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Veröffentlicht: 15.04.2015, 12:55 Uhr

Flüchtlinge im Mittelmeer Bis zu 400 Menschen ertrunken

Abermals sind afrikanische Flüchtlinge vor Küste Libyens in Seenot geraten, weil ihr Schiff kenterte. Die italienische Küstenwache konnte nur 144 der wahrscheinlich mehr als 500 Menschen retten. Italien fühlt sich alleingelassen.

von , Rom
© AP Ein Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer im Juni vergangenen Jahres.

Immer größer wird die Zahl der Flüchtlinge, die von Libyen aus nach Europa wollen und immer brutaler die Methoden der Menschenschlepper. Jetzt sollen nach Augenzeugenberichten vor der Küste des nordafrikanischen Landes bis zu 400 Flüchtlinge aus dem südlichen Afrika ertrunken sein, teilte ein Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM) am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit. Noch sei der genaue Hergang der Katastrophe ungeklärt, aber auf dem fraglichen Schiff hätten sich zunächst wohl 560 Menschen befunden, die italienische Küstenwache habe aber nur 144 Migranten retten und neun Leichen bergen können, nachdem das Schiff gekentert war. Auf dem Weg von der Unglücksstelle nach Reggio Calabria brachte eine der Überlebenden ein Kind zur Welt. Eine weitere Schwangere soll auf der Überfahrt gestorben sein.

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Noch am frühen Mittwoch leitete die italienische Küstenwache eine groß angelegte Rettungsaktion ein; aber bis zum späten Mittag wurden nach Angaben der Agenturen keine weiteren Menschen geborgen. Mittlerweile wird von der schlimmsten Flüchtlingskatastrophe seit dem Tod von 360 Menschen im Oktober 2013 vor der italienischen Insel Lampedusa gesprochen. Derweilen steigen die Migrantenzahlen. Seit Beginn des Jahres konnten bereits 19.000 Menschen geborgen werden; seit vergangenem Freitag rettete die Küstenwache etwa 8500. Mittlerweile sind die Auffanglager in Italien überfüllt. Das gerade erst renovierte Camp auf Lampedusa, das für gut 250 Menschen ausgelegt ist, muss derzeit 1400 versorgen. Innenminister Angelino Alfano rief die Regionen auf, weiteren Lagerkapazitäten zu schaffen. Im Oktober hatte der Innenminister die Behörden noch einmal verpflichtet, die Identität jedes Einwanderers zu sichern und die nach den EU-Richtlinien nötigen Behördendurchläufe zu beschleunigen.

© afp Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken

Die italienische Marine berichtet unterdessen, dass die Menschenschlepper immer aggressiver werden. Gemeinhin nehmen die Rettungsschiffe die Barken oder Kutter der Migranten mit nach Europa. Doch jetzt wurde das schon zweimal von den Menschenschleppern verhindert: Nachdem die Migranten an Bord geborgen worden waren, eröffneten in den kleinen Booten übrig gebliebene Männer das Feuer auf die Besatzung der Rettungsschiffe, gaben Vollgas und flüchteten zurück nach Libyen. Augenzeugen berichten unterdessen von den katastrophalen Zuständen in dem vom Bürgerkrieg erschütterten afrikanischen Land: „In der Nähe von Tripoli lebten wir für vier Monate in einer Sardinenfabrik, wir waren mehr als 1000 Leute“, wurde eine Frau von der italienischen Agentur Ansa zitiert: „Wir haben nur einmal am Tag gegessen und konnten nichts machen. Wenn man mit einem Freund oder Nachbar gesprochen hat, wurde man geschlagen.“

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Im Oktober vergangenen Jahres war das italienische Rettungsprogramm „Mare Nostrum“ ausgelaufen und von der EU-Grenzschutzmission „Triton“ abgelöst worden. Menschenrechtler und Hilfsorganisationen sehen darin aber mehr Anstrengungen zur Grenzkontrolle und Abschreckung als ein Rettungsprogramm. „Triton“ darf nur längs der EU-Grenzen operieren. Damit trägt der italienische Küstenschutz die volle Last weiter und operiert auch vor der libyschen Küste, denn sie muss den internationalen Geboten folgen, wonach man retten muss, wenn einen SOS-Rufe erreichen.

Italien fühlt sich alleingelassen. Außenminister Paolo Gentiloni sagte: „Europa tut viel zu wenig“. Italien komme mit den drei Millionen Euro Hilfe monatlich nicht aus; auch müsse das Flüchtlingsproblem in den Ursprungsländern gelöst werden. Der Parteichef der rechtspopulistischen Lega, Matteo Salvini, forderte gar seine Anhänger auf, Immobilien zu blockieren, die die Regierung zur Unterbringung der anwachsenden Zahl von Flüchtlingen nutzen will. „Wir besetzen die Hotels!“. Wenn er an der Regierung wäre, würde er der Küstenwache Anweisung geben, keinen einen einzigen Migranten an Bord zu nehmen, drohte Salvini. Schätzungen zufolge warten in Libyen bis zu einer Million Menschen vor allem aus dem südlichen Afrika und Syrien auf eine Überfahrt nach Europa.

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