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Abschuss von MH 017 : Massenmord über der Ostukraine

Trümmerteile an der Absturzstelle in der Ostukraine Bild: Reuters

Ist der Tod von rund 300 Menschen, die mit dem kriegerischen Konflikt im Osten Europas nicht das Geringste zu tun hatten, das aufrüttelnde Ereignis, das diesem Konflikt eine Wende gibt? Danach sieht es nicht aus. Ein Kommentar.

          Im Moment kann man sich nur auf Vermutungen stützen bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was das malaysische Flugzeug mit 298 Menschen an Bord zum Absturz gebracht hat. Aber es gibt Indizien, die es plausibel erscheinen lassen, dass es ein rücksichtsloser, ruchloser militärischer Akt war, verübt von prorussischen Separatisten in der Ostukraine, die das Flugzeug auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur mit einer Boden-Luft-Rakete abschossen; möglicherweise haben sie es mit einem ukrainischen Militärflugzeug verwechselt.

          Zu diesen Indizien gehören unter anderem die Äußerungen der Präsidenten Russland und Amerikas. So sagte Putin sinngemäß, den Vorfall hätte es nicht gegeben, wenn nicht die Kriegshandlungen in der Region wieder aufgeflammt wären (ein scharfes Dementi in eigener Sache ist das übrigens nicht). Und Obama sprach nicht mehr von einer Tragödie, einer Art Naturkatastrophe, nachdem er von seinen Geheimdiensten ins Bild gesetzt worden war.

          Ein Ereignis, das eine Wende bringt?

          Wer ist also schuld? Und wenn tatsächlich die Separatisten das Flugzeug mit einem hochkomplexen Luftabwehr-System abgeschossen haben, zu dessen Bedienung sie nicht alleine in der Lage gewesen sein dürften: Was wird, was soll nun geschehen? Ist der Tod von rund dreihundert Menschen – Niederländern, Australiern, Amerikanern, Malaysiern, Indonesiern, Deutschen, Briten, Filipinos, Belgiern –, die mit dem kriegerischen Konflikt im Osten Europas aber auch gar nichts zu tun hatten, das aufrüttelnde Ereignis, das diesem Konflikt eine Wende gibt?

          Jedenfalls hatten Nato-Länder schon vor dem Geschehen am Donnerstag mit Besorgnis registriert, dass Russland wieder Truppen an der russisch-ukrainischen Grenzen zusammengezogen hat und dass Waffen, auch schweres Gerät, über die Grenze gebracht und an die Separatisten geliefert wurden. Das straft die Beteuerungen des Kreml Lügen, Russland sei allein an einer friedlichen Lösung interessiert.

          Will Europa weiter Illusionen nachlaufen?

          Danach sieht es nicht aus: Es will sich in diesen Konflikt einmischen; es will die Ukraine destabilisieren; es will seinen Einfluss wahren – was an sich nicht verwerflich ist, es kommt aber auf die Mittel und auf die Ziele dabei an. Aber wie der russische Plan für die Zeit „danach“ aussieht, das wird immer unklarer. Bei Lichte besehen, hat sich Russland in eine Sackgasse manövriert, und zwar nicht nur, weil es der Geister, die es rief, offensichtlich nicht mehr Herr wird.

          In den Vereinigten Staaten wird der Ton jetzt schärfer; belogen und getäuscht fühlt man sich von Putin schon lange. Obama dürfte vom Kongress noch mehr bedrängt werden, die militärische Hilfe für Kiew auszuweiten. Die Europäische Union wiederum wird nun entscheiden müssen, ob sie die Sanktionsschraube kräftig anzieht oder ob sie weiterhin Illusionen nachläuft. Das muss freilich auch einschließen, dass sie auf Kiew einwirkt, eine vernünftige, ernstgemeinte Politik mit entsprechenden Angeboten an die russophone Bevölkerung des Landes zu verfolgen.

          Ein britische Zeitung hat gestern daran erinnert, dass es in der Geschichte schon aus geringfügigerem Anlass zum Krieg gekommen sei. Man mag es sich nicht vorstellen, wenn sich Russland und die Ukraine, wo die Mehrheit der Bürger sich Moskau nicht mehr unterwerfen will, in offener Konfrontation gegenüberstünden. Der Abschuss eines Verkehrsflugzeuges stellt jedenfalls eine Eskalation dar, und wenn es sich „nur“ um eine Verwechselung handelt – durch Leute freilich, denen man alles zutrauen muss. Der Ort, an dem das Flugzeug aufschlug, bietet ein Bild des Grauens. Das reicht. Aber die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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          Quelle: F.A.Z.

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