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Flüchtlinge am Eurotunnel : Eine Schande für Europa

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Aber auch die Franzosen klagen: Sie glauben, dass sie britische Versäumnisse ausbügeln müssen und für die untätigen Nachbarn die Drecksarbeit machen sollen. Großbritannien wird in der französischen Presse als „Eldorado der Illegalen“ („Le Figaro“) beschrieben. Kritisiert wird, dass es dort noch immer keinen Personalausweis gebe und Schwarzarbeit leicht zu finden sei. Jetzt plant die britische Regierung hohe Strafen für Leute, die illegale Migranten beherbergen. Außerdem schickt London ein paar Millionen Pfund nach Calais, für noch höhere Zäune und mehr scharfe Hunde.

Flüchtlingszahlen in Calais vergleichsweise niedrig

Die Europäische Union will ebenfalls helfen. Und die Betreiberfirma des Eurotunnels soll gefälligst ihre Verpflichtungen erfüllen, etwa Löcher im Zaun schließen, die, so berichten britische Medien, schon 2002 existiert haben. Böse Zungen behaupten, die finanziell angeschlagene Tunnelfirma nutze das Elend, um mehr Staatshilfe zu bekommen. Kommissionspräsident Juncker ließ Ende der Woche mitteilen, er sei „fassungslos“.

Während Juncker die Fassung verliert, Paris und London seit Jahren über ein paar hundert Flüchtlinge streiten, müssen deutsche Kommunen tagtäglich mit dem Mehrfachen fertigwerden. Die Zahlen, um die es in Calais geht, sind nämlich vergleichsweise niedrig: Etwa 3000 Personen, überwiegend junge Männer, sollen um den Tunneleingang auf ihre Chance warten. Das ist knapp ein Drittel der Zahl derer, die jede Woche in Deutschland ankommen.

Nahe des Eurotunnels warten Flüchtlinge auf die Dunkelheit, um nach Großbritannien zu gelangen.

Ein anderer Vergleich: Innerhalb von zwei Tagen haben Marineschiffe vergangene Woche mehr Flüchtlinge aus dem Mittelmeer geborgen, als in dem gesamten Calais-Elend hausen. Großbritannien hat im vergangenen Jahr etwa 24.000 Asylbewerber aufgenommen, Deutschland rechnet in diesem mit fast einer halben Million Antragsteller. Der riesige Unterschied kann nicht bloß damit zu tun haben, dass in Deutschland recht hohe Sozialleistungen auf jeden gemeldeten Neuankömmling warten.

London nutzt Insellage aus

Die gibt es in Großbritannien nicht, dort kommt man aber auch ohne Papiere und mit allerlei Gelegenheitsjobs über die Runden. Jedenfalls ist es das, was die Flüchtlinge von Freunden und Verwandten hören, die es geschafft haben. Außerdem sprechen viele Neuankömmlinge schon etwas Englisch. Anders als in Frankreich ist auch die Arbeitslosigkeit niedrig.

Dennoch nutzt London seine Insellage aus und weigert sich strikt, bei einer etwas gerechteren Verteilung der Flüchtlinge und Migranten mitzumachen. Dabei kommen viele, auch in Calais, aus Ländern und Gegenden, denen britische Truppen in den vergangenen Jahren zwar Feuer und glühenden Stahl, aber wenig Frieden gebracht haben: Irak, Afghanistan, Libyen.

Arbeiter bauen einen Zaun, um den Eurotunnel vor Flüchtlingen abzuschirmen.

„Calais Teil europäischer Probleme“

Immerhin haben sich die Innenminister Frankreichs und Großbritanniens, Bernard Cazeneuve und Theresa May, nach dem Schlagabtausch vergangene Woche auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt, die sich wie ein politischer Waffenstillstand liest. Darin heißt es, man wolle die Probleme zusammen angehen, einfache Lösungen gebe es nicht, man müsse schärfer unterscheiden zwischen Asylbewerbern und Wirtschaftsflüchtlingen. Und außerdem sei Calais Teil europäischer Probleme, denn die meisten der Migranten seien über Italien oder Griechenland gekommen.

Die Erkenntnis, dass Flüchtlingsfragen eine gemeinsame europäische Sache sind, ist immerhin keine schlechte Nachricht. Denn es wird höchste Zeit für eine gemeinsame EU-Asylpolitik, vergleichbare Versorgungsstandards, abgestimmte Integrationsangebote, Abschieberegeln und endlich auch Verteilungsquoten. Wenn die Lage in Calais dazu beitragen würde, den europäischen Regierungen diese Einsicht etwas näher zu bringen, dann hätte das Elend wenigstens etwas bewegt.

Peter Carstens

Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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