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Flüchtlingskrise auf Kos : Ein Ort, den es in Europa nicht geben dürfte

  • -Aktualisiert am

Lager unter freiem Himmel: Flüchtlinge auf der griechischen Insel Kos Bild: AFP

Auf der griechischen Insel Kos hausen Flüchtlinge als Obdachlose am Strand oder in einem verlassenen Hotel. Sie wollen nur eines: schnell weg.

          Auf halber Strecke zum Anleger drehen sich die Gäste der Urlaubsinsel Kos gerne noch ein letztes Mal um, bevor sie im Abendrot die Fähre nach Athen besteigen. Sie werfen dann einen wehmütigen Abschiedsblick auf die uneinnehmbar hohen Mauern der Festung, die bunten Sonnenschirme an den Stränden, die Fischrestaurants an der Hafenpromenade und die Ausflugssegler.

          Ghazal Bouta und ihr Mann werfen keinen einzigen Blick zurück. Die junge Mutter mit der schneeweißen Tunika und dem lachsfarbenen Kopftuch schiebt ihre Tochter in einer Kinderkarre mit einer Geschwindigkeit in Richtung Abfahrt, als würde man sie jagen. Um keinen Preis der Welt würden sie das Schiff verpassen wollen, auf das sie seit einer Woche warten.

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          Familie Bouta hebt sich durch die frischen Kleider und die Karre etwas ab von den anderen Flüchtlingen aus Syrien, die in einer lange Schlange zum Fähranleger laufen. Viele tragen matte Säuglinge über den Unterarm gehängt, an den Händen weitere Kinder und Tüten. Sie alle haben Tage auf der griechischen Insel Kos verbracht, an die sie sich nicht gern erinnern werden. „Es war grauenhaft“, sagt Ghazal Bouta. Das Wort hat Wucht, wenn es jemand wählt, der aus Homs kommt, einer Stadt, von der nach Jahren des Bürgerkriegs außer Trümmern nicht viel übrig ist. Der Ehemann trägt einen Arm bandagiert. Splitterbombe, sagen sie. Deshalb übernimmt seine Frau das Kinderwagenschieben. Das Reden übernimmt sie auch, weil sie als Übersetzerin tadellos Englisch spricht. Und weil sie so wütend ist, dass es einfach heraus muss.

          Bild: F.A.Z.

          Wie Bittsteller, wie den letzten Dreck, wie Tiere habe man sie behandelt, sagt Bouta. Die kleine Familie gehörte zu den Flüchtlingen, die vor einer Woche in einem alten Stadion mitten in der Inselhauptstadt Kos unter sengender Sonne eingesperrt wurden. Alle sollten sich dort versammeln, um registriert zu werden, hatten die Beamten gesagt. Am Montag strömten tausend Menschen hinein, am Dienstag wohl noch einmal so viele. Dann schloss die Polizei die Türen und öffnete sie 18 Stunden lang nicht mehr. Ghazal Bouta und ihr Kind kauerten sich wie die anderen Frauen und Kinder an den Rand des leeren Stadions, wo Mauern und Bäume einen schmalen Schatten werfen. Die Männer standen in der Mitte und warteten.

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          Doch es geschah nicht viel. Zwei oder drei Polizisten nahmen quälend langsam die Pässe entgegen, von denen, die noch welche hatten, und füllten die Zettel aus, die Flüchtlinge brauchen, um in die griechische Hauptstadt weiterreisen zu können, wo sie Asyl beantragen können. Die Augustsonne brannte auf die Steine hinunter und es gab im Stadion kein Trinkwasser, keine Nahrung und fast keine Toiletten. „Können Sie sich das vorstellen?“, fragt Bouta. Nach einem Tag wurden selbst junge starke Männer ohnmächtig. Die Leute von „Ärzte ohne Grenzen“, der einzigen internationalen Hilfsorganisation vor Ort, schlugen Alarm. Als Ghazal Bouta und ihr Mann merkten, wie gefährlich die Lage wurde, kletterten sie mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Kind über eine Mauer und einen Müllcontainer in die Freiheit.

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