Home
http://www.faz.net/-gq5-75z0h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Angriff auf deutsche Soldaten Land und Meute

Fünf Bundeswehrsoldaten der Patriot-Einheiten werden in der Hafenstadt Iskenderun von türkischen Ultranationalisten angegriffen. Einem der Deutschen wird ein Sack mit weißem Pulver über den Kopf gezogen. Ein Missverständnis?

© AP Oberst Marcus Ellermann, Kontingentführer der in der Türkei eingesetzten deutschen Patriot-Einheiten: Öffentlichkeitsarbeit vonnöten

Chauvinisten haben ein langes Gedächtnis. Sie bringen aber offenbar mitunter etwas durcheinander. So ließe sich jedenfalls erklären, warum ein fast zehn Jahre zurückliegendes Ereignis in der türkischen Hafenstadt Iskenderun zu einem Überfall auf fünf deutsche Soldaten geführt hat – obwohl der Angriff womöglich Amerikanern galt. Am Montag war dort die Ausrüstung für die deutschen Patriot-Einheiten an Land gebracht worden, die von Anfang Februar an, nach derzeitigem Mandat bis Ende Januar 2014, in der türkischen Provinz Kahramanmaras die Hauptstadt der Region vor einem Beschuss durch syrische Raketen beschützen sollen.

Michael Martens Folgen:

Nach Darstellung der Bundeswehr wurden die Soldaten am Dienstag um kurz vor vier am Nachmittag von etwa 40 türkischen Zivilisten bedroht. „Beim Verlassen eines Geschäfts wurden die in Zivil gekleideten Soldaten durch die Gruppe angepöbelt und bedrängt. Dabei wurde einem der Soldaten ein Sack über den Kopf gezogen, in dem sich weißes Pulver oder Puder befand“, heißt es in einer Mitteilung der Bundeswehr.

Mehr zum Thema

Türkische Sicherheitskräfte, die den offenbar zu einem Einkaufbummel aufgebrochenen deutschen Trupp begleiteten, griffen sofort ein und konnten so „eine weitere Eskalation“ verhindern, heißt es weiter. Das war womöglich nicht übertrieben, denn der einem der Deutschen über den Kopf gestülpte Sack ist ein Zitat, das in der Türkei fast jeder versteht.

Ein Vorfall, der den türkischen Nationalstolz verletzte

Die Anspielung bezieht sich auf einen Vorfall vom Juli 2003, als amerikanische Soldaten in der kurdisch geprägten Stadt Suleimanija im Nordirak elf Soldaten einer türkischen Sondereinheit überwältigten, fesselten, ihnen Säcke über den Kopf stülpten und zum Verhör nach Bagdad brachten. Einheiten der türkischen Armee operieren seit Jahren immer wieder auch im Nordirak, weil sich in der von Kurden besiedelten Region auch Lager der kurdischen Terrororganisation PKK befinden. Die Hintergründe des amerikanischen Überfalls auf die türkische Einheit konnten nie geklärt werden, da beide Seiten später Stillschweigen darüber vereinbarten. Washington beharrte aber darauf, der Zugriff sei aus „ernsthaften Gründen“ erfolgt.

Fest steht, dass er ernsthafte Folgen hatte. Der türkische Generalstab sprach von einer tiefen Verletzung des türkischen Nationalstolzes und der Ehre der türkischen Streitkräfte. Die Türkei sperrte ihre Grenzen für amerikanische Nachschubverbände. Erst drei Tage später, nachdem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei dem damaligen amerikanischen Vizepräsidenten Cheney interveniert hatte, wurden die Türken freigelassen. Die Vorstellung von den türkischen Elitesoldaten, die mit Säcken auf dem Kopf wie Terroristen abtransportiert werden, hat sich der zutiefst nationalistischen und zum großen Teil militaristischen Gesellschaft der Türkei indes tief eingeprägt.

Angreifer vermutlich Ultranationalisten

Der Vorfall diente einem türkischen Regisseur drei Jahre später als Vorlage für den vor Hass gegen Amerikaner, Juden und den Westen triefenden Film „Tal der Wölfe“. Darin wird das wegen der dort verübten Menschenrechtsverletzungen berüchtigte amerikanische Gefängnis Abu Ghraib als Konzentrationslager dargestellt, in dem ein (jüdischer) Arzt Häftlinge zur Organentnahme aussondert. Am Beginn des Films steht die Szene des Überfalls auf türkische Soldaten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nato-Manöver in Polen Einer für alle und alle für einen

Die Nato reagiert mit dem ersten Gefechtsmanöver ihrer neuen Speerspitze in Polen auf russische Bedrohungen. Verteidigungsministerin von der Leyen spricht von rein defensiven Maßnahmen. Mehr Von Johannes Leithäuser, Sagan

18.06.2015, 20:30 Uhr | Politik
Syrische Kurden IS-Hochburg an Grenze zur Türkei erobert

Die syrischen Kurden konnten eine Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat erobern. Die türkische Regierung zeigt sich besorgt. Mehr

16.06.2015, 17:11 Uhr | Politik
Parlamentsvorbehalt bleibt Nicht mehr nur die Armee Deutschlands

Die Zustimmung des Bundestags zu bewaffneten Einsätzen der Bundeswehr im Ausland bleibt weiter notwendig. Die Rühe-Kommission hat aber nun konkrete Vorschläge gemacht, wie sich die Mitsprache des Parlaments effizienter umsetzen lässt. Mehr Von Johannes Leithäuser, Berlin

16.06.2015, 17:18 Uhr | Politik
IS Türkei und Amerika wollen tausende syrische Rebellen ausbilden

Die Vereinigten Staaten wollen im Kampf gegen die Terrormiliz IS Soldaten als Ausbilder in die Region schicken. Sie sollen dort Kämpfer gemäßigter Rebellengruppen trainieren. Mehr

21.02.2015, 09:55 Uhr | Politik
Bundestag Parlament verlängert Auslandseinsätze

Der Bundestag hat die Auslandseinsätze der Bundeswehr vor der libanesischen Küste und in Mali verlängert. Auch den älteste Einsatz der deutschen Armee billigten die Parlamentarier, trotz der Gegenstimmen der Linken. Mehr

19.06.2015, 11:47 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.01.2013, 15:42 Uhr

Der Zweck der Nato

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Deutschland steht im Mittelpunkt zweier Krisen. Und ja, es zögert und zaudert gelegentlich. Doch das darf unsere Bündnistreue nicht in Zweifel ziehen. Mehr 17 11