebaut. Ihn besorgt die Lage in der Türkei: „Unsere Lehrer wissen gar nicht, warum sie nicht einreisen durften, es muss also schon vor dieser Putschsituation Listen mit unbeliebten Personen gegeben haben“, sagt er.

          „Viele aggressive Emotionen“

          An der Bil-Schule ist es üblich, großzügigen Spendern ein Klassenzimmer namentlich zu widmen. In den sozialen Medien ist jetzt eine Liste mit 23, größtenteils türkischstämmigen Stuttgarter Unternehmern aufgetaucht, die dafür angeprangert werden, für die Bil-Privatschule gespendet zu haben. „Es gibt offenbar viele aggressive Emotionen“, sagt Ehringer, „da halte ich es für richtig, wenn die Polizei uns jetzt stärker observiert. Für die Schüler muss die Devise aber business as usual lauten.“

          Auch aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich wurden Übergriffe gemeldet. Im Großraum Lyon wurde ein von einem Gülen-Anhänger betriebenes Hotel von etwa 40 Personen gestürmt. Die Eindringlinge randalierten und zertrümmerten das Mobiliar. Auf dem Parkplatz wurden Autos beschädigt, bis die Polizei anrückte. Ein Sprecher des „Maison du dialogue“, Teoman Aydogan, sagte, es handelte sich um einen klaren Einschüchterungsversuch, der von Anhängern des Erdogan-Regimes organisiert worden sei.

          Das Hotel Turquoise in Saint-Pierre-de Chardieu ist als Versammlungsort der Gülen-Bewegung bekannt und war wiederholt von der französischen Polizei durchsucht worden. In Sens, 100 Kilometer südöstlich von Paris, wurde ein Kulturzentrum der Gülen-Bewegung in Brand gesetzt. In Mulhouse schritt die Polizei ein, weil Unbekannte das Zentrum „Horizon“ angreifen wollten.

          Schutz von Schulen verstärkt

          Auf den Websites der türkischen Konsulate in Frankreich wurden die Türken aufgefordert, verdächtige Gülen-Anhänger zu denunzieren. Der in Frankreich erscheinende Ableger der dem Gülen-Lager nahestehenden Zeitung „Zaman“ schrieb am Dienstag, dass es an sieben Orten in Frankreich zu Ausschreitungen gekommen sei.

          In Rotterdam wurde der Schutz von Schulen und Einrichtungen mit Verbindungen zu Gülen nach Zusammenstößen zwischen Erdogan- und Gülen-Anhängern verstärkt.

          Der Chefredakteur der in den Niederlanden erscheinenden Zeitung „Zaman Vandaag“, Mehmet Cerit, sagte der Zeitung „De Volkskrant“: „Ich werde schon seit zwei Jahren bedroht, aber seit diesem Wochenende hat sich die Lage sehr verschlimmert.“ Mehrere niederländische Parlamentsabgeordnete forderten die Regierung auf, die Rolle der diplomatischen Vertretungen der Türkei bei der Organisation von Pro-Erdogan-Demonstrationen zu untersuchen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Stimmung bei der AfD-Spitze ist angeschlagen. Der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen (links) versucht in den eigenen Reihen für Ruhe zu sorgen.

          Streit in der AfD : Kein Wort, zu niemandem

          Kurz vor der Bundestagswahl kann auch die AfD keinen Skandal mehr gebrauchen. Wie der Vorsitzende Jörg Meuthen verhindern will, dass Äußerungen von Frauke Petry weitere Kreise ziehen.
          Martin Sonneborn am Donnerstag im Verwaltungsgericht in Berlin

          Martin Sonneborn im Interview : Vielleicht handeln wir bald mit Devisen

          Die Partei „Die Partei“ hat sich mit dem Verkauf von Geldscheinen ein nettes Zubrot verdient. Das war rechtens, sagt nun ein Gericht. Dabei hat schon Satire-Parteigründer Martin Sonneborn ein paar Ideen, wie die Partei sonst zu Geld kommen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.