http://www.faz.net/-gq5-75z0h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.01.2013, 15:42 Uhr

Angriff auf deutsche Soldaten Land und Meute

Fünf Bundeswehrsoldaten der Patriot-Einheiten werden in der Hafenstadt Iskenderun von türkischen Ultranationalisten angegriffen. Einem der Deutschen wird ein Sack mit weißem Pulver über den Kopf gezogen. Ein Missverständnis?

von , Istanbul
© AP Oberst Marcus Ellermann, Kontingentführer der in der Türkei eingesetzten deutschen Patriot-Einheiten: Öffentlichkeitsarbeit vonnöten

Chauvinisten haben ein langes Gedächtnis. Sie bringen aber offenbar mitunter etwas durcheinander. So ließe sich jedenfalls erklären, warum ein fast zehn Jahre zurückliegendes Ereignis in der türkischen Hafenstadt Iskenderun zu einem Überfall auf fünf deutsche Soldaten geführt hat – obwohl der Angriff womöglich Amerikanern galt. Am Montag war dort die Ausrüstung für die deutschen Patriot-Einheiten an Land gebracht worden, die von Anfang Februar an, nach derzeitigem Mandat bis Ende Januar 2014, in der türkischen Provinz Kahramanmaras die Hauptstadt der Region vor einem Beschuss durch syrische Raketen beschützen sollen.

Michael Martens Folgen:

Nach Darstellung der Bundeswehr wurden die Soldaten am Dienstag um kurz vor vier am Nachmittag von etwa 40 türkischen Zivilisten bedroht. „Beim Verlassen eines Geschäfts wurden die in Zivil gekleideten Soldaten durch die Gruppe angepöbelt und bedrängt. Dabei wurde einem der Soldaten ein Sack über den Kopf gezogen, in dem sich weißes Pulver oder Puder befand“, heißt es in einer Mitteilung der Bundeswehr.

Mehr zum Thema

Türkische Sicherheitskräfte, die den offenbar zu einem Einkaufbummel aufgebrochenen deutschen Trupp begleiteten, griffen sofort ein und konnten so „eine weitere Eskalation“ verhindern, heißt es weiter. Das war womöglich nicht übertrieben, denn der einem der Deutschen über den Kopf gestülpte Sack ist ein Zitat, das in der Türkei fast jeder versteht.

Ein Vorfall, der den türkischen Nationalstolz verletzte

Die Anspielung bezieht sich auf einen Vorfall vom Juli 2003, als amerikanische Soldaten in der kurdisch geprägten Stadt Suleimanija im Nordirak elf Soldaten einer türkischen Sondereinheit überwältigten, fesselten, ihnen Säcke über den Kopf stülpten und zum Verhör nach Bagdad brachten. Einheiten der türkischen Armee operieren seit Jahren immer wieder auch im Nordirak, weil sich in der von Kurden besiedelten Region auch Lager der kurdischen Terrororganisation PKK befinden. Die Hintergründe des amerikanischen Überfalls auf die türkische Einheit konnten nie geklärt werden, da beide Seiten später Stillschweigen darüber vereinbarten. Washington beharrte aber darauf, der Zugriff sei aus „ernsthaften Gründen“ erfolgt.

Fest steht, dass er ernsthafte Folgen hatte. Der türkische Generalstab sprach von einer tiefen Verletzung des türkischen Nationalstolzes und der Ehre der türkischen Streitkräfte. Die Türkei sperrte ihre Grenzen für amerikanische Nachschubverbände. Erst drei Tage später, nachdem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei dem damaligen amerikanischen Vizepräsidenten Cheney interveniert hatte, wurden die Türken freigelassen. Die Vorstellung von den türkischen Elitesoldaten, die mit Säcken auf dem Kopf wie Terroristen abtransportiert werden, hat sich der zutiefst nationalistischen und zum großen Teil militaristischen Gesellschaft der Türkei indes tief eingeprägt.

Angreifer vermutlich Ultranationalisten

Der Vorfall diente einem türkischen Regisseur drei Jahre später als Vorlage für den vor Hass gegen Amerikaner, Juden und den Westen triefenden Film „Tal der Wölfe“. Darin wird das wegen der dort verübten Menschenrechtsverletzungen berüchtigte amerikanische Gefängnis Abu Ghraib als Konzentrationslager dargestellt, in dem ein (jüdischer) Arzt Häftlinge zur Organentnahme aussondert. Am Beginn des Films steht die Szene des Überfalls auf türkische Soldaten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Syrien Zehntausende fliehen vor IS-Vormarsch

Die Rebellen im Norden Syriens geraten immer stärker unter Druck des IS. In der Region sind auch hunderttausende Flüchtlinge eingekesselt. Gleichzeitig knirscht es zwischen der Türkei und Amerika - wegen einiger brisanter Fotos. Mehr

27.05.2016, 19:18 Uhr | Politik
Unter Vorbehalt EU-Kommission schlägt Visafreiheit für Türken vor

Die EU-Kommission hat die umstrittene Aufhebung der Visa-Pflicht für türkische Staatsbürger ab Ende Juni empfohlen. Sofern die Regierung in Ankara die restlichen fünf der 72 Voraussetzungen bis dahin erfüllt. Zu den noch offenen Forderungen gehört unter anderem, dass die Türkei einen Aktionsplan zur Korruptionsbekämpfung vollständig umsetzt. Mehr

04.05.2016, 16:38 Uhr | Politik
Nato-Außenministertreffen Auf dem Weg von Wales nach Warschau

Die EU und die Nato suchen den Schulterschluss. Gemeinsam will man den neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen im Osten und im Süden begegnen. Getrieben wird die Entwicklung von Amerika. Mehr Von Michael Stabenow, Brüssel

20.05.2016, 15:51 Uhr | Politik
Tradition Die letzten Meerschaumpfeifen der Türkei

Meerschaumpfeifen waren einst Meisterwerke türkischer Schnitzkunst. Doch die 300 Jahre alte Handwerkstradition stirbt aus. Immer weniger Menschen in der Türkei und in Europa rauchen Pfeife. Mehr

05.05.2016, 12:19 Uhr | Gesellschaft
Verhältnis zur Türkei Regierungspolitiker gelassen wegen Folgen der Völkermords-Einstufung

Der Bundestag will die Verbrechen der Türkei an den Armeniern künftig als Völkermord bezeichnen. Regierungspolitiker rechnen gegenüber der F.A.S. mit keinen gravierenden Konsequenzen. Die Türkei versucht, Abgeordnete unter Druck zu setzen. Mehr Von Thomas Gutschker

28.05.2016, 15:18 Uhr | Politik

Kleine Linke-Welt

Von Matthias Wyssuwa

Das mit der AfD hat für die Linke auch eine gute Seite. Der Aufstieg der Rechtspopulisten passt nämlich exzellent in ihre große Erzählung. Damit macht sie es sich einfach. Mehr 8